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Adorno-Preis für Judith Butler So werden Israels Todfeinde legitimiert

Warum Professorin Judith Butler keinen Adorno-Preis verdient. Eine Antwort auf Judith Butlers Aufsatz.

06.09.2012 16:05
Von Stephan J. Kramer
Jerusalem: eine Stadt - drei Weltreligionen. Foto: dapd

Warum Professorin Judith Butler keinen Adorno-Preis verdient. Eine Antwort auf Judith Butlers Aufsatz.

In ihrem Aufsatz in der Frankfurter Rundschau mit dem Titel „Fangen wir endlich an, miteinander zu sprechen“ hat Judith Butler auf meine scharfe Kritik an ihrer geplanten Auszeichnung mit dem Adorno-Preis geantwortet. Sie hat mich hierin beschuldigt, sie denunziert zu haben, keine Gründe für meine Kritik an der Verleihung des Adorno-Preises angegeben zu haben und jegliche Kritik an Israel als Antisemitismus diffamiert zu haben. Schön, wer austeilt, muss auch einstecken können.

Bei allem Respekt vermag ich diese Vorwürfe allerdings in keinerlei Hinsicht nachzuvollziehen.

Meine Stellungnahme gegen die Preisverleihung an Professorin Butler wurde von mir mit offenem Visier in den Medien veröffentlicht. Mit einer Denunziation, dem hinterhältigen Vermelden einer missliebigen Meinung an die Behörden eines finsteren Regimes, hat das daher nichts zu tun. Es stimmt, dass meine Kritik an der Entscheidung des Preiskuratoriums scharf war. Fraglich, ob eine akademisch verbrämte Kritik überhaupt Gehör gefunden hätte.

Auch stimmt es, dass ich Frau Professorin Butler die moralische Berechtigung, den Preis zu erhalten, abgesprochen habe. Es stimmt indessen nicht, dass ich meine Auffassung nicht begründet hätte. Ebenso wenig ist es wahr, ich hätte jegliche Israel-Kritik mit Antisemitismus gleichgesetzt. Indem Frau Butler mir solche Vorwürfe macht, ist SIE diejenige, die sich der Debatte durch die Flucht in eine auf falschen Prämissen aufgebaute Opferrolle zu entziehen sucht.

Butlers Wortwahl ist demaskierend

Demaskierend ist auch die von ihr verwandte Wortwahl, mit der sie die vermeintlichen Mittel ihrer Kritiker beschreibt: Denunziation, Dämonisierung und Delegitimierung. Letzteres sind Schlagworte, die eine bedeutende Rolle in der Diskussion um die Abgrenzung zwischen legitimer Israelkritik von antisemitisch motivierter Israelkritik beschreiben. Seit Jahrzehnten versuchen israelsolidarische Organisationen klare Kriterien zu formulieren, die beschreiben, was eben keine legitime Israelkritik ist: Nämlich die Anwendung doppelter Standards, die Delegitimierung und die Dämonisierung Israels. Dass Frau Butler diese Schlagworte nunmehr auf ihre Kritiker bezieht, um diese zu diskreditieren: Auch hierin erkennt man den allzu durchsichtigen Versuch, sich in Umkehrung der tatsächlichen Sachlage in eine Opferrolle zu flüchten.

In meiner Stellungnahme hatte ich ausgeführt:

„Die Verleihung des Theodor-W.-Adorno-Preises an Judith Butler empört nicht nur. Sie stimmt auch traurig. Eine bekennende Israel-Hasserin mit einem Preis auszuzeichnen, der nach dem großen, von den Nazis als „Halbjude“ in die Emigration gezwungenen Philosophen benannt wurde, kann nicht als ein bloßer Fehlgriff gelten. Vielmehr ist sie ein systemisches Versagen. Nur ein Kuratorium, dem die für seine Aufgabe erforderliche moralische Festigkeit fehlt, konnte Butlers Beitrag zur Philosophie formvollendet von ihrer moralischen Verderbtheit trennen. Eine Person, die sich mit Todesfeinden des jüdischen Staates verbündet, die die Hisbollah und die Hamas als legitime soziale Bewegungen und Teile der globalen Linken einstuft und Israel in den Würgegriff eines Boykotts legen will, verdient diese Anerkennung nicht. Dass sie selbst Jüdin ist, macht sie vielleicht zu einem lohnenden Studienobjekt für die in Psychologie des Selbsthasses, aber zu keiner würdigen Laureatin des Adorno-Preises, dessen Prestige nun für lange Zeit befleckt ist.“

Mein Vorwurf an Judith Butler ist, denke ich, deutlich formuliert. Ich gehöre zum Club der deutlichen Aussprache. Es geht nicht darum, dass sie die eine oder andere Kritik an Israel geübt hat. Es geht um die Legitimierung, die sie der Hisbollah und der Hamas angedeihen lässt. Beide Organisationen bekennen sich zu dem Ziel einer physischen Vernichtung Israels. Beide sind Verbündete des iranischen Regimes, das dasselbe Ziel verfolgt. In Erwartung der heißersehnten Stunde, in der die Juden in Israel vertrieben oder ermordet werden können, üben sich Hisbollah wie Hamas schon mal im Terrorismus gegen israelische Zivilisten. Die Charta der Hamas knüpft nahtlos an die Protokolle der Weisen von Zion an, wie auch Judith Butler wissen sollte. Wenn sie daher nun verteidigend erklärt: „Wenn Hamas und Hisbollah antisemitische Positionen vertreten, dann sind sie unbedingt abzulehnen“ (Jungle World 29. 7. 2010), ist dies genau, was ich mit dem Begriff „moralische Verderbtheit“ zu beschreiben versucht habe und einfach unaufrichtig.

Jetzt erklärt Frau Professor Butler, sie unterstütze die Hisbollah und Hamas nicht wirklich. Über ihren Auftritt in Berkeley schreibt sie: „Und so gab ich zur Antwort, dass selbst dann, wenn beide Organisationen Teil der globalen Linken seien, dies noch lange kein Grund ist, diese auch zu unterstützen. In der Tat, ich würde nie einfach mal so eine ,linke Gruppierung‘ unterstützen, nur weil sie in irgendeinem Sinne ,links‘ ist.“

Erklärung Butlers ist scheinheilig

Das ist, mit Verlaub, unglaubwürdig. Es dürfte jedem Beobachter klar sein, dass die Begriffe „Teil der globalen Linken“, „soziale Bewegungen“ und „progressiv“ aus dem Munde eines Menschen wie Judith Butler positiv wertend gemeint sind oder jedenfalls positiv rezipiert werden. Die Erklärung, damit gehe keine Sympathie einher, ist scheinheilig. In jedem Fall stellen solche Erklärungen eine Legitimierung der beiden „progressiven“, „sozialen“ und „linken“ Organisationen dar. Diese Legitimierung ist einer Wissenschaftlerin, die sich nach eigener Aussage als jemand versteht, der eine jüdische ethische Tradition verteidigt, nicht würdig. Wer Organisationen rechtfertigt, die nach eigenem Bekunden auf einen Völkermord aus sind und sich nach Kräften an dessen Vorbereitung beteiligen, kann nicht hinterher erklären, mit Unterstützung habe das nichts zu tun. Das IST Unterstützung. Kein vernünftiger Mensch kann glauben, dass eine herausragende, durch und durch politische Philosophin diesen Zusammenhang nicht begriff, als sie ihre Aussage machte.

Eine solche Äußerung kann nur von jemandem stammen, der das von der Hisbollah und der Hamas ins Visier genommene Israel verabscheut und hasst und/oder zugleich den menschenverachtenden, hinterhältigen Terror von Hamas und Hisbollah in unerträglicher und unakzeptabler Weise verharmlost. Mit einem hinterhergeschobenen „So habe ich es nicht gemeint“ ist die Sache nicht aus der Welt.

Dass Judith Butler nach eigenem Bekunden die antiisraelische Boykottinitiative BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) unterstützt, ist ein weiteres Indiz für ihre wahre Haltung gegenüber dem jüdischen Staat. Dass sie es „nicht ohne Vorbehalte“ tut, wie sie erklärte, macht ihre Komplizenschaft nicht viel besser. Die BDS-Kampagne ist ein ökonomischer und politischer Schauplatz der Kriegsführung gegen Israel. Aus diesem Grund gibt es Anlass zu der Vermutung, dass die Argumentation von Professorin Butler ein Beispiel für jüdischen Selbsthass sein könnte – die Übernahme antijüdischer Stereotype durch Juden bis hin zur Identifikation mit Antisemiten. Wie der Historiker und Anthropologe Raphael Patai in seinem monumentalen Werk „The Jewish Mind“ schrieb, gehört der Hass auf Israel, wie er neben anderen Symptomen bei der extremen jüdischen Linken zu finden ist, dazu. Es spricht viel dafür, dass die Legitimierung von Israels Todfeinden Teil dieses Phänomens ist.

Was ist an der Hisbollah und der Hamas „progressiv“?

Das wird auch aus einem anderen Blickwinkel deutlich. Ich möchte – über die Israel-Debatte hinaus – in aller Deutlichkeit fragen: Was ist an der Hisbollah und an der Hamas „progressiv“? Dass sie, wo immer sie können, diktatorisch herrschen? Dass sie andere Religionen bekämpfen und verfolgen? Dass sie politische Gegner ermorden? Dass sie Frauen in eine Sklavenrolle drängen? In ihrem Beitrag beruft sich Professorin Butler intensiv auf ihr Recht, Israel zu kritisieren. Selbstverständlich hat sie dieses Recht. Auch ich habe Israel bei verschiedenen Anlässen mehrfach kritisiert und habe dafür nicht nur Zuspruch geerntet. Allerdings besteht zwischen Kritik und Unterstützung oder Verharmlosung von „Israels Möchte-Gern-Vernichtern“ nun doch ein gewisser Unterschied. Das bedeutet übrigens nicht, dass man Judith Butler den Mund verbieten sollte. Ich persönlich würde ungern in einer Welt leben, in der Menschen wie Judith Butler ihre Meinung nicht frei äußern können. Ich möchte aber auch nicht in einer Welt leben, in der mein Recht, an ihren Aussagen – auch scharfe – Kritik üben zu können, in Frage gestellt wird, in der ich als „Denunziant“ oder, wie von Christian Schlüter in dieser Zeitung, als „Rüpel“ angegriffen werde.

Dass der Adorno-Preis Professorin Butler zuerkannt wurde, halte ich nach wie vor für ein systemisches Versagen des Preiskuratoriums. Kuratorien in Deutschland müssen die Frage aushalten, was denn hinter dieser deutschen Vorliebe steckt, Jüdinnen und Juden auszuzeichnen und zu ehren, die für eine Form der Israelkritik stehen, die vor Einseitigkeit und politischer Blindheit nur so strotzt. Deshalb werden zu Recht weder Repräsentanten des Zentralrats der Juden in Deutschland noch der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main an dieser Preisverleihung teilnehmen.

Ich halte es für falsch, bei der Betrachtung der wissenschaftlichen Errungenschaften des Preisträgers oder der Preisträgerin moralische Fragen außer Acht zu lassen, zumal wenn es sich um eine Person handelt, die für sich höchste moralische Standards für ihr politisches Handeln in Anspruch nimmt. Judith Butler verdient, wie gesagt, das Recht auf freie Meinungsäußerung. Unbedingt. Einen Preis verdient sie nicht.

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