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1968 „1968 hat man im guten Glauben Agitprop gemacht“

Ein Gespräch mit Martina Weinhart, der Kuratorin der Ausstellung „Power to the People“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, über politische Kunst, ihren Anspruch und Wirkung.

Martina Weinhart
Martina Weinhart plädiert für die politische Beteiligung heutiger Künstler. Foto: Peter Juelich

Frau Weinhart, Sie kuratieren eine Ausstellung über aktuelle politische Kunst unter dem Titel „Power to the People“. Heißt das, es gibt derzeit eine Art Politkunst-Revival?
Das ist mein Eindruck. In den letzten Jahren ist sehr viel passiert. Einerseits waren wir in einer Art bleiernen Zeit, einem Neo-Biedermeier, in dem der Rückzug ins Private eine starke Rolle gespielt hat. Gleichzeitig hat es global etliche politische Eruptionen gegeben, die auf der Straße stattgefunden haben: den Arabischen Frühling, die Anti-Brexit-Kampagnen, die Austeritätsdebatte, die auch den „kleinen Mann“ auf der Straße mobilisiert hat. Dann diese riesige Welle der Anti-Trump-Proteste oder Stuttgart 21 oder die Anti-G20-Gipfel-Proteste – all diese Beispiele zeigen, dass breite gesellschaftliche Schichten politisch interessiert sind. Auch in der Kunstwelt und hier vor allem auf verschiedenen Biennalen der letzten Jahre konnte man erkennen, dass eine gewisse Politisierung stattgefunden hat und immer noch stattfindet. Das heißt: Man spürt einen gewissen Druck, und der wird an die Künstler und Künstlerinnen weitergegeben.

Der Künstler als Seismograf?
Genau. Die Künstler sind Seismografen dieser politischen Bewegung. Ich bin natürlich auch skeptisch, wenn es darum geht, politische Fragen an die Kunst zu delegieren. Aber gleichzeitig stehen der Kunst auch ganz andere Mittel zur Verfügung. Die Kunst ist kein parteipolitisches Organ, kein politischer Aufsatz, keine wissenschaftliche Analyse. Die Kunst kann Diskurse auf ihre ganz eigene Art bearbeiten und Denkanstöße liefern, Erfahrungen und Sinneswahrnehmungen mitgeben, die in der Lage sind, Themen freier zu denken, ganz andere Prozesse anzustoßen oder auch Themen ansprechen, für die es an anderer Stelle keine Öffentlichkeit gibt.

Ist denn die jetzige Zeit mit der von 1968 vergleichbar – im Hinblick auf diese Protestkultur?
Vielleicht. Wir waren zwar nicht dabei, aber die 68er haben uns zumindest stark geprägt. Vieles, was unsere Gesellschaft heute als selbstverständlich ansieht, viele Strategien der Protestkultur und des bürgerlichen oder auch anti-bürgerlichen Engagements wurden damals etabliert. Das sind Errungenschaften, von denen wir zum Teil heute noch profitieren. Die 68er-Bewegung stand am Anfang meiner Überlegungen zu dieser Ausstellung. Sehr rasch aber habe ich festgestellt, dass es viel spannender ist, der heutigen Situation nachzugehen. Welche Wege haben sich erhalten? Und welche Mittel der politischen Beteiligung präsentieren uns die Künstler heute? 

Welche sind das denn?
Sehr unterschiedliche. Das beginnt mit Guillaume Bijls „Wahlkabinenmuseum“, also der Musealisierung eines zentralen Instruments der Demokratie. Heute ist oft die Rede von der Post-Democracy. Dann gibt es eine ganze Reihe von Arbeiten, die Demonstrationen entweder dokumentieren oder anderweitig thematisieren. In der Rotunde gibt es eine gigantische Installation, die „100 Banners“ von Phyllida Barlow. Und wir zeigen aktivistische Werke wie die „Radical Feminist Pirate Ship Tree Sitting Platform“ von Andrea Bowers, oder auch ein Video der Gruppe Forensic Architecture, die im strengen Sinne gar keine Künstler sind, sondern eine research group, die von der Goldsmith Academy in London aus gegründet worden ist und die eine intensive, investigative Forschung zu konkreten politischen Missständen betreibt, die dann im Kunstkontext ihre Sichtbarkeit erhalten.

1968 gab es so provokative Aktionen wie Valie Exports „Tapp- und Tastkino“. Die Künstlerin hatte sich einen Kasten vor die Brüste geschnallt, in den Männer hineingreifen konnten. Es gab die so genannte Uni-Ferkelei der Wiener Aktionisten, da wurde sich erbrochen, gekackt und masturbiert. Dagegen wirkt die heutige Kunst verhältnismäßig brav. 
Ich glaube, damals war es einfach wichtiger zu schockieren. Die 68er haben sich ja am Faschismus abgearbeitet, das musste radikal sein. Das war ein unglaublich grausames und monströses Unternehmen, da konnte man nur mit monströsen Mitteln antworten. Außerdem sind wir heute auch schon einiges gewohnt.

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