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Pharmakritiker Sawicki Das Rezept der Profiteure

Betrügen, bestechen, Studien unterschlagen: Der geschasste Pharmakritiker Peter Sawicki spricht im FR-Interview über seine Erfahrungen mit einer mächtigen Lobby, die Gründe seiner Ablösung und das Versagen der Unternehmen.

05.02.2010 00:02
Die Macht der Pharmaindustrie (Symbolbild). Foto: imago

Professor Sawicki, Ihr Vertrag als oberster Arzneiprüfer wird gegen Ihren eigenen Wunsch nicht verlängert. Sind Sie ein Opfer der Pharma-Mafia?

Ich bin kein Opfer. Ich hätte gerne weiter gemacht. Wenn bestimmte Politiker meinen, dass die Position anders besetzt werden soll, um mehr Akzeptanz auch bei der Industrie zu erreichen, dann ist das ihr gutes Recht.

Ihnen wurden fehlerhafte Abrechnungen von Dienstwagen und Spesen vorgeworfen. Haben Sie sich angreifbar gemacht?

Wenn man einen Hund schlagen will, findet man immer einen Stock. Hätte es diesen Stock nicht gegeben, hätte es einen anderen gegeben. Es ist der Solidargemeinschaft durch mein Verhalten kein Schaden entstanden.

Die Gründe sind vorgeschoben?

Das meiste stimmt nicht, was in den Zeitungen steht. Ich darf nur nicht über Interna reden, weil dies mein Vertrag so vorsieht.

Welche Erfahrungen haben sie mit der Pharmaindustrie gemacht?

Für die Unternehmen ist es in Deutschland paradiesisch: Alle Präparate werden sofort nach der Zulassung verordnet - zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung zu dem Preis, den die Industrie festlegt. Unser Institut ist nun für die Industrie eine Hürde im unkontrollierten Zugang zum Markt, weil wir den Nutzen neuer Arzneimittel bewerten. Die Pharmafirmen wollen dieses Institut nicht, schon gar nicht so, wie es unter meiner Leitung ausgerichtet ist. Es ist ihnen im Weg.

Mit welchen Mitteln hat denn die Pharmaindustrie versucht, diese Hürde zu durchbrechen?

Man hat uns zum Beispiel unpublizierte Studien nicht zur Verfügung gestellt. Man hat aber auch versucht, uns zu diskreditieren. Der Stern berichtete, dass eine Pharmafirma einen PR-Mann auf mich angesetzt habe, der versuchte, "belastendes Material" über mich bei den Medien unterzubringen.

Wurde Ihnen auch direkt gedroht?

Womit soll man mir drohen? Die Firmen sagten offen, dass sie sich dafür einsetzen, dass mein Vertrag nicht verlängert wird. Vertreter der Pharmaindustrie sind schon vor Jahren sogar ins Kanzleramt marschiert und sollen sich dort dafür eingesetzt haben, dass ich abgelöst werde. Damals waren sie erfolglos.

Gab es auch an anderer Stelle Druck auf die Politik?

Natürlich beeinflusst die Pharmaindustrie die Politiker. Viele Abgeordnete erzählen mir: "Jeden Tag ist jemand von der Industrie bei mir, der sich über Sie beschwert." Ich habe mich auch mal mit der Gesundheitsgruppe der CDU im Bundestag getroffen, um über Methoden der Kosten-Nutzenbewertung von Arzneimitteln zu sprechen. Wohl damit die Abgeordneten nicht zu einseitig von mir beeinflusst werden, haben sie dann Frau Yzer und ihre Mitarbeiter vom Verband der forschenden Arzneimittelhersteller dazugebeten. Das war ein sehr unangenehmes Gespräch.

Die Firmen sagen, sie müssten Mitarbeiter entlassen, wenn das Institut Arzneien schlecht bewertet. Was halten Sie von dem Argument?

Das ist durchaus stichhaltig. Wenn etwa die Krankenkassen das Alzheimer-Medikament Memantin der Firma Merz nicht mehr erstatten sollten, ist das für den Hersteller ein Riesenproblem. Vielleicht muss Merz dann wirklich Menschen entlassen. Dies möchte ich nicht. Aber wie kann ich das verhindern? Wir fassen Studien zusammen und stellen fest, dass der Nutzen eines Medikaments nicht belegt ist. Soll ich das verschweigen? Wir können doch unsere wissenschaftlichen Methoden nicht danach ausrichten, ob ein Medikament in Deutschland hergestellt wird oder nicht!

Bei wie vielen Mitteln konnte das Institut nachweisen, dass sie nicht so wirken, wie sie sollen?

Bei wenigen. Von 31 untersuchten Mitteln hatten 26 einen Nutzen. Nur sind sie eben nicht unbedingt besser als andere Mittel, die auf dem Markt sind, nur teurer.

Wie viel Geld haben Sie den Krankenkassen denn gespart?

Das haben wir nicht ausgerechnet. Aber beim Gerichtsverfahren zu den Insulin-Analoga hat ein Richter gesagt, dass die klagenden Firmen 25 Millionen Euro pro Jahr verlieren, weil sie nach unserer Bewertung gezwungen waren, ihre Preise zu reduzieren.

Warum trickst die Pharmaindustrie?

Weil sie nicht genug fortschrittliche Medikamente hat. In den letzten 20 Jahren hat sie sich etwas auf die faule Haut gelegt und darauf versteift, ihre eigenen Sachen zu kopieren und sie dann wieder als neue Mittel zu verkaufen. Es ist auch schwierig: Denken Sie an den riesigen Aufwand, bis man Aids erfolgreich behandeln konnte. Und sie haben als Unternehmer keine Sicherheit: Sie können zum Beispiel nicht sagen, ich investiere fünf Milliarden Euro und dann ist die Parkinsonsche Erkrankung heilbar.

Die Forschungsabteilungen der Firmen sind mehr Schein als Sein?

Die Forschungsanstrengungen der Pharmafirmen werden übertrieben dargestellt. Die Grundlagenforschung findet an den Universitäten statt und die bezahlt der Steuerzahler. Die Pharmaindustrie kauft an den Universitäten billig ein, was vielversprechend ist.

Trotzdem rühmt sie sich mit ihren hohen Forschungsausgaben.

Das meiste dabei sind Ausgaben für die Zulassung, Marketing und Beeinflussung von Meinungsbildnern.

"Ich bin kein Feind der Pharmaindustrie"

Investiert die Pharmaindustrie an der falschen Stelle?

Sie investiert dort, wo sie einen Return erwartet. Ein großes Problem sind seltene Krankheiten. Ein Beispiel: Enzymdefekte bei Kleinkindern. Man kennt die Enzyme, man könnte sie ersetzen. Sie werden aber nicht hergestellt, das lohnt sich nicht. Das Kind einer Freundin ist gestorben, obwohl man genau weiß, welches Enzym ihm fehlt. Aber das wird nicht hergestellt, es sind zu wenige Kinder. Mittel gegen Demenz wären dagegen super für den Gewinn, das ist ein Riesenmarkt. Ihrer ethischen Verantwortung stellt sich die Industrie nicht genügend.

Sie sind Arzt, viele Spitzenmediziner arbeiten eng mit der Pharmaindustrie zusammen.

So gut wie alle.

Was sagt das über Ihren Berufsstand aus?

Ärzte sind Menschen und die meisten Menschen wollen mehr Geld verdienen, als sie verdienen. Aber Ärzte verdienen genug Geld. Ich finde es unangemessen, wenn meine Kollegen aus dem Porsche aussteigen und sich für die Demonstration für mehr Geld eine Weste anziehen mit der Aufschrift "Arzt in Not". Die Patienten wissen das, sie sehen ja, welches Auto ihr Arzt fährt und wie er wohnt.

Aber sie wissen nicht, für welche Pharmafirma ihr Arzt arbeitet.

Das stimmt. Der Patient muss aber wissen, von welchem Hersteller ihr Arzt Geld bekommt. Und die Koryphäen, die auf der Payroll der Pharmaindustrie stehen, müssten das auch öffentlich machen.

Wie geht es nun mit dem Institut weiter? Sehen Sie einen potenziellen Nachfolger?

Ja, einige. Ich nenne aber keine Namen, denn die werden´s dann nicht.

Meinen Sie, die haben nach dem Streit um Sie noch Lust auf den Job?

Sie brauchen einen geschützten Raum, die politische Akzeptanz eines unbequemen Instituts.

Offenbar will die Regierung aber jemanden, der industriefreundlich ist.

Ich bin auch industriefreundlich. Ich bin kein Feind der Pharmaindustrie. Wer soll denn die Medikamente herstellen? Aber wir brauchen eine Industrie, der wir vertrauen können, die uns nicht betrügt, die keine Studien unterschlägt, die keine Leute besticht. So wie die Pharmaindustrie derzeit arbeitet, kann es nicht weitergehen. Ein Pharmamanager sagte mir: Im Ansehen der Bevölkerung kommen wir direkt nach den Drogendealern. Das ist nicht schön für jemanden, der da arbeitet. Ich will die Leute in der Industrie unterstützen, die eine Änderung zum Besseren wollen. Das könnte doch ein hoch angesehener Wirtschaftszweig sein.

Was raten Sie Ihrem Nachfolger?

Das Wesentliche ist Unabhängigkeit. Sobald man sich mit jemandem gemein macht und aufgrund dieses Einflusses die Empfehlungen verändert, ist das Institut am Ende.

Sehen Sie diese Gefahr nicht?

Natürlich. Aber alle Mitarbeiter des Instituts werden die Unabhängigkeit auch ohne mich verteidigen.

(Interview: Wolfgang Wagner, Jutta Maier)

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