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68er Wie Ulrich die 68er vorwegnahm

Ein Leben als Happening unter genialischen Freunden.

Ausstellung
Plattenspieler mit automatischen Wechsler der Schellackplatten. Foto: epd

Im Jahr 1964, als Ulrich in Berlin studierte, empfand er die Straße nicht als den öffentlichen Raum, den wir heute schon wieder von Kommerzialisierung bedroht oder überwältigt sehen. Straßen waren grundsätzlich von der Obrigkeit kontrolliertes Terrain, in Berlin zudem militärgerecht angelegt, die breiten Trottoirs, auf denen bei Bedarf militärisch aufmarschiert werden kann, die flachen Laibungen der Toreingänge, die kein Versteck für insurgente Elemente bieten sollten. Kurzum, erläutert Ulrich das Gefühl von damals, wir kannten das nicht anders, als dass die Straße irgendwie de Polizei gehörte. 

Umso erleuchtender erschien die Aktion eines griechischstämmigen Aachener Künstlers, der im Theater am Kurfürstendamm ein Gitarrenkonzert angekündigt hatte und auch tatsächlich mit einer schönen Gitarre auf die Bühne trat, die er aber sofort fallen ließ und erstaunlicherweise mit dem Fuß in den Zuschauerraum schubste. Darauf stieg er seiner Gitarre hinterher, nahm sie wieder vor den Fuß, bugsierte sie durchs erstaunte Publikum, die Granittreppen hinunter – das Theater lag im ersten Stock -, es hallte und rappelte nur so, und als der Künstler das Instrument ans Tageslicht beförderte, um es den Kudamm entlangzuschieben, folgte ihm das Konzertpublikum wie dem Rattenfänger von Hameln. Am Ende standen alle vor der komplett zerlegten Gitarre.

Keiner verlangte seine zehn Mark Eintritt zurück, irgendetwas schien allen richtig zu sein an dieser Zerstörungsorgie, die ruinös war und gleichzeitig emanzipatorisch, ein kollektiver Rausch der Befreiung – jedenfalls nur in ihrer Begrenztheit und Einmaligkeit. Bei diesem Happening, das den Kunstraum auf die Straße erweiterte, erlebten Ulrich und die anderen erstmals das Gefühl, ein Stück Stadt erobert und die Öffentlichkeit der Straße erst hergestellt zu haben. Im Rückblick erschienen solche Aktionen wie die Vorbereitung auf die APO, die den Protest massenhaft in die Straßen trug – die sie vorbereitende Kunstszene sollte alsbald ins Unpolitische zurückfallen. 

Aber noch schreiben wir das Jahr 1964, und wir beobachten Ulrich und seine Studiengenossen bei der „theoretischen und praktischen Herstellung von Situationen“, um das Leben zum Kunstwerk zu machen. 

Hilfreich war dabei die Berlinflucht jener Jahre und die Überfülle sagenhaft preisgünstiger, feudal-geräumiger Gründerzeitwohnungen, manchmal samt Inventar. Es war nichts Besonderes, sich als Wohngemeinschaft in den Räumen einer bekannten preußischen Adelsfamilie wiederzufinden, Räume wie geschaffen für großzügige Festivitäten. Die Einladungen platzierte man strategisch geschickt am schwarzen Brett einer berufsbildenden Schule für höhere Töchter, woraufhin mit einer bisschen Glück Scharen züchtiger Mädels anrückten. 

Bei einer dieser Gelegenheiten hatten Ulrich und seine Mitbewohner Sektgläser und schwarze Fräcke, Stresemannhosen, weiße Westen sehr günstig beim Trödler erstanden – die Nostalgiewelle, die derlei verteuern sollte, war noch fern – , hatten aus vier Türblättern eine hochherrschaftliche Tafel für 25 Leute gebastelt und sie mit bestem Porzellan gedeckt, ein modischer Kängurubraten aus dem KaDeWe dampfte in der Mitte. 

Die Inszenierung war so imposant, dass die jungen Damen sofort wieder für eine Stunde verschwanden, um sich erst mal passend fein zu machen. Die Erwartungen waren also auf dem Höhepunkt, als endlich alle bereitstanden. Jedoch in diesem Moment sprang einer von Ulrichs genialischen Freunden – derselbe, der schon mal bei ähnlicher Gelegenheit eine Riesenschüssel mit Spaghetti absichtlich hatte fallen lassen -, sprang also sportlich, mit Anlauf, auf den improvisierten Tisch, der sofort zusammenbrach samt der sorgsam aufgebauten Känguru-Herrlichkeit. Mit dem Essen war es nichts, stattdessen dreht einer die Musik auf und es wurde noch ein sehr schöner Abend, versichert Ulrich. 

Das ausdrückliche Begehr, die Feste aleatorisch, zufällig zu gestalten, führte auch zur Idee mit den Schlüsseln, die an Fallschirmen aus Taschentüchern befestigt wurden, daran ein Zettel: „Oben im dritten Stock Fete“. Damit bewarf man Passanten, die oben Sympathie und Interesse weckten. 

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