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Porträt einer Wahlfrankfurterin Die Börsenfrau

Sie ist das Gesicht der ARD, ein schönes dazu: Anja Kohl macht von der Frankfurter Börse aus komplexe Vorgänge im Wirtschaftsgeschehen transparent. Von Jürgen Schultheis

01.08.2009 00:08
Jürgen Schultheis
Die Börsenkorrespondentin der ARD. Foto: FR/ Müller

Dieser Schreibtisch steht im Verborgenen und hat doch nichts zu Verbergen. Ein Tisch, mitten im Großraumbüro der Frankfurter Börse, nicht weit entfernt vom Handelsparkett; ein Tisch, an dem die Zeit chronisch knapp ist, an dem die Sekunden bemessen und um jeden Halbsatz, um jede Zeiteinheit gerungen wird. Ein Tisch wie eine Präsentationsfläche, die an Nachrichten das versammelt, was Menschen beschäftigt, die Unternehmen, die Banken, die Geldströme bewegen. Nachrichten aus einer Welt von großer und manchmal undurchschauberer Komplexität. An diesem Schreibtisch sitzt Anja Kohl und nimmt den Kampf auf.

Gegen die Komplexität und für die Transparenz, gegen das vermeintlich Undurchschaubare und für die erhellende Klarheit. Es ist ein Kampf für das Verstehen, nicht immer für das Verständnis, ein Kampf, bei dem nicht immer klar ist, ob die Getriebenen am Ende nicht doch die Treibenden, und die vermeintlich Treibenden nicht doch eher Getriebene sind. Diesen Kampf trägt die Moderatorin des HR an diesem Tisch aus; nicht immer an diesem Tisch, aber doch häufig. Ein Kampf, der zwischen 10.30 Uhr und 19.30 Uhr tobt; ein Konflikt, dessen Ergebnis im Verlauf des Tages, wenn die Kamera läuft und der Hessische Rundfunk für die ARD mehrmals aus der Börse überträgt - in zwei, manchmal zweieinhalb Minuten geschildert wird.

Die 39-Jährige ist das weibliche Gesicht der Börse im Ersten, und sie erklärt dem Publikum vor den Schirmen, was sich am Tage zugetragen hat auf dem weiten Feld der Wirtschaft. Journalistin, gar Fernsehmoderatorin zu werden, hat sie sich nie vorgenommen, und doch läuft in ihrem Leben alles darauf hinaus. In Kleinwallstadt am Untermain ist Kohl aufgewachsen, "bayerisch-katholisch geprägt und hessisch sozialisiert". Sie studiert in Mainz Germanistik, Politik und Publizistik, geht für ein Jahr nach Baltimore, um dort Journalistik zu studieren und lernt mit ihrem Mentor einen Mann kennen, der sie anspornt, der ihr Selbstvertrauen gibt und ihr damit den Weg in den Beruf freimacht.

"Er war Kriegsberichterstatter für die US-Armee in Deutschland", erzählt Kohl. Stolz sei er gewesen, dass sie als Deutsche bei ihm studiert. Das Englische war nur zu Beginn eine Hürde, "er hat mir gesagt, du gehst da raus und machst das, und das hat mir Zutrauen gegeben". Keine Angst vor Popularität. Etwas wissen wollen, Sachverhalte jenseits des Schwarz-Weiß-Denkens zu erfassen und zu begreifen, ist ein Leitmotiv für ihre Arbeit. Nach ihrem Aufenthalt in den USA 1993/94, nach Tätigkeiten für die Wirtschaftssender Bloomberg und N-TV, beginnt sie 2001 beim Hessischen Rundfunk.

Frank Lehmann holte sie ins Team

Frank Lehmann, damals Leiter der HR-Börsenredaktion Fernsehen, holt sie ins Team, ein Kollege, ohne den "ich nicht da wäre, wo ich bin", sagt Kohl. Sie habe viel von ihm gelernt, schätze ihn als Menschen und ehemaligen Chef. Nun ist sie die Börsenfrau im Ersten, die Frau, die vom Parkett, im Grunde aber von diesem Schreibtisch aus berichtet, ein Tisch, an dem sie am Computer Agenturen, Zeitungen, Magazine und das Internet sichtet, ihre Ausdrucke ordnet und Texte schreibt. Und manchmal, wenn die Gedanken nicht fließen wollen und die 39-Jährige im Kreativitätsstau steckt, dann muss sie weg von diesem Tisch, muss sich bewegen, damit die Gedanken wieder fließen.

Ob Geldströme, Derivate, Optionsscheine oder Aktien am Ende "reduziert sich alles auf den Menschen, auf seine Entscheidungen, seine Handlungen", sagt Anja Kohl. Die jüngste Entwicklung sieht sie mit Sorge, spricht von der Abkopplung der Finanz- von der Realwirtschaft und davon, dass ein Teil der Finanzwirtschaft, nämlich der, der um seiner selbst betrieben wird, zum Problem geworden ist. Die Debatte Anfang Juni über die Nebenverdienste von Moderatoren hat sie in ihrer Unsachlichkeit irritiert. Ihre Veranstaltungen lasse sie sich beim HR genehmigen, obwohl sie dazu als freie Mitarbeiterin nicht verpflichtet sei.

"Der HR hat einen ganz klaren Kodex, es herrscht da Transparenz", sagt die 39-Jährige. In einer Welt der Unwägbarkeiten, der tiefen Krisen und vergänglichen Erfolge setzt sie auf Ehrlichkeit, Loyalität und Verantwortungsbewusstsein, was für sie "als Mensch und Journalistin eine große Rolle spielt". An ihrem Beruf liebt sie die abwechslungsreiche Tätigkeit und nimmt die Popularität gerne in Kauf. Wer in der Comedy-Serie "Switch-Reloaded" parodiert wird, an dem kommt offenkundig niemand mehr vorbei. "Das wundert mich jedes Mal, dass ich da drin bin", sagt Anja Kohl, und hält es mit dem Modedesigner Karl Lagerfeld: "Wir scheinen nicht so banal zu sein, dass man uns nicht parodieren muss."

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