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Algorithmus und Aura

Junge Meister: Jorinde Voigt und Ralf Ziervogel im Neuen Kunstverein Gießen

Manchmal kann man die Schrift gar nicht lesen. So gesehen entsteht der Eindruck, man habe etwas Wesentliches nicht verstanden, nicht verstehen können, worum es hier eigentlich geht. Die Worte, so viel immerhin lässt sich auf Anhieb erkennen, wiederholen sich nach einem präzisen Rhythmus. Ihre Kombination mit Pfeilen oder mathematischen Zeichen, es müssen Hunderte sein pro Blatt, suggeriert, dass es sich um wissenschaftliche Analysen handelt, Diagramme, erstellt zur Veranschaulichung physikalischer Phänomene. Und so ist es.

Die Arbeiten von Jorinde Voigt beschäftigen sich mit Impulsen, Fraktalen, der Fibonacci-Reihe und Algorithmen, und weil ein Algorithmus letztlich mehr oder weniger alles zum Thema haben kann, geht es bei Jorinde Voigt um mehr oder weniger alles. Zum Beispiel darum, wie oft und wie lange zwei sich küssen, die Flugbahnen von Adlern, die Tagestemperatur, den Einschlag von Bomben - Jorinde Voigt macht daraus Partituren.

Die Künstlerin, die 1977 in Frankfurt geboren wurde, mittlerweile in Berlin lebt und derzeit im Neuen Kunstverein Gießen und im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden ausstellt, verdichtet Zeit und Bewegung zu filigranen Zeichnungen: Strahlen, die sich fächerförmig ausbreiten, konzentrische Wirbel, geordnetes Chaos. Wellen, die sich in elegantem Schwung über das Blatt bewegen. Choreografien für Schmetterlingsflüge, so scheint es, deren Verästelungen und Spiegelungen eine berauschende Dynamik entfalten. Formschöne Diagramme mit tiefernsten Inhalten, in denen alles einander beeinflusst, alles mit allem zusammenhängen kann, und deren Rätselhaftigkeit eine starke Anziehungskraft besitzt.

Jorinde Voigt möchte wissen: "Wie sieht die Gleichzeitigkeit von so vielen Gegenwarten aus?" Dafür hat sie ein System mit eigenen Regeln gefunden, das so komplex wie subjektiv ist. Dass ihre Bilder, die man von allen Seiten "lesen" kann, vor allem als schön wahrgenommen werden, sei ihr völlig egal, sagt sie, darum gehe es nicht.

Als schön wurden die Zeichnungen von Ralf Ziervogel, der ebenfalls im Neuen Kunstverein Gießen unter dem Titel "Terz" ausstellt, bislang nicht gerade empfunden. Im Gegenteil galt der 1975 in Clausthal-Zellerfeld geborene Künstler stets als manischer Meister bizarrer Pandämonien. Ziervogel war einer, der ganze Papierbahnen mit Obszönitäten und Folterszenarien vollkritzelte. Massaker, die sich auf beängstigend harmonische Weise zu Ornamenten formen, deren von Faszination geprägter Aura man sich deshalb bisweilen schwer entziehen kann.

In Gießen nähert man sich Ziervogels erstaunlich kleinformatigen Blättern deshalb vorsichtig. Kneift vorsorglich die Augen zusammen, doch dann ist da - nichts. Zumindest nichts Grausames, sondern sanft geschwungene Bögen ungeahnt zarten Gestrichels. Es handele sich um Explosionen und Implosionen, sagt Ziervogel, der wie Voigt in Berlin lebt. Rein zeichnerisch mache das doch keinen Unterschied.

Neuer Kunstverein Gießen: bis 21. Juni. www.kunstverein-giessen.de - Die Wiesbadener Voigt-Ausstellung läuft noch bis zum 8. Juni

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