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100 Jahre Deutsche Oper Berlin Kitschbilder der Andachtsindustrie

Philipp Stölzl scheitert zum Jubiläum der Deutschen Oper Berlin mit dem „Parsifal“. Doch auch beim Festakt läuft nicht alles rund - das Publikum straft mit bissigen Zwischenrufen.

22.10.2012 15:33
Peter Uehling
100 Jahre Deutsche Oper Berlin. Foto: dpa

Zwar wurde die Deutsche Oper 1912 mit Beethovens „Fidelio“ eröffnet, seinen Dimensionen und seinem kulturellen Zweck nach aber war das Haus für die Aufführungen Richard Wagners entworfen. Ungeduldig wurde das Jahr 1914 erwartet, in dem Wagners Wille, den „Parsifal“ nur im Bayreuther Festspielhaus zu spielen, rechtlich nicht mehr bindend war, und kam gleich am 1. Januar mit der ersten deutschen Produktion außerhalb Bayreuths heraus.

Diese Ungeduld vibriert auch nach 100 Jahren noch im Haus. Über dem Festkonzert am Sonnabend lag eine unangenehme Spannung, die nur auf den ersten Versprecher der Moderatorin Tita von Hardenberg lauerte: Der neue Generalmusikdirektor Donald Runnicles hätte als erstes Wagners „Ring“ „inszeniert“ – „Quatsch!“ schrie es aus dem Publikum. Als von Hardenberg erneut die Bühne betrat, rief jemand giftig „Text gelernt?!“ und wurde dafür von einem dritten „Arschloch!“ genannt.

Natürlich war die Moderation grauslig und von Hardenbergs offenkundige Gleichgültigkeit gegenüber dem Anlass respektlos. Ob Kommentare wie auf dem Bolzplatz daran etwas ändern? Die Leidenschaft dieses Publikums ist beeindruckend, es verteidigt sein Haus gegen alles, was ihm nicht passt, es wird Klaus Wowereit beim Wort nehmen, der im Gespräch mit von Hardenberg sagte, dass alle Opern weiter bestehen müssen. Wie das ab 2015 gehen soll, wenn die Tarife um 20 Millionen Euro für die drei Häuser steigen, weiß bislang noch niemand.

Ein bedrohliches Klima der Isolation

Man zögert, die bedrohlichen Seiten dieser Leidenschaft anzusprechen, etwa die geradezu patriotische Dynamik dieses Publikums, das Künstler nach unklaren Kriterien verehrt oder verdammt. So ging nach der „Parsifal“-Premiere am Sonntag zurecht ein wahrer Hagel von Buhs auf den Regisseur Philipp Stölzl nieder. Rätselhaft indes die fanatische Zustimmung, die den Sängern und dem Dirigenten Donald Runnicles zuteil wurden. Die Wutbürger der Oper schaffen ein Klima von innerem Zusammenhalt und Isolation nach außen, in dem es schwer wird, ein Gespräch zu führen, weil man sich nichts mehr sagen lässt.

Das Orchester hatte an sich einen guten Abend mit sensibel in den Streicherklang integrierten Bläsern. Auch der Chor hat an Klangkultur noch gewonnen, insbesondere die Damen zeigen sich von ihrer anmutigsten Seite. Runnicles hatte die vielfältig geteilten Ensembles sicher sortiert und im Blick. Ansonsten nahm er die Partitur eher sachlich, ohne zur Sache viel zu sagen. Dass Wagner den Orchesterklang in Regionen des Immateriellen verschoben hat, dass der Klang zuweilen geradezu ins Leuchten übergeht, davon ist hier wenig zu bemerken – umgekehrt fehlt den Höhepunkten jene Körperlichkeit, die sie zum Ausdruck der Figuren werden lässt. So bewegt sich Runnicles in einer expressiven Mittelzone, die der in die Extreme des Transzendenten und Sinnlichen geteilten „Parsifal“-Musik nicht gerecht wird.

Aber diese Extreme spielen auch in der Inszenierung Philipp Stölzls keine Rolle. Im Vorfeld hatte Stölzl gesagt, dass man Wagners Spiel mit dem Christentum in dieser Oper „ruhig ernst nehmen“ könnte. Für den Bühnenbildner und Filmemacher Stölzl heißt das: ins Bild setzen. Der Sinnlichkeit der Blumenmädchen, der Verführung im zweiten Akt, wird eine gleich geartete Sinnlichkeit des Glaubens an die Seite gestellt – die natürlich nicht funktioniert: Wagners berühmte Äußerung, er würde nach dem „unsichtbaren Orchester“ für den „Parsifal“ am liebsten auch das „unsichtbare Theater“ erfinden, ist Ausdruck der Sorge, die Anschaulichkeit könne den Ernst beschädigen.

Unbeholfene und leblose Inszenierung

Die Kreuzigung, die Rückblenden zur Geschichte des Gralsordens, das Passionsspiel sind Kitschbildchen der Andachtsindustrie. Sie verniedlichen durch Anschaulichkeit und setzen unfreiwilliger Komik aus, was aus dem Hintergrund dieser Geschichte in den Klang des Werks hineinwirkt. Die Kreuzigung bildet den wie auch immer „realen“ Kern, aus dem das Werk seine anmaßende Besonderheit als „Bühnenweihfestspiel“ gewinnt. Man muss sich auf Wagners ästhetische Prämisse nicht einlassen, sollte aber dann die Kraft haben, ihm etwas entgegenzusetzen.

Davon kann bei Stölzl nicht die Rede sein. Als Inszenierung im engeren Sinn, als praktikables und sinnvolles Arrangement der Sänger, ist sie unbeholfen und leblos, konzeptionell tappt sie im Dunkeln. Sie macht sich keinen Begriff von Parsifal, der über den Kontrast seines urbanen Anzugs zur Ordenskluft der Gralsritter hinausginge. Sie weiß auch zu Kundry nichts zu sagen; die trägt über alle Rollenwandel hinweg – von der verschlossenen Gralsbotin über die Verführerin in Klingsors Ethno-Lovecraftschem Zaubergarten bis zur sprachlosen Dienerin – dasselbe schwarze Kleid mit Schlitz.
Was der Inszenierung bei der Darstellung der Personen nicht gelingt, bleibt auch den Sängern versagt. Man hat sich an Klaus Florian Vogt als Lohengrin schon gewöhnt – bei seinem Parsifal-Debüt fällt wieder auf, dass nicht nur der Stimmtyp die Partie verfälscht, sondern mit der hellen, leichten Stimme auch eine Darstellung ohne Farbe und Gewicht verknüpft ist. Dass Vogt Noten und Text überaus korrekt vorträgt, kann nicht aufwiegen, dass der „Amfortas!“-Ruf, der ganze „Qual der Liebe!“-Ausbruch drucklos bleibt. Evelyn Herlitzius verfügt über ein größeres darstellerisches Temperament, und so ist ihre Kundry achtbar – aber abgesehen von den stimmlichen Übersteuerungen und Brüchen: Auch hier singt ein Sopran eine Mezzorolle, widersprechen die expressiven Register der Lagen denen, die Wagner im Sinn hatte.

Das Publikum feiert dennoch

Mit Thomas Johannes Mayer ist der Amfortas korrekt besetzt, singt aber als todkranker Gralskönig im kernigen Dauerforte. So ragt Matti Salminen als Gurnemanz weit aus dem Ensemble heraus. Seine Stimme war nie im klassischen Sinne schön, aber der 67-Jährige ist ein Sänger von darstellerischer Vielfalt und Substanz, beherrscht die Bühne auch als Einspringer.

„Parsifal“ hätte als Kontrast zur Spielzeiteröffnung mit Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ interessant werden können. Dafür hat es zumindest am Regisseur gefehlt. Das Fest indes ließ sich das Publikum auch durch eine läppische Inszenierung nicht kaputt machen.

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