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AfD Warum wählt der Osten so rechts?

Warum dauert die Integration der neuen Länder so lange? Ein Grund: Der Osten hinkt ökonomisch dem Westen ein gutes Stück hinterher – und das wird auch so bleiben.

Oberbürgermeister-Konferenz Ost tagt in Bautzen
Bautzen in Sachsen, wo die Oberbürgermeister ostdeutscher Städte gerade ihre Herbstkonferenz hatten. Foto: Monika Skolimowska (dpa-Zentralbild)

Was ist eigentlich im Osten los? Das fragen wieder erschrocken viele politische Kommentatoren. Wieso wählt der Osten so anders als der Westen – und vor allem so rechts? 28 Jahre nach der friedlichen Revolution, 27 Jahre nach der Vereinigung und 12 Jahre nach Amtsantritt einer ostdeutschen Kanzlerin erscheint das kaum begreiflich. Dabei ist es historisch gesehen in verschiedenerlei Hinsicht nicht so ungewöhnlich.

Warum wählt der Osten AfD?

Da gibt es einmal naheliegende Gründe. Der Osten hinkt ökonomisch dem Westen ein gutes Stück hinterher – und das wird auch so bleiben. All die schöne Infrastrukturpolitik und Unternehmensförderung kann das nicht ändern. Die Arbeitsplätze, die einmal verloren gegangen sind, kommen meist nicht wieder. Durch die Privatisierungen und Liquidationen der Treuhand gingen von 1990 bis 1994 fast zwei Drittel der ostdeutschen Industriearbeitsplätze verloren. Ein bis heute heikles Thema. Im Osten wird dieser Niedergang von vielen als „Ausverkauf“ wahrgenommen. Hinzu kommt, dass gerade verantwortungsvolle und gut bezahlte Arbeitsplätze im Osten meist von „Zuwanderern“ aus den alten Bundesländern besetzt wurden.

Dies alles vermittelte ein Gefühl der Geringschätzung und Vernachlässigung bei etlichen Ostdeutschen. Zudem verstärkte es die Integrationsprobleme der „gelernten DDR-Bürger“ in das neue demokratische und kapitalistische System der Bundesrepublik, das zwar große Freiheiten mit sich brachte, aber eben auch den Verlust von Sicherheit und vielen Gewissheiten. Alle Werte und Orientierungen, ja selbst alltägliche Routinen verloren an Bedeutung, doch sie blieben Teil der Identität der Ostdeutschen. Diese Disposition haben Politik, Publizistik und Wissenschaft lange unterschätzt. Dabei hätte man – und hier hilft ein historisch etwas weiterer Blick zurück – einige Probleme durchaus vorhersehen können.

Zuwanderer aus den alten Bundesländern

Eine strukturell vergleichbare Situation erlebte Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Nationalsozialismus mit seiner rassistischen, nationalistischen und antidemokratischen Ideologie war zwar im Feld besiegt, aber längst noch nicht in allen Köpfen. Gesprochen wurde darüber natürlich lieber nicht. Behelfsweise lobten vor allem ältere Deutsche die schöne Zeit im Kaiserreich. Die neue Demokratie, verordnet von den Alliierten, sahen viele Bürger hingegen skeptisch. Amerikanische Sozialwissenschaftler wie Gabriel Almond und Sydney Verb konstatierten eine autoritätsgläubige Untertanenkultur, die vor allem an den politischen Ergebnissen interessiert ist und nicht am demokratischen Prozess.

Zweifel an der zweiten deutschen Demokratie hatte auch der große Soziologe Ralf Dahrendorf. Er kritisierte in seinem Buch „Gesellschaft und Demokratie“ 1965 die konfliktscheue Gesellschaft hierzulande, in der antidemokratische Ressentiments und obrigkeitsstaatliches Denken verhinderten, dass sich liberale Prinzipien durchsetzten. Er war zu Recht davon überzeugt, dass ein friedlich ausgetragener Konflikt am meisten zum sozialen Wandel und zur Gewinnung von Freiheit beiträgt.

Das neue politische und gesellschaftliche System überzeugte die Bürger und Bürgerinnen erst langsam. Die Demokratie hätte es trotz ihrer engagierten Verfechter in Politik und Publizistik sogar noch schwerer gehabt, wenn nicht die erfolgreiche Westbindung, das Charisma von Kanzler Konrad Adenauer und die Abgrenzung vom Feind im Osten die Basis für einen politischen Konsens begünstigt hätten. Letztlich war allerdings entscheidend, dass sich die demokratische Bundesrepublik im Gegensatz zur Weimarer Republik als stabil erwies und obendrein der Wohlstand fast aller wuchs.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier AfD

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