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50.Todestag von Hermann Hesse "Ich bin theoretisch ein Heiliger"

Heute vor 50 Jahren starb Hermann Hesse, der Gärtner, der gerne zündelte, der Schriftsteller, der immer nur sich selber suchte, der Nobelpreisträger, der seine Ruhe wollte.

Hermann Hesse bei der Strauchtomaten-Ernte 1958. Foto: imago

Wer auf der Suche nach sich selbst ist, wird beim lebenslangen Selbstsucher Hermann Hesse immer fündig werden. Sei es jugendlich (z..B. „Demian“), mittelalterlich (z..B. „Narziß und Goldmund“) oder in der Midlife-Crisis (z..B. „Der Steppenwolf“), südwestdeutsch (z..B. „Knulp“), indisch (z..B. „Siddhartha“) oder west-östlich (z..B. „Glasperlenspiel“). Wer es aber nicht ausstehen kann, sich selbst zu suchen, findet stattdessen Hermann Hesse. Das ist weit interessanter.

Anerkennung wollte er. Ruhm beunruhigte ihn. Dass die fromme Mutter die frühe Prosa des 21-, 22-Jährigen von einer christlichen Warte aus scharf abkanzelte, verletzte ihn zutiefst. Gerne wird darüber gesprochen, dass Hesse sich als Künstler und komplizierte Persönlichkeit stilisierte. Die Desaster, die zu diesem Zeitpunkt bereits hinter ihm lagen, reichen anderen aber für ihr Leben – inklusive einer Einweisung in eine Nervenheilanstalt, als das Missionarsehepaar Hesse einfach nicht mehr wusste, wie es mit dem ungebärdigen 15-Jährigen fertig werden sollte. Als aber sein Romandebüt „Peter Camenzind“ voll durchschlug, ärgerte den 27-Jährigen gleich das „Modewerden“. Als er 1946 den Nobelpreis erhielt, reiste er nicht selbst an.

Ruhe suchte er, weil er nicht wusste, wie er sonst arbeiten sollte. Unruhe bis zur suizidalen Dauerkrise baute er in sein Leben ein, als wüsste er sonst erst recht nicht, wie er arbeiten soll. Mit dem Selbstmord flirtete er über Jahrzehnte und erläuterte im „Steppenwolf“ plausibel (und mit selbstironischem Dreh), dass es echte Selbstmörder gibt, die sich dennoch nicht das Leben nehmen. Als sein Bruder, Buchhalter in einer Fabrik, sich die Pulsadern aufschnitt, war er fassungslos.

Die Ehe lehnte er kategorisch ab und heiratete dreimal in dichter Folge. Die erste Ehe, mit Maria Bernoulli, der Mutter der drei gemeinsamen Söhne, endete in einem Debakel (und für Maria in der Psychiatrie). Die zweite Ehe, mit der bereits viel jüngeren Ruth Wenger, begann schon als Debakel. Hesse sah dem ins Auge, brachte vergebens seine „Eheuntauglichkeit“ ins Spiel. Kurz nach der Hochzeit versuchte er, sich das Leben zu nehmen. Erst seine dritte Frau, die Kunsthistorikerin Ninon Dolbin, wurde auf ihre Kosten damit fertig. Sie richtete ihrem Mann ein Eheleben ein, das er in einer großartig gelegenen Villa über den Bergen des Luganer Sees im Tessin 30 Jahre lang aushielt. Als er am 9. August 1962 morgens nicht aus seinem Zimmer kam, traute sich Ninon nicht, ihn zu stören. Erst der Arzt fand den Toten, der in der Nacht einen Gehirnschlag erlitten hatte. Seine Leukämieerkrankung hatte die Familie dem 85-Jährigen verschwiegen. Der Hypochonder ignorierte die Symptome.

Politisch vernünftiger als das Gros der Zeitgenossen

Als politischer Kopf war er vernünftiger als das Gros seiner Zeitgenossen. Nationalitäten hielt er für gefährlich und bürokratisch. Letzteres war dem in Calw im Schwarzwald geborenen, in Basel, dann wieder Calw aufgewachsenen Sohn von Eltern baltischer Herkunft durch mehrere Wechsel der Staatsangehörigkeit geläufig. Dennoch wollte er, inzwischen wieder Schweizer, auch politisch gerne neutral bleiben in einer Zeit, in der das dem Einzelnen praktisch unmöglich gemacht wurde. Fern der Welt fühlte er sich noch am wohlsten. Als verlässlicher Briefeschreiber wurde er zum Lebensberater der Suchenden und Beladenen. Er selbst notierte: „Kurz, ich bin theoretisch ein Heiliger, der alle Menschen liebt, und praktisch ein Egoist, der nie gestört sein mag.“

Man muss im Falle von Hermann Hesse nicht von Widersprüchen reden, auch wenn die Vielgestalt seiner Person zu Missverständnissen führte. Asketen sahen ihn auf ihrer Seite, wiewohl er sich zum losgelassenen Trinker nicht nur stilisierte. Christen registrierten, dass er in der letzten Nacht seines Lebens Augustinus las. Pubertierende lasen flatternden Herzens den „Steppenwolf“ und übersahen, dass Harry Haller keiner von ihnen ist. Die Wiederlektüre dieses komplizierten Romans macht deutlich, dass es von der ersten bis zur letzten Seite um Hesse, den 50-jährigen Mozartliebhaber, Ex- und Immer-noch-Bürger, Träumenden geht. Einer gruppentauglichen Lesart verschließt er sich. Gärtner waren froh, dass Hesse Gartenarbeit mochte. Besondere Freude bereitete es ihm, Äste zu verbrennen.

Tatsächlich ist das Leben und Arbeiten Hermann Hesses weniger von Widersprüchen geprägt als von einer aufregenden Gratwanderung – aufregend für ihn ohnehin, für seine Leser, sobald sie begriffen haben, dass Hesse das Gegenteil eines Gurus und Lebenshilfeexperten ist –, einem Balanceakt. Aber selbst, wenn er in der Luft hängt, stürzt er nicht ab.

Vom Missionarssohn zum Seelsorger

Zum Beispiel, weil er entschlossen dagegen anschreibt. Auf 15.000 Seiten, wie sein Biograf Gunnar Decker gezählt hat. In „Demian“ zum Beispiel, einem Buch, das entsetzlich enttäuscht, wenn man es zuletzt mit 15 gelesen hat, bis man versteht, dass Hesse hier kein theoretisches Entwicklungs-Konstrukt erdacht hat, sondern mit Emil Sinclair blank über die Qualen seiner Jugend schreibt. Hesses Bücher handeln von Hermann Hesse. Nicht weil er eitel wäre, sondern weil er bescheiden ist und über das schreibt, mit dem er sich zwar nicht auskennt, über das er aber etwas zu erzählen hat.

„Das Glasperlenspiel“ einmal aus individueller Perspektive zu lesen, ist entspannend und ertragreich. Sobald der Überdruck der allgemeinen Sinnhaftigkeit aus den Geschichten genommen ist, gewinnen sie ihren Eigensinn. Und relativieren sich die Vorwürfe der Kritiker, die Sprache funkele nicht, tendiere zum Kitsch und zur geistigen Harmlosigkeit. Da ist einiges dran, aber ernsthaft nur, wenn man es auch Ernst Jünger vorwirft. Und umso weniger, umso mehr Hesse man liest.

Das ist ein Phänomen, aber günstig, weil es hier ohnehin um die Bewältigung von Massen geht. Dazu kommen Gedichte, 1400 zählte Decker, von denen ein paar zu Deutschstundenruhm kamen, viele bloß als private Übungen durchgehen. Dazu kommen Zehntausende Briefe. Im späteren Teil von Hesses Leben werden sie sein Hauptwerk, ihn nervend, sein Gehirn aber auch mit der Welt verbindend. Geduldig beantwortet er Fragen zur Weltlage, zum Liebeskummer, zur Onanie (unvorstellbar, was das für ein Thema war). So wird der Missionarssohn zum Seelsorger. Der Leser lernt aber keinen Besserwisser kennen, sondern einen, der anderen helfen will, zu tun, was sie tun wollen.

Von Touristen umlagert verhielt sich der alte Hesse in Montagnola wie jeder Zugereiste: Er ärgert sich, dass nach ihm noch andere in den Tessin kamen. In verbauter Gegend liegt die Kirche von Sant’ Abbondio, eine Schönheit. Auf dem Friedhof daneben ist er begraben. Darunter, schreibt Decker, verlaufe der Autobahntunnel der Gotthard-Mailand-Autobahn. Unruhe bis zuletzt.

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