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Til Schweigers Castingshow Wo bitte geht's nach Hollywood?

Til Schweiger hat jetzt auch eine Castingshow. Das Image der bösen Gouvernante überlässt er aber Heidi Klum, geht lieber auf Kuschelkurs. Und polarisiert damit - wie immer. Eine Charakterstudie von Hannah Schneider.

22.06.2009 00:06
Tilman Valentin Schweiger wurde am 19. Dezember 1963 in Freiburg im Breisgau geboren. Seine Ausbildung hat er ab 1986 an der Schauspielschule des Theaters Der Keller in Köln absolviert. Schweigers Film "Zweiohrküken" kommt im Dezember in die Kinos, ab August ist er in Tarantinos "Inglourious Basterds" zu sehen. Foto: rtl

"Klappiklapp", sagt Til Schweiger, "und Action". Dann fällt er lässig in seinen Regiestuhl und die Kandidatinnen der neuen Castingshow "Mission Hollywood" bringen sich vor der Kamera in Pose. Ein Szenenbild aus der Komödie "American Pie" ist dort aufgebaut, als Kulisse für potenzielles komödiantisches Talent: Das sollen die Kandidatinnen jetzt beweisen, während sie einen Dialog aus dem Film nachspielen.

Til Schweiger zieht sich entspannt die Pulliärmel über die Hände und guckt den Mädchen so milde und wohlwollend bei ihren Bemühungen zu, als wären sie Katzenwelpen beim ersten Saugversuch. Auf Schweigers Rückenlehne hat jemand seinen Namen gestickt und dabei aus Versehen das "e" und das "i" vertauscht. "Til Schwieger" steht da jetzt. Für den Schauspieler kein Drama, er schmunzelt nur - vielleicht auch, weil sich das ein bisschen nach Schwiegersohn anhört. Nach dem perfekten Schwiegersohn. Und das ist so etwas wie Schweigers zweiter Vorname.

Til Schweiger, der Schauspieler, der so nuschelt, dass man ihn kaum versteht, ist ein Phänomen. Er ist einer der einflussreichsten deutschen Filmstars. Mit "Keinohrhasen" hat der 45 Jahre alte Schauspieler, Produzent und Regisseur den erfolgreichsten deutschen Film 2008 ins Kino gebracht, allein im vergangenen Jahr hat er insgesamt sechs Filmpreise gewonnen und darf aktuell neben Brad Pitt im Tarantino-Streifen "Inglourious Basterds" mitspielen. Ein echter deutscher A-Promi also, ein seltenes Exemplar zwischen all den B- und C-Größen in Dschungelcamps und Promidinnern, zwischen frisch gekürten "Superstars" und schauspielernden Eintagsfliegen.

Und trotzdem - irgendwie hassen ihn alle. Macho, Poser und Dummbatz sind noch die harmloseren Bezeichnungen, die man über ihn so aufschnappt. In Filmforen im Internet kommen ziemlich viele Leute zu Wort, die dem Schauspieler zum Beispiel auch einfach mal "tierisch gerne aufs Maul hauen" wollen. Kinokritiker pulverisieren Schweigers Werke Jahr für Jahr. Seine neue Castingshow muss sich als Kopie einer Kopie viel Spott gefallen lassen.

Warum stöhnen so viele auf, wenn es um Til Schweiger geht? Der Punkt, an dem sich seine Zuschauer zwischen Fan-Sein und Verachtung entscheiden, liegt in seiner Selbstinszenierung. Die einen nehmen es ihm ab - dass er eigentlich der unkomplizierte, leicht schluffige Typ ist, der sich immer so gemütlich die Pulliärmel über die Hände zieht. Und der mit seinem Waschbrettbauch zwar sexy ist, aber lange nicht so unerreichbar wie Kollege Brad Pitt, der am Filmset neben ihm am Kaffeestand steht. Dieser Til Schweiger ist knutschbar, der ewige nette Typ von nebenan.

Sanfter Mentor statt böse Gouvernante

Die anderen hassen genau diese Attitüde, halten das lässige Geschluffe für aufgesetzte Koketterie. Til Schweiger inszeniert Glamour und Starallüren ganz einfach weg von sich durch extrem zur Schau gestellte Unverkrampftheit. Das kennt man schon von Heidi Klum. Auch bei ihr scheiden sich die Geister, ob sie wirklich das unkapriziös plappernde Mädel aus dem Bergischen Land ist oder doch eher die knallhart berechnende Selbstvermarkterin, bei der jede gezogene Schnute inszeniert ist. Dass sich Schweiger jetzt auf eine Castingshow eingelassen hat, zeigt, dass noch viel mehr Heidi in ihm steckt - über die zweifelhaften Moderatorenqualitäten hinaus. Zumal die beiden Formate "Mission Hollywood" und "Germany's Next Topmodel" auch noch so etwas sind wie zweieiige Zwillinge: Statt Modelvertrag wie bei ProSieben gibt es in Schweigers RTL-Show eine Rolle beziehungsweise ein Röllchen in der Fortsetzung der "Twilight"-Verfilmung; statt Victoria Beckham sitzt Heiner Lauterbach als Stargast hinter dem Jurypult und statt eines Fotos bekommen die Mädchen, die eine Runde weiter dürfen, einen kleinen Mini-Oscar in die Hand gedrückt. Die gemeinsame Produktionsfirma Tresor TV hat es sich leicht gemacht und einfach nur ein paar Basics ausgetauscht.

Einen essentiellen Unterschied gibt es allerdings: Til Schweiger hat die Show seinem Image angepasst, geht mit den Kandidatinnen voll auf Kuschelkurs. Anders als die Klum. Kühl und knallhart hat die sich in der vor kurzem abgeschlossenen Staffel von "Germany's Next Topmodel" präsentiert, als gnadenlose Modelmutti, die Mädchenträume jäh zerplatzen lässt. Prompt wurde die 36-jährige Bergisch Gladbacherin als böse Gouvernante abgestempelt, der es in der Show vielmehr darum ginge, sich selbst brachial in Szene zu setzen, anstatt den Kandidatinnen eine echte Chance im Modelbusiness einzuräumen. Til Schweiger probiert es also lieber auf die weiche Tour. "Wir haben uns bei Til immer total fürsorglich betreut gefühlt", sagt eine der "Mission Hollywood"- Kandidatinnen, die schon nach der ersten Folge wieder nach Hause musste, und sieht dabei aus, als hätte sie das nicht mal aus einem geheimen Drehbuch auswendig lernen müssen. Angst hat keine vor ihm. Von Kandidatin Annika lässt er sich nach einer schlechten Kritik anzicken - und sagt dann nur: "Ich fand die Schnute süß, die sie dabei gezogen hat." Trotzdem muss auch Schweiger regelmäßig Mädchen nach Hause schicken, die fürs Schauspiel nicht taugen. Das bleibt ihm nicht erspart, auch wenn er "Leuten lieber etwas Nettes sagt". Eine genüssliche Show, so wie Heidi Klum sie an ihren "Entscheidungstagen" zelebriert, ist bei "Mission Hollywood" nicht angesagt. Während die zitternden Möchtegernmodels minutenlang gefoltert werden, Heidi Klum den Moment mit ernster Miene und harter Kritik sadistisch auskostet und dann am Ende ein Mädchen weinend Richtung Flughafen schickt, bringt Til Schweiger die Entscheidung so schnell wie möglich hinter sich. Dabei schaut er so, als müsste er eins seiner Katzenbabys verschenken. Kandidatin Juliane hat sich kaum erwartungsvoll vor der Jury in Stellung gebracht, da weiß sie auch schon Bescheid. "Wir machen das jetzt so, Juliane, du musst leider raus."

Kino-Kritiker pulverisieren seine Werke

Damit hat sie es hinter sich. Das Problem ist nur: Die Wut des Publikums zieht Schweiger mit der rücksichtsvollen Tour zwar nicht auf sich. Große Aufmerksamkeit allerdings auch nicht. Die Quoten der ersten beiden Folgen waren schlecht, 1,5 Millionen Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren schalteten ein. Das wöchentliche Drama, das Heidi Klum inszenierte, sahen schon zu Beginn der Staffeln rund 2,8 Millionen Angehörige dieser Zielgruppe.

Da hilft auch nicht die Riesenportion Sex, die Schweiger als Gegengewicht in die Inszenierung steckt. Schlüpfrige Aufgaben müssen die Mädchen in der Show bewältigen. Und wie auch immer sie das tun, es lässt sich vom Chefjuror ebenso schlüpfrig kommentieren. Das ziemlich zungenintensive Geknutsche unter zwei Kandidatinnen, eine Szene aus dem Film "Eiskalte Engel", bewertet Schweiger danach, wie weit der Zeiger auf seiner Erotikskala ausschlägt. Bei der Stöhnszene à la "Harry und Sally" streiten sich die Experten Lauterbach und Schweiger über die realistische Dauer eines Frauenorgasmus - gemessen anhand von Erfahrungen im eigenen Bett, versteht sich.

Viel Spott für seine neue Casting-Show

Bevor allerdings irgendwer zu laut "Macho" schreien kann, ist Schweiger wieder ganz der Mädchenversteher. Die gläubige und verheiratete Kandidatin Yesim Sery aus Köln darf beim "9 ½ Wochen"-Strip, für den so viel schauspielerisches Talent nötig ist wie für einen Purzelbaum, anders als Kim Basinger ihren BH unterm Negligé anbehalten und muss sich noch nicht mal die bereitgelegten Gummibrustwarzen für mehr Nippeloptik ankleben. Schweiger: "Ich will ja nicht als Nippelkönig in die deutsche Fernsehgeschichte eingehen." Immerhin darf das Mädel weiter mitmachen - das käme bei der Klum überhaupt gar nicht in Frage. Wer sich bei ihr nicht die Haare abscheren lassen will, keine Lust auf Fummelei fürs Foto hat und sich ziert, wenn es um die Aktaufnahme geht, fährt direkt nach Hause.

So großzügig wie bei seinen Mädchen ist Til Schweiger bei sich selbst übrigens nicht. Er ist ein Perfektionist, kein kleinster Makel überlebt den Schnitt seiner eigenen Filme. Seine Rollen schreibt er sich deshalb am liebsten selbst auf den Leib und übernimmt vorsichtshalber wie bei "Barfuss" (2005) und "Keinohrhasen" (2007) direkt auch Regie und Produktion. Mit dem Dreh von "Zweiohrküken", dem Nachfolger seines bisher erfolgreichsten Films, hat er zwar gerade erst angefangen, aber trotzdem schon viele Szenen fertig geschnitten - das macht er am Set in Berlin in der Mittagspause. Vielleicht setzt er beim Casting andere Maßstäbe an, weil er genau weiß, dass die Siegerin von "Mission Hollywood" zwar bestimmt ein bisschen Spaß am Set von "Twilight" haben wird, er selbst und der ganze Rest der Welt werden sich aber spätestens zwei Tage nach Ende der Show nicht mal mehr an ihre Haarfarbe erinnern können. Das scheint sich auf die Kandidatinnen zu übertragen: Schweigers Schützlinge vergnügen sich wie bei einem Gewinnspiel im Mädchenpensionat. Der Preis: ein Ticket Richtung Hollywood. Heidi Klums potenzielle Models kämpfen verbissen für die in Aussicht gestellte Karriere, der Ernst des Lebens ist nichts dagegen.

Selbst mitmachen würde Schweiger bei seiner eigenen Show übrigens nicht, hat er gesagt, weil er Castings gar nicht mag und sein Innerstes nicht vor so viele Leuten nach außen kehren will. Er hat sich vor über 20 Jahren in Köln lieber noch solide ausbilden lassen, in der Schauspielschule des Theaters Der Keller. Es folgten ein paar Jahre "Lindenstraße", und dann fing er an, sich selbst als sexy Trottel, als Schelm mit schönem Körper in Stein zu meißeln: Zum Beispiel als Autoproll Bertie in "Manta Manta" (1991), im weißen Tank Top zu braungebrannter Haut und gelbem Sportwagen, oder drei Jahre später in "Der bewegte Mann", der Film, mit dem ihm der Durchbruch gelang und in dem er als notorischer Fremdgeher ziemlich oft nackt zu sehen ist. In "Wo ist Fred?" (2006) und "Keinohrhasen" ist Schweiger ganz der dösige Schönling.

Ziemlich charakteristisch sieht das aus, wenn man Schweigers Filmografie im Internet in Bildern durchscrollt: Schweiger im Bett, Schweiger im Muskelshirt, Schweiger nackt, dann wieder Schweiger im Bett. Und ganz zum Schluss: Schweiger mit seinen Kindern. Die machen sich gut im Gesamtkonzept, schließlich ist Schweiger auch sanfter Papa. Von seiner Frau Dana lebt er zwar seit 2005 getrennt, die verliert aber natürlich nirgendwo ein schlechtes Wort über ihn. Kuschelkurs also auch in der Familie.

"Juliane, du musst leider raus."

Und statt wie Heidi Klum jede Veröffentlichung von Kinderfotos strikt zu verbieten, schreibt er seinem Nachwuchs einfach Rollen auf den Leib und nimmt seine drei Töchter und den Sohn wie in "Keinohrhasen" und jetzt ganz neu in "Phantomschmerz" einfach mit vor die Kamera. Das polarisiert mal wieder: Schweiger-Fans finden das süß, wie der Papa mit den Kindern vor der Kamera rumspaßt. Die anderen regen sich auf, dass der Selbstdarsteller jetzt auch noch seine Kinder für seine Inszenierung instrumentalisiert.

Damit sind jetzt allerdings erst mal die Kandidatinnen von "Mission Hollywood" an der Reihe. Im Trailer zur Show fährt Schweiger im schicken roten Cabrio durch L. A., lässt sich von den schönen Mädchen am Straßenrand bejubeln. Ein bisschen sehnsüchtig sieht das aus, Schweiger will gemocht werden. "Darum ist man auf der Erde, wegen Liebe und Freundschaft", hat er vor kurzem in einem Interview gesagt. Irgendwer wird ihn dafür bestimmt wieder verprügeln wollen, den perfekten Schwiegersohn.

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