Lade Inhalte...

Antisemitismus In der Mitte der Gesellschaft

Wegweisend: Die Evangelischen Kirchen stellen sich in einer neuen Broschüre ihrem Umgang mit dem Antisemitismus.

Dieser Text ist ein Eingeständnis: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat eine schmale, aber gewichtige Handreichung für „Gemeinden und interessierte Menschen“ zum „aktuellen“ Thema Antisemitismus herausgebracht. Der wichtigste Satz lautet: „Antisemitismus ist eine Realität in der Mitte der Gesellschaft und so auch in der Mitte der Kirchen.“ Das ist in der Kirchengeschichte so deutlich noch nicht gesagt worden, auch nicht in der wichtigen EKD-Schrift zu „Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt“ von 2015. Es ist dies ein bemerkenswert ehrlicher und entsprechend einschneidender Satz, dem das schmerzliche Bekenntnis zur eigenen Geschichte vorausgeht. Denn Antisemitismus ist nicht bloß eine hässliche Begleiterscheinung des Protestantismus – er hat diesen entscheidend geprägt.

Die neue Broschüre, gemeinsam mit der Union Evangelischer Kirchen und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche verfasst, will deshalb „aus historischer Verantwortung für jahrhundertelanges kirchliches Versagen, aber auch aus theologischer Überzeugung“ Position beziehen: „Christlicher Glaube und Judenfeindschaft schließen einander aus.“ Entsprechend finden sich Sätze von wünschenswerter Klarheit.

Die EKD holt damit nach, was in der Forschung längst Konsens ist: dass eben der Antisemitismus in sehr verschiedenen und zugleich stets stereotypen Mustern die Geschichte des Protestantismus (wie der Kirche allgemein) durchzogen hat. Vor zwei Jahren fand in Berlin die gewichtige Konferenz zu „Protestantismus, Antijudaismus, Antisemitismus“ statt, deren Vortragstexte jetzt dankenswerterweise in Buchform vorliegen (herausgegeben von Dorothea Wendebourg, Andreas Stegmann und Martin Ohst, Mohr Siebeck, Tübingen 2017, 556 S., 89 Euro). Arnulf von Scheliha schreibt darin etwa über den „theologisch manifesten“ Antijudaismus nach dem Ersten Weltkrieg: Dass das Christentum die jüdische Religion „überwunden“ habe, war seinerzeit die gemeinsame Prämisse des nationalen Luthertums – und ist bis heute ein weitverbreitetes antisemitisches Klischee.

Wie schwer es ist, sich davon zu lösen, ist noch an Formulierungen dieser Broschüre abzulesen. Die Judenfeindschaft habe „durch die Jahrhunderte hindurch die Lehre und Praxis der Kirchen begleitet“, heißt es hier zunächst. Das entspricht dem alten Denken, demzufolge Antisemitismus bloße Begleiterscheinung war und ist. Der darauf folgende Satz lautet dann aber im Widerspruch dazu: „Ihre eigene Identität vermochte die christliche Kirche nur in feindlicher Abgrenzung vom Judentum, das an Gottes Bund mit Israel festhielt, zu beschreiben.“ Mit ihm wird bekannt, dass der Antisemitismus in den Innenbereich christlicher Theologie geholt wurde. Daran wird deutlich, dass die Kirche, vorsichtig formuliert, noch auf dem Weg ist, ihre antisemitischen Wurzeln gänzlich auszureißen.

Entsprechend hilft gegen Ausgrenzung nicht nur, wie in der Broschüre vorgeschlagen, den „versteckten Antisemitismus“ aufzudecken. Es braucht die Erkenntnis, dass Nicht-Juden von Juden lernen können, dass interreligiöse Toleranz nicht nur gegenseitiges Anerkennen bedeutet, sondern die Erwartung einander als Bereicherung zu erfahren.

Die Broschüre hofft hier auf ein „reflektierendes, sorgfältiges Lesen biblischer Texte“, um antijüdischen Klischees begegnen zu können. Und sie behauptet, dass es eine „Lebenshaltung, die sich an der von Gott geschenkten Freiheit orientiert“ nicht „nötig“ habe, „Identität und Selbstwertgefühl durch die Herabsetzung und Ausgrenzung anderer zu gewinnen“. Gerade das hatte der Protestantismus jedoch lange nötig. Um dieses Ausgrenzungsdenken zu überwinden, wird es deshalb mehr brauchen als sorgfältiges Lesen: die Erneuerung des Protestantismus selbst.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum