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Nachhaltiges Produktdesign Von der Wiege zur Wiege

Neuartige Produkte sind am Ende ihres Lebens kein Müll, sondern Rohstoffe für die nächsten Waren. Der Hamburger Forscher Michael Braungart entwickelt solch intelligentes Produktdesign. Von Joachim Wille

Ein biologischer Kreislauf: Das Öko-T-Shirt sieht ganz normal aus, aber man kann es bedenkenlos auf den Kompost werfen oder in die Biotonne stecken. Denn nach sechs Monaten hat es sich schon weitgehend zersetzt. Foto: trigema

Durchgelatscht, kaputt, unmodern - rund 350 Millionen Schuhe wandern in Deutschland jedes Jahr in die Mülltonne. Eine gigantische Menge Abfall, die in der Regel verbrannt wird. Dabei entstehen Abgase und hochgiftige Filterstäube, die endgelagert werden müssen.

Denn Schuhe sind genau genommen Giftmüll - eine Mischung aus Leder, Kunststoffen und Chemikalien, die zum Teil gefährlich sind. Das Schwermetall Chrom etwa wird bei den meisten Gerbverfahren eingesetzt und kann Krebs erzeugen. Der Chemie-Professor Michael Braungart nennt den gesamten Vorgang, von der Herstellung über das Wegwerfen und die Verbrennung bis zur Endlagerung der Gifte, "Prim-Tech" - primitive Technik.

Intelligentes Produktdesign sieht anders aus, erkannte der Hamburger Forscher bereits in den 90er Jahren. Er entwickelte damals ein Konzept, damit Produkte auf ihrem "Lebensweg" nicht von der Wiege ins (Müll-)Grab kommen, sondern von der "Wiege zur Wiege" (englisch: Cradle to Cradle).

Das Produkt kehrt entweder als Kompost in die Natur zurück, da es schadstofffrei und natürlich ist, oder es wird wieder industrieller Rohstoff. Das war die Vision von einer völlig abfallfreien Wirtschaft nach dem Vorbild der Natur. Braungart: "Die Natur produziert keinen Müll, deswegen muss sie auch keinen vermeiden."

Nun steht der ehemalige Greenpeace-Aktivist Braungart in einer Halle der Frankfurter Messe und kann sich feiern lassen. Die "Cradle to Cradle"-Idee, kurz C2C, hat Kreise gezogen. Turnschuhe, T-Shirts, Damen-Unterwäsche, Bürostühle, Möbelstoffe, Teppichböden und Lampen werden dort ausgestellt, die nach Braungarts Prinzip hergestellt wurden.

Eine ganze Reihe teils namhafter Firmen ist auf den Öko-Trip gegangen. Zumindest erste Produktlinien haben sie auf C2C umgestellt, um zu sehen, ob es sich rechnet und der Verbraucher auch mitmacht.

Nike zu Beispiel. Der US-Sportartikel-Multi ließ von Braungarts Beratungsfirma EPEA einen völlig schadstofffreien und komplett recyclebaren Turnschuh entwickeln. Seit 2005 verkauft Nike eine Kollektion in der Öko-Variante - äußerlich von "Normalware" nicht zu unterscheiden. 2011 sollen alle Schuhe "grün" sein, und Nike verkauft immerhin 250 Millionen Paare pro Jahr, davon sechs Millionen in Deutschland. Bis 2015 soll das auch für die Textilen und bis 2020 für die gesamte Produktion des Konzerns gelten.

Nike baut ein Rücknahmesystem für die alten Treter auf; in den Geschäften stehen dafür Container. Die Schuhe werden geschreddert und das Gummi zum Beispiel für neue Sohlen verwendet. "Die Sache ist nicht nur gut für die Umwelt, sie rechnet sich auch", sagt Nike-Sprecher Olaf Markhoff. Die Rohstoffe würden immer teurer, und mit dem Recycling schaffe man eine eigene Rohstoffquelle.

Die Textilfirmen Triumph und Trigema sind bei der Öko-Messe in Frankfurt auch dabei. Triumph startet neu mit einer "Pure-Origin"- Unterwäsche-Kollektion. Trigema tritt mit einem "kompostierbaren Wellness-Shirt" an. Statt in die Mülltonne kann es nach dem Gebrauch auf den Komposthaufen oder in die Biotonne. Tests zeigten: Die Textilfasern werden von Pilzen und Bakterien rückstandsfrei abgebaut. Nach sechs Monaten ist es praktisch weg.

Das Shirt besteht aus 100 Prozent Öko-Baumwolle, die aus den USA und Pakistan importiert wird und frei von Pestitziden und Düngemittelrückständen ist. Vom Schweizer Chemiekonzern Ciba ließ Trigema spezielle synthetische Farben entwickelt, die abbaubar sind - und "besonders farbecht" sowie "viel haltbarer" als herkömmliche Farben. Die Shirts kosten zwischen sechs und 15 Euro, rund zehn Prozent mehr als die normale Kollektion.

Trigema-Chef Wolfgang Grupp ist sich sicher: "Das Konzept ist die Zukunft." Was die Industrie der Erde als Rohstoff entnimmt, müsse sie ihr auch wieder zurückgeben. Grupp will die grüne Linie erweitern, sieht aber aktuell noch keine Chance, alles umzustellen. Dazu brauche es noch Entwicklunsgarbeit.

Die Öko-Farben seien zum Beispiel noch nicht so brillant, wie das der Kunde vielfach wünsche. Eine Sorge nimmt er skeptischen Kunden aber: Die Öko-Shirts seien mindestens genauso haltbar wie herkömmliche Ware. "Die können sie zehn Jahre tragen."

Das C2C-Konzept erschöpft sich freilich nicht in dem neuen Ansatz fürs Produktdesign. Oft erweist es sich auch als günstiger, wenn die Waren gar nicht mehr verkauft werden, sondern nur vermietet. Der weltgrößte Teppichboden-Hersteller, die US-Firma Shaw, verfährt so. Sie verleast die "grünen" Textilböden und nimmt sie nach einer gewissen Zeit wieder zurück, um sie komplett zu recyclen.

Ähnliches, sagt Braungart, käme etwa auch für die Elektronik-Industrie in Frage. Er schlägt vor, Geräte wie Fernseher, Computer, MP3-Player vom Hersteller bloß noch leihen, damit der sich mehr Gedanken über sein Produkt macht und es auf maximale Wiederverwertbarkeit trimmt.

Braungart hatte vor Jahren mal ein TV-Gerät untersucht und darin 4360 verschiedene, teils giftige Chemikalien gefunden. Er fragte sich: "Will jemand 4360 Chemikalien im Wohnzimmer haben oder will er nur fernsehen?" Als er dann Leihkonzepte vorschlug statt Eigentum, warfen ihm Kritiker vor, das sei purer Öko-Kommunismus. Heute hört er das nicht mehr.

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