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Antiken-Ausstellung „Mythos Olympia“ Ein Weitsprung für die Menschheit

Wahrhaftig sagenhaft: Die Ausstellung „Mythos Olympia“ im Martin-Gropius-Bau ist eine große Erzählung von religiöser Leidenschaft und kultischer Begeisterung für den Wettstreit.

Nachgestellte Szene der Olympischen Spiele. Foto: dpa

Wahrhaftig sagenhaft: Die Ausstellung „Mythos Olympia“ im Martin-Gropius-Bau ist eine große Erzählung von religiöser Leidenschaft und kultischer Begeisterung für den Wettstreit.

Griechenland, in Europa wird man sich vielleicht noch entsinnen, ließ lange Jahre eigentlich nichts zu wünschen übrig, und das lag auch an Olympia. Für das fabelhafte Image sorgte ein regelrechter Kultort, den bereits um 1000 v. Chr. einige einflussreiche, damals archaische Griechen andachten, in bewusster Hinwendung zu Zeus. Der war ihr größter Gott.

Dem Allgewaltigen gewidmet wurde Olympia ausdrücklich im Jahr 776 v. Chr., es wurde zu einem Datum, das dann nachfolgende Generationen zum Anbeginn der „olympischen Zeitrechnung der Antike“ erklärten. Olympia wurde zu einem weithin strahlenden Ziel, und das nicht nur alle vier Jahre. Das begnadete Fleckchen Erde, weit im Westen der Peleponnes, hatte seine festen Einrichtungen, Wohnbauten, ein Luxushotel, eines Tages auch Schatzhäuser, zuvor bereits Werkstätten und Bildhauerateliers. Trainingslager und Stadion machten den Standort komplett.

Vor allem brachte Olympia die Massen wegen eines Heiligtums auf die Beine. Die Annäherung von der Stadt Elis aus, etwa 40 Kilometer entfernt, war ein Ritual, sie vollzog sich wohl nicht nur mit der Feierlichkeit von Kirchgängern heute. Ziel war der Zeustempel, auch wegen der darin eingehausten Skulptur des Allgewaltigen. Für die Antike war die monumentale und, dem spätrömischen Augenzeugen Pausanias zufolge, überdimensionierte Plastik eines der sieben Weltwunder. Was für ein Standortfaktor.

Das Abbild des Zeus, erwiesenermaßen ein Werk des Bildhauers Phidias aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., ist auf immer verloren gegangen, deshalb ist es nicht von ungefähr eine Statuette, die den Auftakt der Olympia-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau bildet. „Ich gehöre Zeus“, so wurde es dem Läufer in den bronzenen rechten Schenkel geritzt; die Plastik, die einen jungen Wettläufer in angespannter Haltung zeigt, ist kaum größer als ein Zeigefinger. Ich gehöre Zeus – damit verharrt der Athlet auf der Schwelle zum Start. Doch bei aller sklavischen Bindung eines freien Griechen an seinen Gott, ist durch den Körper die Bewegung gegangen. Um 490 v. Chr. entstanden, wird das spätarchaische Kunstwerk zum Fingerzeig für die Belebung der Körper. Olympia machte mobil, so zeigt es der kleine Mann, und das tut er am Anbeginn der wunderbaren Ausstellung „Mythos Olympia – Kult und Spiele“.

Der Zuschauer als Akteur

Eleftherios Ikonomou von der Griechischen Kulturstiftung Berlin hatte die Idee; von ihr ließen sich gleich mehrere Institutionen anstecken, neben der Griechischen Kulturstiftung das Griechische Kulturministerium, das Deutsche Archäologische Institut sowie, nicht nur als Ausstellungsort, der Martin-Gropius-Bau. Über 500 Leihgaben konnten nach Kreuzberg gelost werden, aus dem Nationalmuseum Athen, aus dem Museum in Olympia, aus dem Vatikanstaat, aus Rom, aus Dresden und München, aus Paris und aus der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin.

Konzipiert von den Archäologen Hans-Joachim Gehrke und Wolf-Dieter Heilmeyer ist der „Mythos Olympia“ zu einer der großen Erzählungen religiöser Leidenschaft und kultischen Begeisterung für den Wettstreit geworden. Und alle machten mit. Es ist eine Scherbe, das Fragment einer Vase, die den antiken Zuschauer in seiner enthusiastischen Hingabe an dieses Lebensprinzip zeigt, getürmt auf einer Tribüne. Was für eine Rarität: Da sieht man mit einem Male, wie sich bereits Griechenlands Antike für den Rezipienten als Akteur stark machte.

Die Reichtümer wurden in vier Abteilungen zusammengetragen, mit insgesamt 16 Kabinetten wird das historische Umfeld des Heiligtums, der Zeuskult selbst, die Erforschung Olympias sowie die soziale Bedeutung des antiken Sports veranschaulicht. Es fängt damit an, dass die Schau im Gropius-Bau die Ursprünge des Kultes in Olympia in das 12. Jahrhundert, also in die Zeit der mykenischen Welt nicht bloß datiert; sie bebildert das. Unweit von Olympia erst vor wenigen Jahren in mykenischen Gräbern geborgen, werden die Funde, Halsketten und Rasiermesser, Lanzenspitzen und Amphoren, Bügelkannen oder Becher, in Berlin erstmals öffentlich präsentiert.

Olympia hat seine archaische Vorgeschichte, und im Gropius-Bau wird daraus eine wahrhaftig fundierte Frühgeschichte dank der Archäologie. Ihretwegen ist auch Olympia glücklicherweise ein weites Feld. Und so darf die Geschichtsschreibung einmal mehr eine Vordatierung vornehmen.

Gipsabgüsse in makellosem Weiß

Die Festspiele von Olympia, die Wettkämpfe und religiösen Feierlichkeiten, waren die zweifellos bedeutendsten Spiele der griechischen Antike, da gibt es, bei aller Meinungsvielfalt sonst, keine zwei Meinungen. Es gab, neben dem Zeuskult, auch den Kult um einige Nebengötter, Hera, Artemis, Demeter. Doch so reich die griechische Vielgötterei, der Zeuskult bildete das rituelle Zentrum Olympias. Das veranschaulicht dann auch ein Kabinett mit neun unterschiedlichen Rekonstruktionen des Heiligtums, und der Raum ist nicht nur eine Galerie der Spekulationen, sondern, nicht von ungefähr, ein Spiegelkabinett für das den antiken Gott betrachtende menschliche Subjekt, den Gropius-Bau-Besucher.

Dass die Ausgrabungsgeschichte ein Kapitel für sich ist, kommt vielleicht ein wenig unvermittelt in der Ausstellung. Dass im Anschluss an französische Pioniere der Wiederentdeckung, 1829, Berliner Archäologen zu Größen in Olympia aufstiegen, ist nicht etwa berlinischem Archäologiepatriotismus geschuldet, auch wenn Friedrich Wilhelm IV. als König von Preußen dermaßen begeistert von den olympischen Ausgrabungstaten war, dass er sich im Anschluss an einen Vortrag von Ernst Curtius „am liebsten mit der Sammelbüchse“ an den Ausgang der Veranstaltung gestellt hätte.

Das war am 10. Januar 1852. Doch über diese schöne Anekdote hinaus: Im Gegensatz zu osmanischen Gepflogenheiten, so zeigen es Dokumente unter Glas, waren die Ausführungsbestimmungen, die das Deutsche Reich mit dem Königreich Griechenland unterschrieb, kulturpolitisch mustergültig – und sind tadellos heute noch, bieten sie doch keinen Anlass zu Restitutionszwistigkeiten oder Raubkunstdebatten.

Inventarbücher liegen aus, und dokumentieren, wie sehr alles in geordneten Bahnen verlief – und das unter der Sonne der Götter Griechenlands, die, erwiesenermaßen, sehr unberechenbare Wesen waren, in ihren Stärken wie ihren Schwächen enorm menschlich. Dass Griechenlands Gottheiten eine zugleich schier übermenschliche Herausforderung waren, führte der Zeustempel Griechenlands Gläubigen vor Augen.

Makellos weiß präsentieren sich im Lichthof des Gropius-Baus die Gipsabgüsse der Originalfragmente des Westgiebels des Tempels (aus Athen) und des Ostgiebels (aus dem westfälischen Münster). Dass die Welt der Götter eine sehr bunt bemalte war, beweisen Modelle und Details, darunter Bröckchen aus blauer oder roter Farbe in den Umgängen des Lichthofs. Dass die Reinigung etwa des Augiastalls kein schlichtes Ausmisten war, zeigt der starke Arm der Athena. Aus den Vatikanischen Museen kommt eine Rarität, eine Wettläuferin, deren rechte Brust entblößt ist. Es handelt sich um eine Leihgabe.

Ende durch das Christentum

Auch verrät man nicht zu viel, wenn man sagt, das Olympias Ende in spätrömischer Zeit herbeigeführt wurde durch das Christentum. Intoleranz arbeitete am Traditionsbruch und vergriff sich an einer schönen großen Idee. Man muss nur sehen, mit welcher anmutigen Vehemenz und energischen Beschwingtheit eine griechische Göttin hinabfuhr vom Himmel auf die Erde. Die Nike des Paionios tat’s. Auch sie mag das im Gropius-Bau aus Gips tun; dass sie den „reichen Stil“ repräsentierte, glaubt man sofort, wenn sie, wie auch an ihrem heutigen Wirkungsort, dem Archäologischen Museum von Olympia, dem Betrachter entgegenfliegt mit wehenden Gewand. Das geschah bereits 421 v. Chr..

Olympias Wiederbelebung war nicht erst eine Tat im frühen 19.?Jahrhundert, nein, noch vor der Wiederentdeckung im Zuge des griechischen Freiheitskampfes (1821–1829), der Beschwörung des Gemeinschaftssinns im Geiste der Polis, noch vor den „Olympien“ von Athen, die seit 1859 die uralte Festidee als kapitale Messen und kapitalistische Marketingmaßnahmen aufgriffen, noch vor den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, 1896 in Athen, waren Olympiaenthusiasten schon 1612 daran gegangen, die „Olimpic Games upon Cotswold-Hills“ südlich von Birmingham ins Leben zu rufen. 1776 geschah dann Ähnliches im Fürstentum Anhalt-Dessau, so im Park von Wörlitz (wie ja auch Wörlitz überhaupt zu einem kleinen Weltwunder aufstieg).

Diese historische Abschweifung ist nicht nur eine Anekdote. Denn Olympia war als Ideenstätte normbildend. Olympia, bei aller Feier des Körpers, ist immer auch so etwas wie ein politisch-rationaler Appell gewesen, nicht bloß sinnenfreudig-dionysischer Kultort, vielmehr Orientierungsort der panhellenischen Gemeinschaft, im Zeichen einer Idee, die dem Zusammenhalt galt. Das so zu sehen ist in Zeiten der Krise Europas natürlich kein unwichtiger Aspekt. Vielleicht machen daher selbst Scherben und Reste eine nicht allein sehr ferne Zeit besser verständlich.

Normbildend war Olympia auch als Menschenbildproduktionsstätte, und so steht nicht von ungefähr am Anfang der Ausstellung der kleine Bronzewettkämpfer, inszeniert vor einer Fototapete, einen Rundhorizont von Olympia. Im letzten Saal, man kann darin so etwas wie einen Bogen erkennen, den die Ausstellung schlägt, tritt der Besucher vor eine lebensgroße Marmorskulptur. In einer Gemeinschaft von äußerst perfekten Körpern und Köpfen ist die Statue eines Diskuswerfers zu sehen, die ursprünglich der große Myron aus Bronze schuf.

Die römische Kopie aus Marmor, auch sie ein Wunderwerk an Lebendigkeit und Energie, entstand rund 600 Jahre später. Der Schwung aus dem ganzen Körper, für jeden Diskuswerfer nur ein kleiner Schritt, wurde durch Myron bereits um 450?v. Chr. zu so etwas wie einem Weitsprung für die Menschheit.

Martin-Gropius-Bau, bis zum 7. Januar 2013.

Der wahrhaftig monumentale Katalog ist im Prestel-Verlag erschienen (600?Seiten, 1000 Abbildungen, 49,95?Euro).

Neben dem Katalogteil analysieren rund 50 Beiträge die Bedeutung Olympias.

www.gropiusbau.de

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