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Rüsselsheimer Schießerei Streit schlichten wie im Heimatdorf

Nach den Schüssen von Rüsselsheim sucht die kurdisch-alevitische Gemeinde Erklärungen. Von Jutta Rippegather

Tatort nach der Schießerei
Ermittler und zunehmend auch die Mitglieder der kurdisch-alevitischen Gemeinde rätseln über die Motive für die Todesschüsse. Foto: dpa

Vier Wochen sind seit den tödlichen Schüssen in der Rüsselsheimer Innenstadt vergangen. Und immer noch rätseln viele von der kurdisch-alevitischen Gemeinde darüber, wie es so weit kommen konnte. Drei Menschen waren am 12. August gestorben, darunter eine unbeteiligte Frau. Die anderen beiden stammen aus Dersim, aus derselben Provinz wie viele Kurden, die in Rüsselsheim leben, wie Yeter Ayboga (35) berichtet.

"Wir waren richtig geschockt", sagt die Politikstudentin. "Wir haben Angst um unsere Kinder, dass sie vielleicht auch abrutschen können", fügt der Angestellte Can Kasapoglu (43) hinzu. Ihm gegenüber sitzt Hüseyin Tanriverdi (38), Facharbeiter bei Opel. "Ich weiß nicht ob wir es hätten verhindern können", sagt er. "Aber wir hätten es wenigstens versuchen müssen." Die drei fühlen sich verantwortlich dafür, wenn in ihrer Gemeinschaft etwas schiefläuft. Selbst wenn es um Kriminelle geht. Das ist nun mal ihre Mentalität.

Sie sind ein Teil der deutschen Gesellschaft

Dabei hat Ayboga schon ihre Kindheit in Rüsselsheim verbracht. Wie Kasapoglu besitzt sie einen deutschen Pass. Sie empfinden sich sehr wohl als Teil der deutschen Gesellschaft. Aber auch gleichzeitig als Teil der kurdisch-alevitischen Community in Rüsselsheim - einer Gemeinschaft, die ihre Probleme in der Regel ohne offizielle Stellen - ohne Staat, Justiz oder Polizei löst. Kein Wunder. Der türkische Staat und die Machthaber davor haben die Kurden in Dersim immer bekämpft.

Die beiden Rüsselsheimer erzählen von ihrer Kindheit: Kam es im Dorf zum Streit, fällte der Ältestenrat unter Führung des Geistlichen das Urteil. Es gab kein Gefängnis, keine körperlichen Züchtigungen. Strafe - das war, dass die gesamte Gemeinschaft für eine festgelegte Zeit nicht mehr mit dem Täter sprach. Es sei denn, er entschuldigte sich. Der soziale Druck funktionierte auch im Alltag. Ältere Frauen wurden stark geachtet: "Was die Älteste sagte, wurde gemacht", sagt Hüseyin Tanriverdi.

Für die drei kurdischen Aleviten ist Rüsselsheim die zweite Heimat geworden. Die Sozialstrukturen aus den Dörfern bewähren sich auch hier, sagen sie. Personen mit hohem Ansehen bemühen sich, zwischen Kontrahenten zu vermitteln, Kompromisse zu finden. Nach Vermutungen der Polizei könnte auch eines der Todesopfer vom 12. August die Rolle des Streitschlichters zwischen den beiden verfeindeten Gruppen übernommen haben. In der Funktion war Deniz E. jedenfalls schon einmal vor drei Jahren am Rande des Wiesbadener Blutracheprozesses aufgefallen.

Aufgewachsen sind einige in der kurdischen Provinz

"Wer studiert hat, ist bei unseren Leuten sehr geachtet", sagt Ayboga. Akademiker aus der Gemeinde führen die Kontrahenten zusammen, erarbeiten mit ihnen einen Kompromiss. Sie werden tätig, wenn es zwischen Geschäftsleuten zum Streit kommt. Am häufigsten aber geht es um Familiäres. Darum, dass die in einem kleinen kurdischen Dorf aufgewachsenen Eltern nicht damit zurechtkommen, wie ihr jugendlicher Nachwuchs sich gebärdet.

Es gab Zeiten, da war die kurdisch-alevitische Gemeinde Rüsselsheim eine sehr lebendige. Rund 200 Mitglieder zählte der Verein. Pädagogen hielten Vorträge über Erziehung. Kinder berufstätiger Eltern kamen zur Hausaufgabenhilfe und es gab jede Menge Freizeitangebote. Elf Jahre existierte der Verein "Dersim Sport- und Kulturgemeinde", als er sich 2006 auflöste. Die Aktiven fühlten sich unter Generalverdacht gestellt, PKK-Anhänger zu seine. Es gab Anzeigen, Beschuldigungen, Hausdurchsuchungen. Bewiesen wurde nie etwas, sagt Hüseyin Tanriverdi. Die Einbürgerung sei ihm trotzdem verwehrt worden.

Auch das Engagement im Ausländerbeirat blieb glücklos. Die muslimischen Vertreter schmetterten jeden Antrag der Kurden ab. Der Ausländerbeirat sei ohnehin ein machtloses Gremium, sagen die drei Kurden heute. Wer wirklich etwas für die Integration der Ausländer tun wolle, müsse in deutschen Gremien arbeiten.

Intergration heißt nicht, die eigene Kultur zu begraben

Yeter Ayboga sitzt seit zwei Jahren für die Fraktion Die Linke im Rüsselsheimer Stadtparlament. Integration heißt freilich nicht, die eigene Geschichte und Kultur zu begraben. "Wir leben hier, unsere Wurzeln sind dort", sagt Kasapoglu. "Wir wollen, dass es unseren Kindern besser geht." Dazu gehört das Leben im freien Deutschland, aber auch, die Anerkennung der kurdischen Identität.

Das Zusammenleben mit anderen Nationalitäten in der Stadt, sagen sie, hat sich nicht verändert. Trotzdem werden sie demnächst den Verein reaktivieren. Um vorzubeugen.

Viele ihrer Landsleute seien nun einmal damit überfordert, die hiesige Schulpolitik zu verstehen oder die Freiheiten der Jugendlichen zu akzeptieren. Denen müsse geholfen werden. Respektpersonen müssten sich wieder einmischen. Bevor der kleine Konflikt ein großer wird.

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