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Andy Warhol Ein Attentat auf den Mann

Vor 50 Jahren überlebte Andy Warhol in seiner New Yorker Factory einen Mordanschlag.

Andy Warhol
Andy Warhol entging 1968 knapp dem Tod - und war auf einen Schlag ein gefragter Künstler. Foto: imago stock&people

Es war im Juni 1968 in New York City, als Andy Warhol zum ersten Mal starb. Klinisch tot lag er im Krankenhaus, seine inneren Organe waren zerfetzt – dann, so erzählt man es sich, holte ihn ein Chirurg mit einer Herzmassage ins Leben zurück. Es folgten eine fünfeinhalbstündige Operation und zwei Monate im Hospital. Danach war nichts mehr wie vorher. Andy Warhol – zuvor vornehmlich Kunst-Insidern ein Begriff – war nicht nur traumatisiert und ängstlich geworden. Er war fortan ein Star. Die Preise für seine Kunst schossen in die Höhe. Den Ruhm verdankte er Valerie Solanas, der Frau, die ihn ins Koma geschossen hatte.

Warhol war am Vormittag des 3. Juni unterwegs gewesen, beim Anwalt, beim Arzt und im Kaufhaus. Am Nachmittag kam er in der Factory an, einer Art Künstlerkommune, in der er einen Haufen schräger Typen um sich scharte. Hier machten sie Filme und Musik, nahmen Drogen und feierten sich selbst. Draußen vor der Tür traf Warhol Solanas. Er kannte sie und nahm sie im Aufzug mit nach oben in die Fabriketage. Dort angekommen zog Solanas einen Revolver aus einer Papiertüte und schoss auf Warhol. Der sprang auf. Irgendwer erinnerte sich später, dass der Künstler geschrien hatte: „Nein! Nein! Valerie! Tu’s nicht!“ Warhol kroch unter den Schreibtisch, Solanas kam näher. Erst mit dem dritten Schuss traf sie – in die Brust. Lunge, Milz, Leber, Magen und Speiseröhre waren verletzt. „Es tat so weh, dass ich am liebsten tot gewesen wäre“, erinnerte sich der Künstler.

Attentäterin führte radikalfeministische Gruppe an

Gut drei Stunden später ging Solanas auf dem Times Square auf einen Verkehrspolizisten zu und ließ sich festnehmen. Als Begründung für ihren Mordversuch gab sie an, dass sie die herabwürdigende Rolle der Frauen in Warhols Filmen habe rächen wollen.

Schnell stellte sich heraus, dass die Attentäterin geistig nicht ganz gesund war: Die Frau hatte eine radikalfeministische Gruppe namens S.C.U.M. gegründet. Scum, für Abschaum – und als Abkürzung für „Society for cutting up men“, Gesellschaft für das Zerstückeln von Männern. Sie hatte auch ein Manifest verfasst: „Heute ist es technisch möglich, sich ohne die Hilfe der Männer (...) zu reproduzieren und ausschließlich Frauen zu produzieren. Wir müssen sofort damit beginnen“, heißt es darin. Und weiter: „Der Mann ist eine biologische Katastrophe: Das männliche y-Gen ist ein unvollständiges weibliches x-Gen, das heißt, es hat eine unvollständige Chromosomstruktur. Mit anderen Worten, der Mann ist eine unvollständige Frau, eine wandelnde Fehlgeburt, die schon im Genstadium verkümmert ist. Mann sein heißt, kaputt sein; Männlichkeit ist eine Mangelkrankheit, und Männer sind seelische Krüppel.“

Solanas, von der es später hieß, dass sie schizophren gewesen sei, forderte nichts weniger als die Ausrottung des männlichen Geschlechts. Sie schlug die Errichtung von Selbstmord-Zentren vor, in denen sich Männer „unauffällig, schnell und schmerzlos“ vergasen lassen könnten.

Warum sie ausgerechnet auf Andy Warhol losging, den eher androgyn als machohaft auftretenden Dandy, lässt sich vielleicht mit verletzter Eitelkeit erklären. Solanas wollte, dass er ein Theaterstück von ihr produzierte, doch ihm soll die Vorlage zu obszön gewesen sein. Dem Untersuchungsrichter erklärte sie später, Warhol habe sie blockiert, er habe ihr etwas antun wollen, sie habe nichts zu bereuen. Solanas wurde schließlich zu drei Jahren Haft verurteilt, die sie in der Psychiatrie absaß. Warhol musste fortan ein Korsett tragen und ließ sich mit seinen Narben von dem Fotografen Richard Avedon porträtieren. Solanas erstickte 1985 in einem Obdachlosenasyl in San Francisco an einem Lungenemphysem. Warhol starb zwei Jahre später überraschend an den Komplikationen einer Gallenblasenoperation in einem Krankenhaus in Manhattan.

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