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Anselm Kiefer London Um Leben und Tod

In London und am Ende der Welt: Eine Ausstellung für Anselm Kiefer in der Royal Academy. Und der einzigartige Schauplatz seiner Werke nahe dem südfranzösischen Barjac.

10.10.2014 16:20
Peter Iden
Anselm Kiefer: Palmsonntag. Foto: Martina Greiling

Dieser Künstler habe die Wiederkehr erwirkt der großen Erzählungen einer mit Geschichte befassten Malerei und habe damit beigetragen zur nachhaltigen Erneuerung der europäischen Kunst: Sehr ehrenvoll, was Christopher Le Brun, Präsident der Royal Academy of Arts und selber ein Künstler wie alle Mitglieder der 1768 gegründeten Akademie, in deren Kreis vor schon fast zwanzig Jahren auch Anselm Kiefer gewählt wurde, der soeben eröffneten Londoner Retrospektive auf Kiefers Werk im Katalog vorausschickt.

In elf hohen und weitläufigen Sälen werden dem englischen und internationalen Publikum Beispiele aus nahezu allen Phasen von Kiefers Oeuvre gezeigt. Beginnend mit den auf die Verstörungen des jungen Künstlers durch die Nazizeit reagierenden Arbeiten der frühen 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts und endend mit neuen Bildern, die (allerdings eher von weit her) Bezug nehmen auf den Plan des amerikanischen Senators Morgenthau gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, zur Bestrafung der Deutschen deren Wälder abzuholzen, vermeintlich die Quelle aller Energien dieses Volkes.

Unseliges Heldentum

Zwischen jenen Anfängen, als Kiefer die Fragwürdigkeit heroischer Gesten thematisiert, indem er sich selbst an den unterschiedlichsten Orten mit dem Hitlergruß darstellt, und damit, von manchen damals missverstanden, Zeichen setzt gegen das Vergessen der Folgen des unselig falschen deutschen Heldentums, und den jüngsten Bildern, deren politischer Gehalt nicht leicht auszumachen ist, in denen wohl aber etwas nachwirkt von der Faszination des jungen Malers an der Kunst van Goghs – zwischen diesen Positionen also: Kiefers Kosmos.

Entfaltet oft in großen, mehrere Meter hohen und breiten Formaten, haben die Motive immer zu tun mit dem, was unter dunklen Himmeln auf Erden vor allem an Zerstörungen, Untergängen, Katastrophen geschehen ist und geschieht.

Geknickte Sonnenblumen

Auch die Hoffnungszeichen der Sonnenblumen sind geknickt und verwelkt, in „Die Orden der Nacht“ (von 1969) liegt im Vordergrund ein Mensch auf dem Rücken, vielleicht Kiefer selber, hoch über sich mit hängenden, schwarzen Köpfen die längst verdorrten Blumen. Hoffnung könnte auch bewahrt sein in Büchern – jedoch hält auch dieses Versprechen den Zerstörungen nicht stand: Entweder sind die Bücher aus Blei oder sie stecken als angesengte Papiere in den Furchen riesiger, brachliegender Felder („Für Paul Celan. Aschen Blume“, 330 x 760 x 40 cm, von 2006).

Schon dreißig Jahre zuvor hatte Kiefer ein Bild „Malerei der verbrannten Erde“ genannt. Die Retrospektive in London ist ganz auf diesen Ton gestimmt. Im Vorhof des imposanten Palastes der Royal Academy sind in gläsernen Kästen bleierne U-Boote zu sehen in verschiedenen Phasen ihres Sinkens. Und in einem der Säle drinnen dann in einer breiten, dreiteiligen Vitrine seitwärts im Gestrüpp eines Waldes kleinere Bruchstücke der eingestürzten „Jericho-Türme“ aus Beton, deren große Versionen seit einem Jahrzehnt in den ehemaligen Werkhallen der Firma Pirelli eine, wenn nicht d i e Kunst-Attraktion Mailands sind.

Sand, Lehm, Stroh, Asche

Betonierte Türme, schrundige und aufplatzende Bildgründe aus Sand, Lehm, Stroh, Asche, eingefügte Bleitafeln – das Material von Kiefers Werken ist schon als solches Teil von deren Botschaft. Sie ist, mit Ausnahme einiger munter aquarellierter, aber nicht unbedingt dem Rang der Werke sonst entsprechender Erotika, in London nicht von der frohen Art. Was aber als unbestreitbar starker Eindruck bleibt, ist Kiefers Insistieren darauf, dass es in der Malerei um etwas geht. Nicht um Einfälle, Mätzchen, Marktgeschrei, Medienpräsenz. Sondern tatsächlich: um Leben und Tod.

Eine eigens für die Ausstellung geschaffene Skulptur, „Die Erdzeitalter“, besteht aus wie Abfall wahllos übereinander geschichteten Leinwänden, dazwischen allerhand totes Zeug; und wieder die Reste von Sonnenblumen. Und schwarze Brocken, womöglich die Trümmer von Meteoriten. Kiefer unterwirft auch sein eigenes Werk dem Gesetz der Vergänglichkeit: Wird nicht derart eines Tages alles unbedeutend werden, niemand mehr wissen wollen, was auf den Leinwänden einst zu sehen war, alles – und wir alle auch – einfach verschwinden, vergehen?

Es gibt einen entlegenen Ort, wo Anselm Kiefers Kosmos noch eine andere Dimension hat als jetzt in der Londoner Ausstellung. 1993 hatte der Künstler seine beiden Ateliers im Odenwald (in Walldürn-Hornbach und Buchen) verlassen, Ateliers, die zugleich Schauplätze seiner Werke waren und auch ohne ihn geblieben sind. Er hatte sich im Süden Frankreichs, nahe Barjac, am Rande der Cevennen, knapp zwei Autostunden nordwestlich von Avignon niedergelassen. Unterstützt vom damaligen französischen Kultusminister Jacques Lang, bezog er den Bau einer ehemaligen Seidenfabrik, zu dem ein Areal von 35 Hektar gehört. Während der seitdem vergangenen zwanzig Jahre hat Kiefer, verstreut auf diesem Gelände, etwa drei Dutzend Installationen geschaffen, die, zum Teil inszeniert in eigens dafür entworfenen Glashäusern, aber auch tief unter der Erdoberfläche gelegenen Räumen, eine weltweit unvergleichliche, tatsächlich einzigartige zeitgenössische Kunstlandschaft bilden.

Kiefers Begabungen

In extremem Ausmaß wird hier deutlich, was die Kunst der Moderne nach der im 20. Jahrhundert erreichten Erweiterung des Repertoires ihrer Mittel, also ihres Vokabulars, an Weltnahme wie an Kommentierung der Welt zu leisten im Stande sein kann. Historisch drängt sich die Erinnerung auf an das Wirken Leonardos, als er auf Einladung des französischen Königs Franz I. in Amboise und der weiteren Umgebung als Maler und Bildhauer, aber auch als Baumeister, Erfinder von Bewässerungssystemen und Naturforscher tätig war.

Kiefers Begabungen sind ähnlich vielseitig. Er hat das wüste Stück Land, das bestanden ist von Wald und dichtem Gestrüpp, auch einen See gibt es, mit schmalen, holprigen Wegen durchzogen, einer Art von Parcours, der die über das Terrain verteilten Installationen miteinander verbindet. Wobei der gesamten Anlage die Absicht zugrunde liegt, jedes einzelne der Werke in einen engen Zusammenhang mit der unmittelbar angrenzenden Natur zu bringen.

So haben die gläsernen Wände der an Gewächshäuser erinnernden Bauten für die Installationen die Funktion von Membranen, durchlässig halten sie die Werke drinnen offen für die Natur draußen und die Natur offen für die Energien der Werke.

Vergessene Geistesgrößen

Damit ist ein Grundgedanke aller bildnerischen Vorhaben Kiefers verwirklicht: Es geht ihm immer um diejenigen Formen der Verwandlung, die aus Zerstörung, Untergang, Verfall etwas Anderes, Neues entstehen lassen. Vergehen und Werden, im Leben das Bewusstsein des Todes, jedes Absterben als Voraussetzung für Zukunft – für Kiefer liefert die Natur das Lehrstück dafür. Das wird in Barjac anschaulich.

Wie in London sind auch hier Verfall und Verlust durchgängig verfolgte Motive. Bezeugt von den Köpfen und den Namen vergessener deutscher Geistesgrößen, von verlorenen, am Boden ausgestreuten Buchstaben, der umgestürzten Palme als Chiffre für den Verlust des Vertrauens in die christliche Religion, wieder den verwelkten Sonnenblumen, den Resten von Flugzeugen und gesunkenen Schiffen, den leeren Blechwannen für die „Frauen der Revolution“. Höhepunkt des verzweigten Parcours sind zehn der wundersamen hohen Turm-Ruinen, wie man sie in Mailand sehen kann, Mahnmale vergangener Kulturen, hier aufgerichtet am Ende der Welt.

Indem jedoch die Erzählungen von so viel Hinfälligkeit eingebettet sind in Natur, so, als gingen sie daraus hervor und wären ein Element davon, bewahren sie, wie die Natur, die Idee der Möglichkeit einer Hoffnung auf Erneuerung und Zukunft. Damit wird in Barjac eine für Kiefers Denken und sein Oeuvre wesentliche Besonderheit erkennbar, die keine Ausstellung in geschlossenen Räumen zureichend vermitteln kann.

Der Begriff des Künstler-Ateliers ist in Barjac neu zu definieren. Wie sich die einzelnen Stationen in einem unvollendeten, auf seltsame Weise provisorischen Zustand befinden, so ist auch die ganze Anlage, die zu Fuß gründlich zu erschließen mindestens fünf Stunden verlangt, nach wie vor Werkstatt, ein Kunst-Natur-Labor, in dem Vorgänge der Transformation untersucht werden, das aber zugleich sich auch selbst ständig verändert. Das gilt im übrigen auch für die Halle von enormen Ausmaßen in Paris-Croissy, in die Kiefer inzwischen umgezogen ist. Unter die Erde zu gehen, war allerdings nur in Barjac möglich.

Dort tun sich an mehreren Stellen des Terrains Schächte auf, die über Leitern hinabführen in oft große unterirdische Säle. Kiefer bezeichnet seine Arbeitsweise gern als „vertikal“, wie ein Archäologe hebt er Dinge, Gedanken, Zusammenhänge, die begraben wurden von der Zeit, ans Licht unserer Tage. Und belässt ihnen dabei doch ihr Geheimnis.

Manchmal sind schon die dem Terrain abgetrotzten Säle für sich genommen, ohne Exponate, von beeindruckend enigmatischer Eigenheit. So ist es ein überwältigender Moment, unvermittelt einzutreten in ein Amphitheater. Für einen Augenblick möchte man Dramen und Schauspieler imaginieren, die hier gespielt werden und auftreten könnten. Und versteht dann plötzlich (wie geht das zu?), was der Raum wirklich erzählt: Dass a l l e Schauspieler hier längst schon aufgetreten sind, a l l e Stücke der Welt hier längst schon gespielt wurden, eh und je.

Ein Schauplatz in Berlin?

All das ist im Prinzip öffentlich bislang nicht zugänglich. Auf unbestimmte Zeit vertagt wurde die Verwirklichung des Plans, Barjac als französisch-deutsches Kulturprojekt zu organisieren, der Künstler würde Frankreich unter bestimmten Bedingungen die Werke überlassen, die BRD hätte aufzukommen für die Kosten der Unterhaltung.

Neben den logistischen Problemen der Erreichbarkeit von Barjac hat auch politischer Kleinmut dazu geführt, den Plan zunächst aufzugeben. Ebenso ist das Projekt angedacht worden, für Kiefer einen ständigen Schauplatz in Berlin zu entwickeln. Im Gespräch waren mehrere Möglichkeiten, zuletzt das Areal des früheren Flughafens Tempelhof, als ein Ort deutscher Geschichte für die Kunst Kiefers so beziehungsreich wie kaum ein anderer.

Auch hier hat aber leider politische Kleingläubigkeit triumphiert. Da haben wir einmal einen, der sehr viel vermag und damit sehr viel gilt, weit über Deutschland hinaus. Und wir gehen mit ihm um auf das Nachlässigste.

Royal Academy, London: bis 14. Dezember. www.royalacademy.org.uk.

Die Anlagen bei Barjac in Südfrankreich sind öffentlich bisher nicht zugänglich.

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