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Start für neue "Dittsche"-Staffel Die Schildkröte rockt

Ab Sonntag hockt und schweigt er wieder: Franz Jarnach alias Schildkröte und sein später TV-Ruhm in "Dittsche - das wirklich wahre Leben". Von Thomas Wolff ( mit Video)

19.02.2010 00:02
Thomas Wolff
Franz Jarnach alias der schweigsamen Imbiss-Stammgast Schildkröte. Foto: ddp

Am Sonntagabend muss er wieder ran. Muss alles geben. Ohne ihn funktioniert die Show ja einfach nicht. So gegen neun, halb zehn wird Franz Jarnach seinen alten Passat anwerfen und von St. Pauli ins feine Eppendorf zuckeln, direkt zur "Eppendorfer Grillstation", seinem Arbeitsplatz.

Da wird "Dittsche - das wirklich wahre Leben" gedreht, für den NDR, Start der 13. Staffel der Grimmepreis-bekrönten Echtzeit-Comedy. Mit Olli Dittrich, dem Erfinder und Star der Serie - der wird in seiner Rolle als Imbissbudenstammgast wieder seine ganz persönliche Sicht des Wochenweltgeschehens herunterrattern, vom HSV bis Obama; mit Ingo, dem Wirt, der sich das alles anhören muss; und mit Franz Jarnach, genannt Schildkröte.

Sein Job: Er hockt und schweigt. Eine halbe Sendestunde lang, plus eine oder anderthalb Stunden Technik-Proben. Gelegentlich mault er Dittsche an: "Halt' die Klappe, ich hab´ Feierabend", und dann ist auch meistens schon Schluss. Es ist ein harter Job. Zen in der Frittenbude.

Jede Sendung eine Prüfung. Denn Jarnach, 66, der Mann unter der Krokodillederimitat-Jacke, ist im wirklich wahren Leben genau das Gegenteil des Schweigers, der ihn spät im Leben zu einer kleinen Berühmtheit machte.

Es fängt schon damit an, dass sein Telefon längere Zeit besetzt ist zum vereinbarten Interviewtermin. Er warte geduldig neben seinem Apparat, hatte das Management gesagt, kann sein, dass er nicht gleich rangeht, nicht verzagen. Klar, typisch Schildkröte, denkt man. Den musst du erstmal irgendwie wachkriegen.

Mitten im hanseatischen Klönschnack

Aber von wegen. Franz Jarnach legt gleich los. "Hallo, tut mir Leid, da hast du wohl´n Moment warten müssen? Ich musste eben erst noch mit meiner Schwester telefonieren, liegt im Krankenhaus, ja, bei der Glätte hingefallen, ist mir auch neulich passiert, tierisch auf´n Arsch gefallen, aber Glück gehabt, mir ist nix passiert ..." Schon ist man mitten im schönsten hanseatischen Klönschnack.

Mit Jarnach, mit Schildkröte? "Nee, sach einfach Piggi, so nennen mich alle hier in Hamburg." Warum, wieso, tja, er weiß es nicht genau, ist so eine eigene Geschichte, vielleicht ein andermal.

Vor allem dreht sich Jarnachs Geschichte um Rock´n´Roll. Wer ihn nur als großen Stoiker aus dem Fernsehen kennt, ist erstaunt, den knuffigen Mann mit der eisgrauen Matte live am Piano zu erleben: Da hämmert er wilde Läufe in die Tasten, prankt mit seinen tätowierten Armen beherzt auf sein E-Piano ein, wippt und schaukelt und schließt mit schmerzverzerrter Miene die Augen, wenn er "Whole Lotta Shakin´ Goin´ On" singt. Das macht er seit mehr als 40 Jahren, mal solo als Mr. Piggi , mal im "Schildkröte-Duo". Rock´n´Roll ist sein Leben, eigentlich, sein Leben diesseits von Dittsche.

Beide Eltern sind Musiker

Eine Musiker-Laufbahn lag auch ziemlich nahe. Der Vater Klavierlehrer an der Staatlichen Musikschule, die Mutter Konzertpianistin. Mit acht spielte er Beethoven-Sonaten. Mit zwölf entdeckte er Elvis, dann Jerry Lee Lewis. Der Vater sah es mit Entsetzen: "Bist du wahnsinnig! Ruinier mir nicht den Flügel!"

Ja, der Flügel, zwei gab es im Haushalt, einen Bechstein, einen Steinway. Die Familie musste sie verkaufen, schwersten Herzens. Als Rock´n´Roller verdient Piggi kein Vermögen; drei, vier Auftritte macht er im Monat, spielt oft bloß für die Abendkasse. Bei Dittsche wird er "anständig bezahlt, aber über Geld reden wir ja nicht weiter, stimmt´s?"

Und in der hellhörigen Anderthalb-Zimmer-Bude, die er allein bewohnt auf St. Pauli, stört so ein Rieseninstrument ja auch. Trotzdem hat Jarnach versucht, das Erbstück zurückzukaufen. Aber es war verschwunden, irgendwohin verkauft. Er erzählt es wie eine kleine Tragödie. Dann fasst er sich wieder und holt seinen freundlichen Hamburger Fatalismus heraus: "Kannst nicht alles haben im Leben." Den könnte er glatt in Dittsches Philosophen-Imbiss bringen. Vielleicht an diesem Sonntag?

Kein Drehbuch in der 13. Staffel

Jarnach mag sich da nicht festlegen. Wie auch: "Das ist alles ganz spontan", schwört er. Auch in der 13. Staffel gibt es kein Drehbuch, keine vorab auswendig lernbaren Dialoge. Sogar Schildkröte muss ab und an mal spontan reagieren.

Wie damals, 2008, als Dittsche schwer aus der Rolle fiel: Schleppte einen Wagenheber mit in den Imbiss, setzte ihn unter Schildkrötes Hocker an, nur um dem Ingo mal zu demonstrieren, was für ein famoser Wagenheber das doch sei, und hebelte Schildkrötes massigen Körper langsam in die Höhe. "Hilfeee, Hilfeee", knurrte Jarnach da mit gespieltem Entsetzen. Und als das Gerät dann in Ingos Glastresen flog und Dittsche raus aus dem Imbiss, da erbarmte sich Schildkröte: "Guck mal, wie er guckt, der is´ doch ganz traurig da draußen ... is´ doch alles kein Problem."

Das sind so die Highlights. Der Rest ist wieder konzentriertes Schweigen. Langeweile? Nein. Mal ein kurzes Nickerchen? Höchstens Sekundenschlaf. Das lag aber am Zucker, ist Jahre her. Jetzt verzichtet er auf seine geliebten Sahneschnitten und bleibt hellwach. Denn der Job auf dem dreibeinigen Hocker erfordert höchste Anspannung.

Der alte Herr des Hamburger Fußballs vetrat ihn mal

Sogar Uwe Seeler kann das bestätigen, sagt Jarnach: Der große alte Herr des Hamburger Fußballs vertrat ihn mal eine Sendung lang auf dem Hocker. "Danach sagte er mir, das wäre einer der anstrengendsten Auftritte seines Lebens gewesen." Sogar seinen Ein-Satz-Monolog habe sich der Kicker auf einen Zettel geschrieben: "Halt´ die Klappe ...", was sonst.

Jarnach selbst spielt die Mühe, die der Job kostet, gekonnt herunter. Macht doch alles viel zu viel Spaß mit Olli, mit Jon alias Ingo, man kennt sich ja schon seit den 80ern. Da fragte Dittrich, der gerade sein neues TV-Format entwickelte, seine Freunde, ob sie nicht mittun wollten. Jarnach wollte, mit dem größten Vergnügnen.

Junge Leute kommen extra wegen Schildkröte

Seither hat sich einiges verändert für ihn. Wenn er in kleinen Clubs in Hamburg und Umgebung spielt, wie in dieser Woche, dann sieht er im Publikum öfter erwartungsfrohe Gesichter; junge Leute, die extra wegen Schildkröte kommen. "Da mach´ ich dann gleich klar. Hier gibt´s keine Comedy", und das begreifen die Leute auch, sagt Jarnach.

Nervig wird es nur, wenn er im Supermarkt angequatscht wird. Mensch, ist das nicht Schildkröte da am Konservenregal? Aber auch da hat der Pragmatiker einen soliden Ausweg gefunden. Er grinst dann freundlich zurück, zückt eine Autogrammkarte und knurrt den einen Satz, der alle Diskussionen beendet. Und dann ist endlich Feierabend.

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