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A L`Arme!-Festival in Berlin The Cherry Thing: Perfekte Einheit

Neneh Cherry lachte, tanzte und sang: Zusammen mit dem Free Jazz-Trio The Thing trat sie zur Eröffnung des viertägigen „A L`Arme!“-Festival im Radialsystem in Berlin auf. „The Cherry Thing“, so der Titel des Albums, erwiesen sich als perfekt aufeinander abgestimmte Einheit.

20.07.2012 16:53
Andreas Busche
Hoher Glamour-Faktor mit sportiv-tribalistischen Accessoires: Neneh Cherry. Foto: Peter Gannushkin

Tanzen ist wunderbar,“ lacht das quirlige Geschöpf mit den Wuschellocken einmal zwischen zwei Stücken, „wie schade, dass ihr jetzt nicht mit mir tanzen könnt.“ Ähnlich empfindet das an diesem Abend auch ein Großteil des Publikums, das eingepfercht zwischen den eng bestuhlten Sitzreihen im Radialsystem die Beine viel zu lange still halten muss.

Gerne hätte man zu diesem Zeitpunkt bereits im Glückstaumel über das alles plättende Stooges-Cover „Dirt“ sein sauberes Oberhemd in die Ecke geknallt, seinen Körper zum funkelnden Prozac-Blues „Dream Baby Dream“ der Synthie-Rock’n’Roller Suicide im schummerigen Scheinwerferlicht gewogen und einen kleinen Veitstanz zum hypertrophen Free Jazz-Freakout von „Too Tough Too Die“ aufgeführt.

Aber es hilft nichts, der Vordermann guckt bereits leicht genervt und so bleibt einem nichts anderes übrig, als die junge Dame vorne zu beobachten, wie sie sich mal katzenhaft, mal derwischartig über die Bühne bewegt. Und eigentlich hat man Neneh Cherry ja auch früher schon viel lieber beim Tanzen zugesehen – damals im Video von „Buffalo Stance“, mit dem ihr vor 23 Jahren der Durchbruch gelang.

Band mit Ehemann und Tochter

Dass Neneh Cherry am Mittwochabend zusammen mit dem skandinavischen Free Jazz-Trio The Thing zur Eröffnung des viertägigen „A L’Arme!“-Festivals im Radialsystem auftrat, war eher einem Zufall geschuldet. Anfang der Neunziger Jahre galt Neneh Cherry als It-Girl der britischen Popmusik. Stieftochter des großen Jazz-Trompeters Don Cherry, mit sechzehn in den Postpunkbands The Slits und Rip Rig and Panic unterwegs und dann „Buffalo Stance“, irgendwo zwischen Euro Dance und Hiphop mit cooler Straßengören-Attitüde.

Nach ihrem letzten Album „Man“ von 1996 hatte Cherry sich aus familiären Gründen aus dem Musikgeschäft zurückgezogen. Ihr Name tauchte nur noch vereinzelt in Kollaborationen auf, unter anderem sang sie auf dem zweiten Album der Gorillaz, arbeitete mit Peter Gabriel, veröffentlichte mit Youssou N’Dour den Nachfolger zum „Global Pop“-Hit „Seven Seconds“ und gründete mit Ehemann und Tochter eine eigene Band.

Laut Cherry hatte sie vor zwei Jahren ein Freund auf die Band The Thing, benannt nach einem weniger bekannten Stück ihres Vaters, aufmerksam gemacht. Das Trio um den schwedischen Saxofon-Berserker Mats Gustafsson war in Free Jazz-Kreisen eher für seinen muskulösen weißen Lärm in der Tradition eines Peter Brötzmann anerkannt.

Was Cherry und The Thing verbindet, ist weniger musikalisch offenkundig; es steckt verborgen in ihren Biografien, die stark vom Punk beeinflusst sind. Ein wesentlicher Unterschied allerdings machte sich am Mittwochabend an der Garderobe bemerkbar. Neneh Cherry betrat in einem Stella McCartney-artigen Ballonkleid kombiniert mit einer lässigen Adidas-Trainingsjacke die Bühne; um ihren Hals trug sie etwas, das entfernt an avantgardistischen Cyber-Ethno-Schmuck erinnerte.

Im schönen Kontrast dazu gruppierten sich Gustafsson, Bassist Ingebrigt Håker Flaten und Schlagzeuger Paal Nilssen-Love in Jeans und T-Shirt um sie herum. Keine Frage, wer hier für den Glamour-Faktor zuständig war.

Free Jazz mit Gesang

Musikalisch hingegen erwiesen sich „The Cherry Thing“, so der Titel des gemeinsamen Albums, als perfekt aufeinander abgestimmte Einheit. Free Jazz mit Gesang ist per se ein heikles Unterfangen; wenn es sich dazu noch um ein Album mit Coverversionen handelt, kann das Ganze schnell auch unangenehm geschmäcklerisch ausfallen.

Solche Befindlichkeiten waren Neneh Cherry und The Thing an diesem Abend jedoch fremd. Cherry wirkte eher wie in ihre Teenager-Tage zurückversetzt, als sie mit Rip Rig and Panic noch kantigen Funkpunk bratzte. Die Auswahl der Songs jedenfalls war durchweg geschmackssicher. Zu „Dream Baby Dream“ umschmeichelte Gustafssons schnurrendes Bariton-Saxofon Cherrys Stimme wie ein rolliger Kater.

Für „Accordion“ zerlegte Cherry den Stream-of-Consciousness-Rap von MF Doom in seine Bestandteile und synkopierte die Worte auf ihre unnachahmliche Weise neu, umschwärmt von Håker Flatens trocken gezupften Bass-Stakkati. So machte sich die Band Stück um Stück zu eigen, und legte wie beiläufig die Essenz der Originale frei.

Am ergreifendsten gelang ihnen das mit „Golden Heart“ von Cherrys Vater, dessen warmer, tiefer Klang an ihre Arbeiten mit dem Bristoler TripHop-Kollektiv Wild Bunch erinnerte. Das Zydeco-Lied „Call the Police“ wiederum verwandelten sie in eine fast zehnminütige Rockabilly-Nummer mit Cherry als zürnender Blues-Hohepriesterin: „Wir werden diesen Ort niederreißen/wir gehen niemals mehr nach Haus.“

Da war er noch einmal, der alte Punk-Gestus. Was nichts daran änderte, dass irgendwann doch die Lichter angingen. Ein anderes Versprechen wird sie hoffentlich halten: dass wir nicht wieder sechzehn Jahre auf sie warten müssen.

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