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Salzburger Festspiele Der Augenblick der Veränderung

Vanessa Redgrave mit Joan Didions Monolog "Das Jahr magischen Denkens".

Vaness Redgrave
Große Energie, kein Pathos: Vanessa Redgrave. Foto: ap

Der Elisabethaner habe im "König Lear" über die Heide Sätze verfasst, "die kein Beleuchter erreicht und nicht die Heide selber". - die Bemerkung Brechts über Shakespeare trifft abgewandelt zu auch auf die seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erschienen Romane Joan Didions. Von Kalifornien, wo sie geboren wurde und im Wechsel mit New York lebt, enthält die Prosa dieser Autorin mehr als die Region an der Küste des Pazifik selber. "The White Album", "A Book of Common Prayer", "Play It as It Lays" sind Texte, die ihren Leser versetzen können in einen offenen Chevrolet auf dem Wilshire-Boulevard von L.A., in das dunstig-helle Licht an den Stränden von Santa Monica, in die Lakonik des Tonfalls verbindlich-unverbindlicher Gespräche mit den Los Angelinos. Merkmal der Erzählungen Didions ist eine intensive Nähe zur Welt bei zugleich einem Abstand, den ihre Sprache wie eine feine, gläserne Trennwand einzieht zwischen sich und den Dingen, von denen sie handelt.

Diese abständige Nähe, mehr eine Haltung als eine Technik, hat Didion in ihrem 2005 erschienenen Werk "The Year of Magical Thinking" (Das Jahr magischen Denkens) aufgegeben für einen Text, den sie selbst einen Bericht (account) nennt. Es ist ein Buch von äußerster Direktheit im Umgang mit der extremsten Erfahrung, die Menschen erleiden müssen: dem Tod des ihnen teuersten Anderen, des geliebten Gefährten langer Jahre, des- oder derjenigen, ohne den oder die nichts mehr so sein kann wie zuvor, die Welt auf einmal öde und leer. Sehr riskante, für von einem solchen Verlust selber Betroffene aufwühlende, erschütternde Lektüre. "Das dürfen Sie jetzt nicht lesen", hatte die Kollegin Verena Auffermann gesagt, als sie bei einem Kondolenz-Besuch in meinem Hause das von amerikanischen Freunden mir zum Zeichen der Anteilnahme geschickte Buch entdeckte. Inzwischen ist es doch gelesen worden - bewegender Text, wie kaum je ein anderer. Im Dezember 2003 war der Schriftsteller John Gregory Dunne nach vierzigjähriger Ehe mit Joan Didion beim Abendessen zu Hause plötzlich zusammengebrochen, ein Herzinfarkt, jede Hilfe zu spät. "Das Leben ändert sich schnell. Das Leben verändert sich im Augenblick. Du setzt dich zum Essen und das Leben wie du es kennst endet."

Es folgt, was zunächst die Wucht des Verlustes für die Überlebende zu neutralisieren scheint, im Falle Didions die Information der erwachsenen Tochter Quintana, selber schwerkrank, die Organisation der Beerdigung, die Entscheidungen über die Nachlassenschaft. Später erst die ganz anderen Fragen: Wird der Verstorbene nicht doch zurückkehren? Das Bewusstsein der Endgültigkeit des Verlustes. Der tägliche Schmerz angesichts der Leere und Bedeutungslosigkeit. Immer wieder fällt die Trauernde zurück in die sich vordrängenden Erinnerungen an das vergangene, gemeinsame Leben. Rekonstruktionen des Gewesenen, Monate der Beschwörung, die gemeint ist mit den Prozessen des "magischen Denkens". Bis die Hinterbliebene, nach Jahr und Tag, in einer ganz und gar banalen Situation bemerkt, dass sie begonnen hat, den Tod des Anderen zu akzeptieren, Vorgang einer Entrückung. "Wir müssen die Toten lassen, sie werden das Bild auf dem Schreibtisch".

Vor einem Jahr nun hatte Joan Didion sich bereit gefunden, diesen "Bericht" umzusetzen in eine Fassung für das Theater, einen Monolog, den der englische Autor und Regisseur David Hare dann mit Vanessa Redgrave auf die Bühne des Londoner National Theatre gebracht hat. Jürgen Flimm, Intendant der Salzburger Festspiele, lud die Produktion nach Salzburg ein. Der Abend wurde zu einem Erfolg wie man ihn in Salzburg selten erlebt hat: Stehende Ovationen des Publikums, viele Minuten lang, für die Redgrave, den Text Joan Didions, die Regie David Hares.

Die Bühnenfassung weicht ab von dem Text des Buchs. Sie sucht den Kontakt mit dem Zuschauer durch den direkten Appell: "Es wird Ihnen passieren. Die Einzelheiten werden andere sein, aber es wird Ihnen passieren." In dem Buch überlebt die Tochter ihre schwere Krankheit, die Rettung ist Gegenbild zum Tod des Mannes, auch Trost. Tatsächlich ist, nachdem das Buch erschienen war, die Tochter dem Vater nachgefolgt. Der Monolog nimmt das auf. Doppeltes Leid. Kein Trost, nirgends.

Die Leistung der Schauspielerin sucht ihresgleichen. Vanessa Redgrave, hochgewachsen, das Haar streng nach hinten gebunden (später wird sie es einmal öffnen), graue Hosen, helles Oberteil, nimmt sich den Text mit Entschiedenheit und Energie. Keine Spur von lastendem Pathos, kein Versinken in aufgesetzten Jammer. Aber jede Veränderung der Haltung auf dem einzigen Requisit eines Stuhls (vor mehrmals wechselnden Prospekten, die Strände assoziieren lassen) exakt bedacht und bezogen auf Wendungen der Stimmung im Text. Trauerarbeit, vollbracht mit einer disziplinierten Vitalität, die es ermöglicht, eine enorme Spannweite gegensätzlicher Erzählformen und Emotionen zu vermitteln, vom Referieren medizinischer Details über zuweilen sogar Lacher provozierende Beobachtungen ("Wenn dir auf der Intensivstation ein Sozialarbeiter vorgestellt wird, weißt du, dass es übel steht.") bis zu Abstürzen in das Entsetzen über das Unwiederbringliche der vergangenen Zeit und des Menschen, der sie bestimmt hatte.

Der Auftritt der Redgrave ist für viele Schauspieler ein Lehrstück über ihre Kunst. Zu erleben ist, welche Genauigkeit, welche Konzentration der Einlassung auf einen Text sie verlangt, wieviel Reflexion und Mut, sich extremsten Erfahrungen zu stellen, wieviel an Einsicht in das Leben; und in den Schmerz, den es immer einschließt.

www.salzburgerfestspiele.at

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