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Antifeministische Netzwerke und „Demo für alle“ Wo sich „linksversifft“ und „Homolobby“ treffen

Von der „Frühsexualisierung“ bis zum „Genderwahn“: Der Soziologe Andreas Kemper spricht über Diskurskoalitionen von rechten Katholiken mit der Moon-Sekte und den Versuch, online aufzuklären.

Demo fuer Alle Bildungsplangegner demonstrieren auf dem Schillerplatz in Stuttgart Befuerworter
Auf dem Schillerplatz in Stuttgart demonstrieren Teilnehmer der Demo für Alle. Foto: imago

Herr Kemper, Sie haben mit dem „Diskursatlas zum Antifeminismus“ ein themenspezifisches Wiki ins Leben gerufen. Was bietet die Plattform an Informationen, die ich ansonsten im Netz nicht finde?
Wir befassen uns intensiv mit der Sprache des Antifeminismus, mit antifeministischen Diskursthemen, wie sie sich in Narrativen wie „Frühsexualisierung“, „Homolobby“, „Keimzelle der Nation“, „Genderwahn“ usw. finden. Mit dem Wiki können wir die Verkettungen wie in einem Puzzle darstellen und zwar dynamisch wie eine Wetterkarte. Das heißt, wir können sehr zeitnah auf die Veränderungen der sprachlichen Formationen reagieren. Entscheidend sind hier die antifeministischen Diskurskoalitionen, die sich kontinuierlich ändern, denn natürlich sind auch Netzwerke nichts statisches. Der Diskursatlas ist bewusst als ein dynamisches Projekt angelegt, als work-in-progress.

Es ist die Fortsetzung des „Agent*In-Projekts“ von 2017. Wieso war es nötig, eine neue Seite zu entwickeln?
Bis zum Sommer 2017 steckten wir unsere Zeit vor allem in Recherche und juristische Überprüfung der 430 Artikel auf dem Portal. Wir hatten seinerzeit die Befürchtung, dass die antifeministischen Anwaltsvereine auf Unterlassung klagen würden. Das ist nicht geschehen, stattdessen wurde die Enzyklopädie moralisch als „Online-Pranger“ angegriffen, obwohl sich nur ein kleinerer Teil der Artikel mit Personen befasste. Es lagen jedoch schon viele Artikel zu den Narrativen vor, daher wollten wir das in Abstimmung mit der feministischen und queeren Community weiterentwickeln.

Was kam Ihnen dann dazwischen?
Die Böll-Stiftung nahm schon nach zwei Wochen die Online-Enzyklopädie aus dem Netz. Daraufhin entschieden wir uns, die Gewichtung zu ändern. Das Portal „Agent*in“ hatte den Schwerpunkt auf antifeministischen Netzwerken, der Diskursatlas geht von der sprachlichen Seite des Antifeminismus aus. Das ist aber nur eine graduelle Änderung, da Diskurskoalitionen nur zu verstehen sind, wenn die Narrative in der Sprache und die Netzwerke der Akteurinnen und Akteure betrachtet werden, also beide Seiten der Diskurskoalition.

Erklären Sie bitte den Begriff der Diskurskoalition in diesem Zusammenhang.
Eine Diskurskoalition hat zwei „Puzzle“-Ebenen, die Diskursthemen und Diskursakteure: zum einen das sprachliche „Puzzle“ miteinander verknüpfter Diskursthemen und zum andere das politische Netzwerk-„Puzzle“ miteinander verbundener Organisationen und Personen (Diskursakteure). Wenn beispielsweise der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen beim rechtsnationalen Lager der Höcke-Fraktion von „rotgrünversifften 68ern“ spricht, dann hat dies zwei Ebenen. Der inhaltliche Gehalt „versifft“ knüpft an alte rassistische und antisemitische Narrative der Gleichsetzung von Syphilis und Zivilisation an. Gleichzeitig ist der Ausdruck ein „Emblem“, ein politisches Bekenntnis zu einer Gruppe, mit dem Meuthen eine diskursive Koalition mit dem anti-islamischen Hassprediger Akif Pirincci eingeht.

Hat Meuthen das wirklich gesagt?
Mehrfach, unter anderem in seiner Rede beim Stuttgarter AfD-Bundesparteitag. Einen expliziten Bezug zu Pirincci stellte Marc Jongen her, der als „Kulturbeauftragter“ der AfD die „Entsiffung des Kulturbetriebes“ in Angriff nehmen will: Es ist eine „Anspielung“ auf das mittlerweile „geflügelte Wort“ Akif Pirinccis. Sie spielen sich gegenseitig die Bälle zu, das ist die Diskurskoalition.

Warum brauchen wir einen Diskursatlas, oder anders: Was läuft gerade schief?
Aktuell ist ein konspiratives antifeministisches Netzwerk mit dem Namen „Agenda Europe“ aufgeflogen. Ein 134-seitiges internes Papier zur „Wiederherstellung der natürlichen Ordnung“ zeigt, wie weitverzweigt dieses Netzwerk arbeitet. Dort widmen sie mehrere Seiten der Relevanz der Sprache. Und sie sind erfolgreich, in vielen Staaten werden die emanzipatorischen Rechte von Frauen und LGBTI (dt. Abk. für Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/Transgender und Intersexuell, d. Red.) wieder zurückgedreht.

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