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200. Geburtstag Niebergall Datterich Er schreibt sich Niebergall

Heute vor 200 Jahren kam in Darmstadt der Autor des ziemlich berühmten „Datterich“ auf die Welt. Der weit unbekannter ist als sein Held.

Datterich-Illustration: Die Saufbrüder in der Kneipe. Foto: Andreas Arnold

Es ist nicht viel bekannt über Ernst Elias Niebergall, dessen 200. Geburtstag auf den heutigen Dienstag fällt. Und seit wann fällt ein Geburtstag anstatt einfach zu sein? Seit der letzten „Datterich“-Lektüre. Danach will einem nichts anderes einfallen, in dem es sich schöner herumstelzen lässt als in einem hessischen Dialekt. „Des Läwen ist der Gihder hechstes nicht, haw-ich zu mer selbst gesagt …“, erzählt der Datterich einen Schwank aus seiner bewegten Vergangenheit, in dem er im Begriff ist, einen Baron zum Duell zu fordern. Nämlich so: „Ich schreib mich Datterich un verlang Rechenschaft von Ihne iwwer mei gestehrt Läwensglick.“ Alle, fast alle wissen, dass der Datterich sich wieder was Prahlerisches zusammenreimt. Die Bedienung ist schwer genervt. Aber alle hören ihm zu.

Gerade dass der Datterich eine so lebhafte Type ist, mag die Neugier auf seinen Autor seinerzeit in Grenzen gehalten haben. Auch schoben sich die beiden mehr oder minder übereinander – wer über Niebergall schrieb, zeigte notgedrungen einen Datterich dazu –, obwohl offenbar nicht nur die Welten von Dichtung und Wahrheit sie trennten, sondern auch Alter, Lebensart und das Ausmaß des Alkoholmissbrauchs. Bei Niebergall umstritten, beim Datterich unumstritten. Daher kommt sein Name: vom Zittern des Trinkers. Das Darmstädter Original, von dem sich der Autor den Namen geklaut hatte, drohte ihm Keile an. Aber es wurde wohl nichts daraus.

Später war es dann zu spät, die Niebergall-Forschung noch auf solide Zeitzeugnisse zu stellen. Es gibt eine Totenmaske, die auch nicht jedermann für echt hält. Es gab eine Fotografie, die ihn angeblich zeigte, aber sie wurde bei der Bombardierung Darmstadts 1944 zerstört. Er zeichnete sich einmal selbst aus Scherz und nicht sehr individuell auf ein Blatt zum Abschied von einem Mitstudenten. Keine Handvoll handschriftlicher Zeugnisse blieben erhalten. Dass man so wenig weiß, heißt nicht, dass sich nicht jede Generation ihre Vorstellung von ihm gemacht hätte. Von ihm und vor allem vom Datterich. Biograf Rudolf Becker etwa geht es darum, beide als Kinder ihrer Zeit zu charakterisieren, nicht als die Außenseiter, Anarchisten, Revoluzzer, die man gleichfalls in ihnen sah.

„Er ist ein Quell von Lumperei und Freiheit, der durch lauter Muff fließt“, schrieb der gebürtige Ludwigshafener Ernst Bloch über den Datterich. Der Mitdarmstädter Karl Wolfskehl stellte ihn kurzerhand neben „die großen Typen der europäischen Welt, Falstaff, Eulenspiegel und Don Quichote“. Alfred Kerr erschnupperte an ihm die „bittere Kenntnis der Gesunkenen. Richard der Zweite“. Letzteres war möglich, weil es später, viel später auch Versuche gab, den Datterich aus den geografisch engen Bezirken des Darmstädterischen zu befreien und Kerr ihn 1915 tatsächlich in Berlin gesehen hat. Dies also ist so das Feld, auf dem man sich bewegt und bewegte, während der Datterich am Wirtshaustisch sitzt und saß und sich den nächsten Schoppen erschnorrte. „Ich wahß net, ich hab heit schon de ganze Daag so en vasteckte Dorscht.“

Darmstadt, Gießen, Dieburg, Darmstadt

Das Leben des Ernst Elias Niebergall (1815-1843) ist kurz und verläuft jedenfalls nicht in spektakulären Bahnen. Was man über den am Wirtshaustisch nachgerade festgenagelten Datterich freilich auch nicht sagen kann. Dass Niebergall ein unmittelbarer Zeitgenosse Georg Büchners (1813-1837) war – kannte er ihn? man streitet –, erinnert daran, wie aufgewühlt die biedermeierlichen Zeiten im aufstrebenden Darmstadt waren. Ernst Elias ist das siebte (bei Georg Hensel noch das sechste) Kind eines aus dem Thüringischen zugezogenen Musikers und seiner Darmstädter Frau. Der Vater spielt Oboe, erst beim Militär, dann am Hofe: kein Künstlerdasein, sondern ein bescheidenes Auskommen als Festangestellter in offiziellen Diensten. Als Niebergall elf ist, wird er zum Vollwaisen, auch drei Geschwister sterben im Alter von sechs, 16 und 19 Jahren. Den Tod kennt er.

Geld ist zunächst vorhanden, wenn auch nicht üppig. Zum offenbar unenthusiastisch, aber wacker betriebenen Studium der Theologie zieht er nach Gießen. Mit weit mehr Schwung schließt er sich den Vergnügungen des Studentenlebens an, soll ein nicht filigraner, aber schlagkräftiger Fechter sein. Auch wird er wegen eines Duells zu vier Wochen Karzer verurteilt.

Weil auch das Corps Palatia, dem er angehört, wegen verschwörerischer Umtriebe verboten und er in entsprechende Untersuchungen verwickelt wird, verzögert sich sein Examen. Während Büchner nach Straßburg flieht, zeichnet Niebergall auf einem der erwähnten Stammblätter einen Jakobiner auf einem Esel. Der Esel pinkelt, der Jakobiner hält ein Blatt mit der Marseillaise hoch. So viel dazu.

Niebergall, jetzt noch immer ohne Abschluss, wird Hauslehrer in Dieburg, ein ganz an- und verständiger, heißt es. Natürlich sind das keine großartigen Aussichten fürs Leben. Parallel dazu fängt er an, in Zeitungen, vornehmlich in der „Didaskalia“, der Unterhaltungsbeilage des „Frankfurter Journals“, Geschichten zu veröffentlichen. Komplizierte, selbstausgedachte Legenden, Sentimentalisches und Gespenstisches unter Titeln wie „Reue versöhnt“ oder „Der vermauerte Turm“. Man spräche von diesen Texten nicht mehr, wenn nicht Nieber-gall der Autor wäre, der übrigens das Pseudonym Elias Streff benutzt, seinen humoristischen Studentennamen. Gleichwohl ist das nicht weniger unterhaltsam als ein Kolportageroman des jüngeren Karl May, zum Beispiel.

Auch entgeht dem jungen Pädagogen nicht, wie verrückt solche Literatur ist. Also findet sich dann auch „Die Mondscheinnacht in den Ruinen“, die einen jungen Romanleser auf der Suche nach tiefen Empfindungen nächtens herumstromern lässt. Jedoch gerät er in die Fänge weniger romantisch eingestellter Wilderer sowie ebenfalls äußerst nüchterner Ordnungshüter. Man darf durchaus an Janes Austens Roman „Northanger Abbey“ denken.

Revolutionär auf pinkelndem Esel

Der Vorbote des „Datterich“ ist das schon in Gießen begonnene, ebenfalls im Darmstädter Dialekt verfasste Lustspiel „Des Burschen Heimkehr oder Der tolle Hund“. Es hat quasi den Nachteil, dass es noch an einer Art klassischer Handlung festhält. Es geht um das Liebesglück des verbummelten Metzgermeistersöhnchens Fritz Knippelius, der nachher im „Datterich“ auch wieder auftaucht. Dort passiert zwar auch noch ein bisschen was. Aber in allererster Linie wird schwadroniert, geskatet, gesoffen; Zeitung gelesen und darüber geredet, was in der Zeitung steht. So dass sich die Entstehungszeit des Stückes, 1840, auf kuriose Art im Text spiegelt – inklusive der Tatsache, dass aus Gründen der Zensursorgen vornehmlich aus abgelegenen Regionen berichtet wurde. Fabelhafterweise läuft es gerade darum bisweilen auf ein topmodernes Stammtischgequatsche hinaus. Kumpan Dummbach: „Während dem Des vorgeht, sitzt der Suldan in seim Diwan un lacht ins Feistche. Der baßt blos druf, bis sich ganz Eiroba an de Kepp hot: dann kimmt e r. Mir erläwe’s net, awwer Sie wern sähe, dass ich recht hob: in fufzig Johr sinn mer all Derke!“ Datterich: „Der Deiwel, do derfe mer ja kahn Wei mer drinke!“ Beachten Sie auch die geglückte Wendung „wir werden es nicht erleben, aber Sie werden sehen“.

Datterich selbst, da hilft kein Reingedeutel, ist ein alter, niederschmetternd heruntergekommener Saufkopf. Mit Bildung. Datterich: „Kenne-Se de Faust?“ Schmidt: „Von der Ludwigsheh?“ Datterich: „Nein, von Goethe.“ Ja, er ist ein Falstaff, aber bereits jenseits seiner amourösen Restbedürfnisse. „Wie wird mer sich dann heit dorchschlage?“, fragt er sich, wenn er sich morgens in seiner jämmerlichen Kammer aus dem Bett wälzt. Gegen sein sekündliches Reagieren auf neue Lagen ist der sich windende Richter Adam ein Mann mit großangelegtem Konzept. Vor der Schlusspointe wird er aus der Kneipe geworfen, ohne ihn fällt diese entsprechend lasch aus (ein bisschen wie am Ende von „Don Giovanni“ nach dessen Höllenfahrt, bloß geschwinder).

Zum „Datterich“-Zeitpunkt hat Niebergall sein Examen und eine bescheidene Stelle als Schullehrer in Darmstadt. Hier stirbt er knapp drei Jahre später, wenige Wochen nach seinem 29. Geburtstag, vermutlich an einer Lungenentzündung. Unterm Bett sollen sich bedenklich viele Rotweinflaschen gefunden haben. Die Schulden sind hoch genug, um auch durch die Haushaltsauflösung nicht beglichen zu werden. Das Grab wird bald darauf erneut, also doppelt belegt, sein Ort ist nicht mehr genau auszumachen.

Dass der „Datterich“ fast schon die letzte Arbeit Niebergalls ist, stimmt melancholisch – und nachdenklich, denn warum will er ausgerechnet jetzt nicht mehr? –, ebenso dass der Erfolg zunächst bescheiden ausfällt. Eine erste Aufführung erfolgt fast zwanzig Jahre nach seinem Tod.

Schon damals, aber erst recht heute, in einer Welt, in der das Darmstädter Platt nurmehr von wenigen korrekt beherrscht wird, mussten und müssen viele Aufführungen von kundigen Laien bewältigt werden. Natürlich gibt es auch norddeutsche und rheinländische Varianten (Herr Bummerlunder, Möschekopp), aber da lächeln die Hessen bloß milde.

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