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Protokoll eines Dramas Der verlorene Sohn

2006 wird ein Siebenjähriger mit Gewalt aus der Wohnung seiner Mutter geholt. Die Begründung ist dürftig, doch auch nach einem Suizidversuch des Kindes bleibt die Entscheidung bestehen.

30.09.2009 00:09
Kinderdienst: Gute Noten fuer Plueschteddys
Das Archivbild zeigt Plüschteddys - die Teddys von Ron sind verwaist. Foto: ddp

In ihrer Wohnung brennt kein Licht. Draußen ist es den ganzen Tag nicht richtig hell geworden, ein Grauschleier liegt über der Stadt, und es scheint, als läge er auch hier drinnen, im Kinderzimmer ihres Sohnes. Ron wird er in dieser Geschichte heißen, zum Schutz seiner Persönlichkeitsrechte.

Ron hat sein Zimmer seit zweieinhalb Jahren nicht mehr betreten, und doch ist Ron irgendwie da. Auf den Regalen verstauben seine Was-ist-Was-Bücher und die hölzernen Dinosaurier, die er aus den Einzelteilen eines Bausatzes zusammengeklebt hat.

In diesem Reich muss ein kreatives Kind zu Hause gewesen sein, eines mit Phantasie. Was hat Ron nicht alles gebastelt! Roboter und Raumschiffe aus Tonpapier. Heidi S., seine Mutter, hat sie in einer Schachtel verwahrt, auch den Kopf eines Affen, von dem Ron gesagt hat, sie solle ihn gut aufbewahren. Es sei ein Talisman.

Wann er ihn ihr geschenkt hat, weiß sie genau. Es war der 23. Oktober 2006, der Vorabend jenes Tages, an dem ihr das Jugendamt ihren damals siebenjährigen Sohn weggenommen hat. Es war 5.35 Uhr, als es an ihrer Tür klingelte.

Die Uhrzeit erscheint am unteren Rand einer Videoaufzeichnung, die ihre damals 15-jährige Tochter Tashina mit der Kamera gedreht hat. Im Sommer 2008 konnte man Ausschnitte daraus in einem Fernsehfilm sehen. Titel: "Wenn Jugendämter versagen".

Eine NDR-Journalistin hatte Schicksale von Kindern dokumentiert, die infolge fehlender Kontrolle der Jugendämter verhungert sind oder die - wie Ron - auf Anweisung der Behörden in ein Heim gesteckt wurden.

Der Film wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, von dem Kritiker der staatlichen Kinder- und Jugendhilfe sagen, es sei strukturell bedingt. Hierzulande fehle eine Instanz, die die Jugendämter kontrolliere.

Gesetzeslücken eröffneten dem Machtmissbrauch durch Sozialarbeiter Tür und Tor.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat mehrfach undurchsichtige Verfahrensweisen und willkürlich erscheinende Vollzüge deutscher Jugendämter kritisiert. Dem EU-Parlament in Brüssel liegen 200 Petitionen von deutschen Eltern vor, die Menschenrechtsverletzungen der Jugendämter anprangern. Eine davon stammt von Heidi S.

Sie wohnt im Plattenbau, in einer vielbefahrenen Straße in Berlin-Hellersdorf. Der Bezirk gilt als sozialer Brennpunkt, einige Straßen weiter steht die Wiege der "Arche", eines bundesweit aktiven Vereins, der sich um vernachlässigte Kinder kümmert und der in dieser Geschichte auch eine Rolle spielen wird.

Heidi S. entspricht nicht dem Klischee der alleinerziehenden Mutter, der langsam alles entgleitet. Wegen einer Amalgamvergiftung frühverrentet, hat sie im Alleingang zwei Töchter groß gezogen: Tashina, inzwischen 18, bereitet sich auf ihr Abitur vor, Winonah, 24, studiert Japanologie.

Ron entstammt der Ehe mit einem peruanischen Studenten, den Heidi S. 1996 auf dem Weihnachtsmarkt kennen lernte, wo er Silberschmuck verkaufte. Er hielt sich illegal in Deutschland auf.

Die Ehe geht in die Brüche, ihr Mann zieht bereits vor Rons Geburt aus, er muss um sein Aufenthaltsrecht bangen. Er besteht darauf, den Sohn zu sehen. Das Kind wird zum Faustpfand in dieser zerrütteten Beziehung. Damit fängt diese Geschichte an.

Sie erzählt von einer Mutter, die in die Mühlen der Bürokratie gerät, als sie Schutz beim Jugendamt sucht. Sie ist eine streitbare Frau, die schnell mit Strafanzeigen und Dienstaufsichtsbeschwerden zur Hand ist, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt.

Vielleicht erklärt das, warum aus einem gewöhnlichen Streit um ein Umgangsrecht ein Machtkampf wurde, der darin gipfelte, dass das Jugendamt Marzahn-Hellersdorf am 23. Oktober 2006 beim Familiengericht den sofortigen Entzug des Sorgerechts beantragte - ohne Wissen der Mutter.

Im Sommer 2008 hat Ron im Jugendheim versucht, sich das Leben zu nehmen. Der Junge ist hochbegabt, aber er gilt schon lange als verhaltensauffällig. Er leidet an einem Waschzwang, er nässt nachts ein, er schläft und isst schlecht. Er hat panische Angst vor Dunkelheit, Schmutz und Spinnen.

Heidi S. macht ihren Ex-Mann für diese Störungen verantwortlich. Sie ringt um Fassung, wenn die Rede auf ihn kommt. Schuldzuweisungen haben sie in diese Sackgasse manövriert. Sie ist vorsichtig geworden.Sie sagt, er habe das Kind nicht haben wollen. Er sei während der Schwangerschaft gewalttätig geworden.

Ron ist zwölf Monate alt, als er seinen Vater zum ersten Mal für mehr als nur einen Moment lang sieht. Eine Stunde verbringen Vater und Sohn alleine. Heidi S. legt den Talisman ihres Sohnes wieder zurück in die Schachtel, als sie von dem Tag erzählt: "Hinterher war Ron total verstört."

So gerät die Familie ins Visier des Jugendamtes. Heidi S. überzieht ihren Ex-Mann mit einer Flut von Strafanzeigen. Sie sagt, er habe sie telefonisch terrorisiert und bedroht. Wiederholt wird in ihre Wohnung eingebrochen, die Spuren am Schloss sind aktenkundig, aber die Polizei nimmt keine Fingerabdrücke.

Heidi S. fühlt sich allein gelassen. Sie sagt, bei einem der Einbrüche sei Rons Kinderausweis gestohlen worden. Sie steigert sich in die Angst hinein, ihr Ex-Mann könne den Sohn nach Peru entführen.

Die Polizei rät ihr, Ron von der Einschulung zurückzustellen. Er soll eine kleine Schule mit übersichtlichem Pausenhof besuchen, sicher ist sicher.

Das Jugendamt Marzahn-Hellersdorf verspricht, ihr bei der Suche zu helfen, doch es rührt sich nicht. Im August 2006 nimmt sie die Angelegenheit selber in die Hand. Ron bekommt einen Platz in einer Schule des Kindervereins "Arche", kleine Klassen, guter Betreuungsschlüssel. Am 23. Oktober 2006 wird er eingeschult. Am Morgen danach wird Ron aus der Wohnung getragen.

Bernd Siggelkow, Gründer des Vereins "Die Arche", verwundert dieser Fall nicht. Der evangelisch-freikirchliche Pfarrer sagt, er habe in den vergangenen fünf Jahren ein Dutzend weiterer Fälle erlebt, in denen das Jugendamt Marzahn-Hellersdorf nicht zum Wohl der Kinder gehandelt habe.

In dem wohl spektakulärsten Fall fiel die Behörde durch Untätigkeit auf: Es war die Polizei, die sechs kleine Kinder aus einem Dreckloch befreien musste. Bernd Siggelkow kennt die erwachsenen Töchter von Heidi S., auf Wunsch ihrer Mutter hat er versucht, bei den Fallkonferenzen zu vermitteln, die das Jugendamt nach dem 24. Oktober anberaumt hat, um die Rückführung des Kindes vorzubereiten.

Schließlich, so steht es im achten Buch des Sozialgesetzbuches, definiert der Gesetzgeber eine Inobhutnahme nur als "vorläufige Unterbringung". Vorrangiges Ziel der Kinder- und Jugendhilfe ist es aber, dass "die Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie innerhalb eines im Hinblick auf die Entwicklung des Kindes (...) vertretbaren Zeitraumes so verbessert werden, dass sie das Kind (...) wieder selbst erziehen kann".

"Eine Suche nach Lösungsansätzen hat es aber gar nicht gegeben", erinnert sich Siggelkow. "Es ging nur um einseitige Schuldzuweisungen an die Mutter."

Warum das Jugendamt Ron aus der Familie nahm, obwohl der Junge allem Anschein nach nicht misshandelt wurde und mit seiner Einschulung auch das von Sozialarbeitern in solchen Fällen gern bemühte Argument "häufiges Fehlen in der Schule" hinfällig geworden war, steht für Bernd Siggelkow außer Frage: "Zwei Wochen vorher ist in Bremen der kleine Kevin tot aufgefunden worden. Die Jugendämter hatten Angst, dass sich ein solcher Fall in ihrem Bereich wiederholt."

Die Berichte der bis dahin für die Familie zuständigen Verfahrenspflegerin deckten sich im Wesentlichen mit einem Protokoll, das die Polizei im Rahmen der Amtshilfe für die Behörde schrieb. Darin heißt es, die Wohnung mache einen aufgeräumten und sauberen Eindruck. Rons Zimmer sei kindgerecht möbliert. "Das Verhältnis zu seiner Mutter ist von Vertrauen und großer, gegenseitiger Zuneigung gekennzeichnet", schreibt die Polizei am 4. November 2005.

Heidi S. hat diesen Bericht in einem Leitz-Ordner abgeheftet. Sie ist eine schmale Mittvierzigerin mit wachen Augen in einem blassen Gesicht. Sie wirkt erschöpft. Doch wenn sie erzählt, welche Schritte sie schon unternommen hat, um ihr Kind zurückzubekommen, staunt man über die Energie, die dieser Kampf in ihr freigesetzt hat.

Sie sagt, sie sei jetzt so weit, dass sie manchmal vergesse, welche Jahreszeit draußen sei. In ihrem Herzen klaffe ein Loch, doch irgendwie schaffe sie es, den Schmerz auszublenden. Seit jenem Morgen des 24. Oktober 2006 funktioniere sie wie ein Notstromaggregat.

Sie kamen zu elft, zwei Frauen vom Jugendamt, eine Gerichtsvollzieherin, Polizeibeamte waren auch dabei. Ron schlief noch, er trug eine Schlafanzughose und ein dünnes T-Shirt, als sie ihn aus dem Bett rissen.

In dem Video, das seine Schwester Tashina gedreht hat, hört man ihn schreien. Man sieht nicht, wie er sich an seiner Mutter festklammert. Es dauert anderthalb Stunden, bis es den elf Erwachsenen gelingt, den zierlichen Jungen aus der Wohnung zu tragen.

Wenn Heidi S. von diesem Tag erzählt, spiegelt sich in ihrem Gesicht eine Mischung aus ohnmächtiger Wut und ungläubigem Staunen. Nicht nur sie macht dieser Fall fassungslos.

Nach dem Sozialgesetzbuch dürfen Jugendämter Kinder und Jugendliche nur dann aus den Familien herausnehmen, wenn ihr Wohl akut gefährdet ist. Anhaltspunkte dafür konnte aber auch keiner der fünf Gutachter finden, die sich im Auftrag ihrer Anwälte mit dem Fall beschäftigt haben.

Dennoch hat das Familiengericht Tempelhof-Kreuzberg Heidi S. im August 2007, ein Jahr nach Rons Wegnahme, endgültig das Sorgerecht entzogen.

Das Urteil der zuständigen Richterin P. stützt sich im Wesentlichen auf das psychologische Gutachten, mit dem sie die Berliner Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie G. Sch. beauftragt hatte.

Diese attestierte Heidi S. "eine gemischte Persönlichkeitsstörung mit paranoiden und zwanghaften Zügen". Heidi S. bilde sich die Bedrohung durch ihren Ex-Ehemann nur ein. Sie habe ihn als bösen Mann verteufelt und die Familie damit in einen Ausnahmezustand gebracht.

Indirekt gibt sie damit der Mutter die Schuld für die Verhaltensauffälligkeiten ihres Sohnes. Über Ron heißt es in dem Gutachten, es handele sich "um ein schwer gestörtes Kind mit vielen Symptomen und Beschwerden, die Krankheitswert haben und behandelt werden müssen".

Filme aus dem Archiv der Familie zeigen ein anderes Bild. Man sieht einen kleinen Jungen mit langen Haaren, der mit Feuereifer Keksteig in der Küche ausrollt. Man schaut ihm bei den ersten wackeligen Versuchen auf seinem Fahrrad im Garten der Familie zu. Er wirkt glücklich, so wie ein umsorgter Junge.

Dieses Familienleben kennt die Sachverständige jedoch nur aus Erzählungen Dritter. Ihr Gutachten beschreibt den Zustand, in dem sich Ron nach der gewaltsamen Trennung von seiner Familie befand, in einer ihm fremden Umgebung, nicht davor. Sie traf, was Wunder, auf ein schwer traumatisiertes Kind.

Nicht nur deshalb ist das Gutachten fragwürdig. Es werfe zum Beispiel die Frage auf, wie die Psychiaterin zu der Diagnose einer paranoiden Persönlichkeitsstörung bei Heidi S. gekommen sei, kritisiert der Berliner Gerichtsgutachter Dr. Bernd Stefanides. "Welche Effektivitätskriterien wurden hier einbezogen? Oder handelt es sich lediglich um Eindrucksurteile - und wenn ja, von wem?"

Nach Einschätzung des renommierten Psychologie-Professors Dr. Wolfgang Klenner erfüllt das Gutachten "sogar die Straftatbestände der Verleumdung und üblen Nachrede".

Schließlich, kritisiert Klenner, der über jahrzehntelange Erfahrung als psychologischer Gerichtssachverständiger in Vormundschafts- und Familienangelegenheiten verfügt, sei die von der Gutachterin beschworene Erziehungsunfähigkeit der Mutter keine messbare Größe. "Der Indikator für die elterliche Erziehung ist das Kind", schreibt Klenner in einem Gegengutachten.

Um überhaupt erst mit ihrem Gutachten beginnen zu können, hätte die Psychiaterin also einen Entwicklungsrückstand des Kindes nachweisen müssen, der eindeutig auf das Konto der Mutter ginge.

"Dergleichen Überlegungen hat die Sachverständige aber nicht angestellt", urteilt Klenner.

"Gefälligkeitsgutachten" werden Expertisen in Gerichtskreisen genannt, deren Ergebnis von vornherein feststeht. "Man kennt seine Sachverständigen", sagt dazu einer, der zu dem Thema "Auswahl und Rolle des Gutachters im familiengerichtlichen Verfahren" wissenschaftliche Vorträge hält: Ernst Elmar Bergmann, Familienrichter am Amtsgericht Mönchengladbach-Reydt.

Bergmann sagt: "Wenn jemand eine Frage in einer bestimmten Richtung geklärt haben will, sucht er sich den Sachverständigen aus, dessen Richtung so ist." Da das Kindswohl ein abstrakter Begriff sei, erfordere eine richterliche Entscheidung besonders viel Lebenserfahrung.

Auch deshalb, weil die Ausbildung der Richter im Familienrecht "hochgradig jämmerlich" sei, schrieb Bergmann in einem Fachaufsatz, erschienen 1997 in einer Tagungsdokumentation des evangelischen Pressedienstes epd. Bis heute, sagt Bergmann der FR, habe sich daran nichts geändert.

Es ist eine Einschätzung, die sich mit den Erfahrungen von Carola Storm-Knirsch deckt. Die 60-jährige Psychotherapeutin ist als Verfahrenspflegerin und psychologische Sachverständige tätig. Als Anwältin der Kinder vertritt sie deren Interessen vor Vormundschafts- oder Familiengerichten.

2007 übernahm sie im Auftrag der Richterin P. im Fall Heidi S. die Rechtsvertretung für Rons minderjährige Schwester Tashina. Richterin P. ließ auch in Tashinas Fall prüfen, ob Heidi S. ihrer Erziehungspflicht gerecht werde. Der Anwalt von Heidi S. hatte einen Befangenheitsantrag gegen sie gestellt.

Carola Storm-Knirsch sagt, sie habe der Richterin Anhaltspunkte dafür liefern sollen, dass Heidi S. ihre Tochter mit den Anschuldigungen gegen ihren Ex-Mann so manipuliert habe wie Ron. Dabei kam Carola Storm-Knirsch nach einem Gespräch mit Tashina zu einem ganz anderen Ergebnis. "Natürlich war das Mädchen extrem verunsichert. Aber Schuld daran war doch eher der Verlust des Bruders."

Als sie der Richterin ihre Bedenken mitteilte und obendrein eine Genehmigung beantragte, Ron im Heim zu besuchen, um sich ein vollständiges Bild von der Familie zu verschaffen, sei sie von ihrer Aufgabe wieder entbunden worden. Ihr Eindruck: "Die Richterin war hochgradig befangen."

Heute lebt Ron in der Mattisburg, einem Kinderheim in der Nähe von Anklam. Hinter den dicken Mauern eines gutshofähnlichen Anwesens ist Ron, der Einserschüler mit einem IQ von 138, unter anderem zusammen mit autistischen und geistig behinderten Kindern untergebracht.

Das bestätigt Heiko Will, Direktor des Landesamtes für Gesundheit und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern. Bei seiner zuständigen Aufsichtsbehörde firmiert die Einrichtung als heilpädagogisches Heim, entsprechend hoch sind die Pflegesätze.

Zwischen 4230 bis 6240 Euro zahlt der Staat dem privaten Trägerverein pro Kind. Als er noch bei seiner Mutter war, lebte Ron von einem Sozialhilfesatz von 211 Euro. Wenn man zynisch wäre, könnte man sagen, es gibt Leute, die jetzt an ihm verdienen.

Die Mattisburg. Schon der Name weckt Assoziationen, die mit der Realität nichts gemein haben. Die Mattisburg, das ist das verwunschene Schloss aus einem Märchen von Astrid Lindgren. Es heißt "Ronja Räubertochter".

Heidi S. sagt, Ron sei in einem besorgniserregenden Zustand, seine Neurodermitis habe sich verschlimmert. Sie würde ihn gerne fragen, wo sein neuer Winterparka geblieben sei und wie er die Zeit im Heim totschlägt. Doch sie verkneift sich diese Fragen. Bei ihren Treffen sitzt immer ein Aufseher daneben. Nur alle vier Wochen darf sie ihren Sohn für drei Stunden sehen.

Dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGuS) sind Beschwerden über die Einrichtung bekannt. Vor einigen Monaten geisterte die Mattisburg als "Horror-Heim" durch die Boulevardpresse, inzwischen haben sich betroffene Eltern zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen.

Den Stein hatte ein ehemaliger Erzieher ins Rollen gebracht, der nach seiner Kündigung in einem TV-Bericht von skandalösen Zuständen berichtete: Christian Richter, 32.

Zu der Zeit, in der er, Richter, noch dort gearbeitet habe, habe Ron weder die lange versprochene Kunsttherapie noch eine psychologische Einzelbetreuung bekommen, sagt Richter der FR. Ein Teil des Pflegegeldes sei in die Renovierung der Häuser geflossen, die der Frau des ehemaligen Geschäftsführers des Vereins, Kurt Z., gehören.

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Stralsund gegen Z., es geht um die Veruntreuung von Pflegesätzen, um Missbrauch und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der Direktor des Landesamts für Gesundheit und Soziales, Heiko Will, bestätigte auf Anfrage der FR, der gesamte Vorstand sei inzwischen ausgewechselt worden - bis auf Thomas K., der als rechte Hand des Geschäftsführers gilt. Er leite das Heim noch kommissarisch.

Man kann K.’s Stimme auf einer Tonaufnahme vom 29. Juni 2008 hören, die Heidi S.’ Tochter Tashina mit dem MP3-Player gemacht hat und die der FR vorliegt. Man hört zuerst einen aufgelösten Ron, der schluchzt: "Ich möchte gar nichts mehr, gar nichts mehr, gar nichts mehr. Ich möchte einfach nicht mehr da sein."

Und dann die Stimme von K., der entgegnet: "Nach dem Tod ist es noch viel doofer, wenn man das nicht ordentlich abgeschlossen hat, wenn man nicht ordentlich aus dem Leben rausgehen kann, dann ist das ganz doof nach dem Tod."

Man versteht nun, warum Heidi S. vor Sorge um Ron kaum noch schlafen kann. Mit ihren Töchtern hatte sie Ron an jenem Junitag im Heim besucht, sie hatte Kaffee und Kuchen mitgebracht, um ihren Geburtstag nachzufeiern.

Heidi S. sagt, es habe Streit mit K. gegeben, weil die Familie auf einer Wiese feiern wollte. Es sei immer dasselbe Theater. Bis heute gibt es keinen geregelten Umgang, um jeden Besuchstermin müsse sie kämpfen. Irgendwann an diesem Nachmittag sei Ron ausgerastet.

Heidi S. sagt: "Ron hat vor unseren Augen versucht, sich ein Messer in den Bauch zu rammen."

Weiß Frau S. vom Jugendamt, sie ist der neue Vormund des Jungen, von dem Suizidversuch? Ihre Dienstherrin Dr. Manuela Schmidt, die Stadträtin von Berlin-Hellersdorf, gibt dazu wie überhaupt zu dem Fall keine Stellungnahme ab. In einem Interview mit der Berliner Zeitung äußerte sie sich immerhin zu der Frage, weswegen Ron frühmorgens aus dem Bett geholt worden sei: "Für ein Kind ist es um sechs Uhr genauso drastisch wie um acht, es gibt keine sanfte Methode."

Mehr als zwei Jahre nach dem Tag, an dem Ron aus seiner Familie gerissen wurde, trägt noch immer das Jugendamt das Sorgerecht für Ron. Diese ungewöhnliche Konstellation versetzt die Behörde sogar in die bequeme Position, eine Berichterstattung über den Fall Ron verbieten zu können.

So hat das Jugendamt inzwischen einen Anwalt für Medienrecht engagiert, dem es gelang, die Ausstrahlung des NDR-Films in der ursprünglichen Version untersagen zu lassen. Die Begründung sei glasklar gewesen, heißt es in der Rechtsabteilung des NDR: Da Heidi S. nicht mehr sorgeberechtigt sei, dürfe sie sich zu dem Fall nicht öffentlich äußern - nur noch anonym.

Im NDR-Magazin Panorama wurde der Fall unlängst noch einmal als Beispiel für die Willkür der Jugendämter geschildert, diesmal anonym, auch, ohne den Vornamen des Jungen zu nennen.

Nun könnte man einwenden, das Grundrecht auf Meinungsfreiheit wiege schwerer als die in den Händen einer Behörde liegenden Persönlichkeitsrechte eines Kindes, das gegen seinen Willen aus seiner Familie gerissen wurde. Als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt hätte es der NDR auf einen Prozess ankommen lassen können.

Doch einen Gerichtsbeschluss über ein Ausstrahlungsverbot gibt es gar nicht. Auf Anfrage der FR heißt es in der Rechtsabteilung des NDR, man habe eine Unterlassungserklärung unterschrieben. Und das in dem Wissen, dass der Vorstoß des Jugendamtes "offenbar Teil der Strategie sei, eine generelle Berichterstattung über den Fall zu verhindern", wie die zuständig Justiziarin einräumt.

Wie es scheint, geht die Rechnung des Jugendamtes auf. ZDF-Reporter, die über den Fall einen Beitrag geplant hatten, ließen ihre Pläne wieder fallen.

Elisabeth Sodies vom Bonner Verein Curare betrachtet derartige Verfahren seit längerem. Curare ist ein gemeinnütziger Verein, der sich die Förderung der Menschenrechte in Gesetzgebung und Verwaltung zur Aufgabe gemacht hat. In den Regalen der ehemaligen Finanzmaklerin stapeln sich die Akten von 40 strittigen Fällen von Kindeswegnahme.

In zehn Fällen ist es Sodies bisher gelungen, den Eltern ihre Kinder zurückzubringen. Wichtigste Voraussetzung sei, dass die Eltern kooperativ seien und sich einen qualifizierten Anwalt leisten könnten, sagt Sodies. Doch genau daran hapere es in der Praxis. "Wenn Eltern fertiggemacht werden, arbeiten sie nicht mehr mit." Und ohne Prozesskostenhilfe könnten sich viele Betroffene gar keinen Rechtsbeistand leisten.

So ist es auch im Fall Heidi S. Vom ersten Anwalt hat sie sich getrennt. Sein Honorar sprengte den Satz der Prozesskostenhilfe. Er sei nicht der Messias, sagt er der FR.

Auch Thomas Zebisch, der Heidi S. seit August 2007 vertritt, macht keinen Hehl daraus, dass ihn dieser Fall auf eine harte Probe stellt. Er ist ein schwerer Mann mit tönender Bassstimme, bis vor kurzem hat er in der Punkband seines Sohnes gesungen. Zu taktieren, ist nicht sein Stil. Vielleicht erklärt das, warum er vor Gericht gegen Wände rennt.

Der Fall Ron füllt in seiner Kanzlei inzwischen zehn Leitz-Ordner. Zebisch, selbst Vater dreier Kinder, atmet einmal tief durch, als er sagt, er habe jetzt beinahe alle Rechtswege ausgeschöpft.

Vergeblich hat er versucht, das Urteil des Familiengerichts anzufechten und beim Kammergericht ein psychologisches Obergutachten zu beantragen. Eine Revision vor dem Bundesgerichtshof (BGH) wurde gar nicht erst zugelassen, "weil dafür nach Ansicht des Kammergerichts keine Gründe vorliegen": In dessen Begründung für die Ablehnung der Beschwerde von Heidi S. gegen den Beschluss des Amtsgerichts heißt es: "Es besteht kein Anlass für die Einholung eines Gegengutachtens."

Eine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht wurde ebenfalls abgewiesen, angeblich war Zebisch ein Formfehler unterlaufen, was der Anwalt bestreitet.

Bleibt nur noch der Gang zum Gerichtshof für Europäische Menschenrechte in Straßburg. Doch bevor sich der Anwalt an diese letzte Instanz wendet, will er den Ausgang eines noch schwebenden Verfahrens abwarten.

Die Hoffnungen von Heidi S. beruhen jetzt auf dem Oberlandesgericht Rostock. Es wird demnächst darüber urteilen, ob das Familiengericht Anklam ihren Antrag auf die sofortige Rückführung ihres Sohnes oder wenigstens eine verbindliche Regelung des Umgangs zu Recht abgewiesen hat.

Heidi S. findet den Beschluss wie auf Anhieb im Halbdunkel von Rons Zimmer. Die Pflanzen, die er einst hochgepäppelt hat, scheinen die einzigen zu sein, die sie regelmäßig gießt. Dem Grünzeug in der Küche kann man dabei zusehen, wie es verkümmert. Überhaupt wirkt die Wohnung leer.

Heidi S. lebt hier ganz alleine. Winonah studiert für zwei Semester in Japan, Tashina ist aus Angst vor dem Jugendamt in die USA geflüchtet. Dieselbe Gutachterin, die Ron als ein schwer gestörtes Kind bezeichnet hatte, kam nach Gesprächen mit Tashina zu dem Schluss, sie sei zwar psychisch nicht auffällig, könnte aber in Zukunft ernsthaft erkranken.

Heidi S. versetzte dieses Gutachten in Alarmbereitschaft. Sie hat einen Kredit aufgenommen, um der Tochter ein Highschool-Jahr in den USA zu finanzieren. Ihr Anwalt hat ihr dazu geraten.

Erst im Juni 2008 hat das Kammergericht auf seine Anfrage bestätigt, dass es eine auf "Heimunterbringung der 17,5 Jahre alten Tochter Tashina S." gerichtete Parallelakte gebe. Vier Monate später schrieb das Familiengericht zwar, von einer Heimunterbringung sei jetzt nicht mehr die Rede, Tashina sollte sich aber psychiatrisch behandeln lassen.

Ihre Mutter ist jetzt aber so weit, dass sie kein Risiko mehr eingeht. Heidi S. sagt, sie werde auch keine Ruhe geben. Ron sei in ihrem Bauch gewesen, sie sei gut zu ihm gewesen. Sie will ihren Jungen zurück. Sogar einer Therapie würde sie sich unterziehen, wenn man es von ihr verlangte.

Die Psychotherapeutin, die ihr nach der Trennung von Ron "eine Anpassungsstörung in Form einer reaktiven Depression" attestiert hatte, hat es für nicht nötig erachtet, sie zu behandeln. In ihrem Gutachten steht, Heidi S. sei psychisch vollkommen gesund.

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