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Abriss in Stuttgart Zynische Entsorgung

In Stuttgart soll die ehemalige Gestapozentrale einen Komplex aus Handels- und Büroflächen sowie einem Luxushotel weichen. Von Ursula Baus

12.11.2009 00:11
Von Ursula Baus
Fassaden-Text: Eine Kunstaktion von Oliver Hermann. Foto: dpa

Andernorts, in Berlin, Hannover, Braunschweig, Dresden oder Frankfurt, wird derzeit fast panisch rekonstruiert, was die Zeitläufte den Städten genommen haben. Aber in Stuttgart, das von Kriegs- und Nachkriegszerstörungen wahrlich gebeutelt wurde, reißt man architekturgeschichtlich und stadträumlich Bedeutsames immer noch ab, wenn Investoren es wünschen. Erbittert wird noch um den Erhalt der Seitenflügel des Hauptbahnhofs von Paul Bonatz gekämpft, jetzt soll ein weiteres Haus von stadtgeschichtlich hoher Bedeutung und stadträumlich wichtiger Wirkung abgerissen werden: das ehemalige Hotel Silber, das mitten in der Stadt, nahe am Karlsplatz, noch eine Ahnung des alten Stuttgart und zugleich als einstige Gestapozentrale die Erinnerung an das Naziregime wach hält.

Das Gebäude wurde 1816 als Wohnhaus gebaut und seit 1845 auch gastronomisch genutzt. 1874 kaufte Heinrich Silber das Neorenaissance-Gebäude und eröffnete hier das Hotel Silber, das bis 1919 existierte. Anschließend zog die Generaldirektion der Deutschen Reichspost ein, 1928 das Polizeipräsidium. Ab 1936 nutzte die Gestapo-Leitstelle den vierstöckigen, unterkellerten Bau, in dem bis Mitte April 1945 politische Gegner eingesperrt, verhört, gefoltert, ermordet wurden; unter anderen war auch der SPD-Politiker Kurt Schumacher hier inhaftiert.

Im Krieg brannte das Haus aus, wurde aber 1947-49 in einer schlichten, dem Ort sehr angemessenen Weise wiederaufgebaut und in den achtziger Jahren noch einmal für das Innenministerium Baden-Württembergs umgebaut. Auch wenn aus der Gestapozeit nur im Keller noch etwas "authentisch" erhalten ist, repräsentiert dieses Gebäude mit seinem fünfzigjährigen Nachkriegsschicksal Geschichte wie kaum ein anderer Ort in der Landeshauptstadt.

Doch Ungemach droht. Im benachbarten Block steht das Stammhaus des Luxuskaufhauses Breuninger. Weil sich auf dem rund eineinhalb Kilometer entfernten Gelände von Stuttgart 21 ein neues Handelszentrum entwickeln könnte, will Breuninger gemeinsam mit dem Land den Block zwischen seinem Stammhaus am Rathaus und dem Karlsplatz "aufwerten" und einen Komplex aus Handels- und Büroflächen sowie ein Luxushotel bauen. "Da Vinci" wird dieses Projekt genannt - und man denkt an Blasphemie. Breuninger und Land hatten 2007 den prominenten holländischen Architekten Ben van Berkel, der den Schwaben schon das Mercedesmuseum gebaut hatte, um eine Projektskizze gebeten. Ben van Berkel gewann prompt den anschließenden Wettbewerb.

Ab ins Museum

Der Stadt Stuttgart, die sich in Bauangelegenheiten mit dem Land ohnehin selten einig ist, schien der Da Vinci-Bau mit guten Gründen viel zu groß - und dass das ehemalige Hotel Silber im Zuge dessen abgerissen werden müsste, schlägt dem Fass den Boden aus. Geradezu zynisch ist die Idee, die Geschichte des Hotels Silber im schräg gegenüberliegenden Stadtmuseum aufzuarbeiten - heißt de facto: zu entsorgen.

Dieses Museum gibt es noch gar nicht, es soll durch den Umbau der derzeitigen Stadtbibliothek erst ab 2013 entstehen. Die Stadtbibliothek ist im wiederaufgebauten Wilhelmspalais untergebracht - es muss für Museumszwecke rabiat umgebaut werden, und wieder geht dabei ein qualitativ hochwertiges Stück Wiederaufbaugeschichte verloren.

Zu bedauern ist auch, dass Ben van Berkel als Architekt die Relevanz des einstigen Hotels Silber nicht erkannt hat oder nicht erkennen will und die jetzige Debatte nicht als Chance nutzt, den Erhalt des Gebäudes mit seinem Entwurf in Einklang zu bringen.

Wie Stuttgart sich seiner Geschichte entledigen will und Erinnerungsorte dabei zerstört, ist allerdings schäbig. In Berlin, Saarbrücken, Köln und München entstanden oder entstehen bei ähnlicher Ausgangslage informative NS-Dokumentationsstätten, während man in Stuttgart die Aufgabe einstweilen an Künstler weiterreicht. Flugs wurde nämlich ein künstlerischer Wettbewerb für eine "Gedenkstätte" ausgelobt. Das wär´s dann gewesen.

Ihre Augen-zu-und-durch-Politik beim Thema Stuttgart 21 bescherte den etablierten Parteien bei der letzten Stuttgarter Gemeinderatswahl, dass die Grünen als Gegner des Projekts jetzt als stärkste Fraktion vertreten sind. Gegen den Abriss des Hotels Silber engagieren sich Persönlichkeiten wie Max Bächer, Karl Ganser, Edzard Reuter, Jörg Schlaich, Gottfried Kiesow und viele andere. Das Land und Breuninger könnten sich als Investoren noch einmal mit ihrem Architekten beraten - und auf eine höchst unkomplizierte Weise der Stadt etwas Gutes tun.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Architektur
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