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Interview mit Imke Duplitzer "Lesbisch? Darf ich Sie mal anfassen?"

Versteckt, gemobbt, geschnitten. Spitzensportler, die offen zu ihrer Homosexualität stehen, tun sich schwer. Die Fechterin Imke Duplitzer spricht im FR-Interview über Probleme und Erfahrungen, etwa in der Umkleide.

04.11.2009 12:11
Die Fechterin Imke Duplitzer. Foto: getty

Frau Duplitzer, Sie unterstützen derzeit das Programm "Outreach", das homosexuellen Sportlern aus Osteuropa die Teilnahme an einem schwul-lesbischen Turnier in Frankfurt ermöglicht. Warum?

Es ist ein gutes Anliegen, Menschen aus Osteuropa zu unterstützen und ihnen die Möglichkeit zu geben, einfach mal aus dieser bedrückenden Enge herauszukommen, in der sie sich verstecken. Deshalb habe ich schnell zugesagt, als ich die Anfrage für die Schirmherrschaft bekam.

Sie sind als eine Sportlerin bekannt, die offen ihre Meinung sagt. Haben Sie schon einmal bereut, Ihre Homosexualität nicht besser versteckt zu haben?

Man bereut so etwas immer dann, wenn man aneckt und geschnitten wird. Offen lesbisch zu sein ist ein weitaus schwererer Weg im Vergleich zu anderen Kolleginnen und Kollegen, die sich verstecken und ihr Privatleben geheim halten. Wir sollten da hinkommen, dass es im Sport wirklich egal ist, wer mit wem das Bett teilt.

Woran liegt es, dass das Thema Homosexualität im Sport noch nicht so integriert ist, wie es in der Kunst oder der Politik der Fall ist?

Sport ist ein sehr idealisiertes Weltbild. Er ist ein Spiegel der Gesellschaft, und er ist ausgesprochen körperbetont. In den Riegen der Verbände sitzen viele alte Herren. Mit einer offen lesbischen Sportlerin können sie nicht sonderlich viel anfangen.

Spielt auch der Kommerz eine Rolle?

Ja. Schwule und lesbische Sportler an Sponsoren zu verkaufen, ist schwierig. Die Welt des Sports ist da sehr oberflächlich. Künstler können Charakterrollen spielen, können gute Bücher schreiben und können sich darüber definieren. Sportlern bleibt das leider verwehrt.

Was haben Sie für negative Erfahrungen gemacht?

Ich war mal mit einer Fechterin aus Italien zusammen. Das war ein absolutes Drama. Es durfte unter keinen Umständen bekannt werden, dass sie lesbisch ist. Davon wussten zwar einige Leute; aber darüber zu reden, war unmöglich.

Gibt es auch bei Wettkämpfen Probleme?

Es gibt einige Athletinnen aus Osteuropa, die demonstrativ die Umkleide verlassen, wenn ich hereinkomme. In Russland und in anderen Teilen Osteuropas gilt Homosexualität ja als psychische Krankheit. Wenn die Kolleginnen dann selbst auch lesbisch sind, verlassen sie die Umkleide noch demonstrativer, weil sie auf keinen Fall in diesen Ruf geraten wollen.

Homophobie als Tarnung?

Ja. Wenn man selbst im Glashaus sitzt, versucht man natürlich dem Nachbarn so viele Steine in den Weg zu werfen, wie möglich.

Was müsste geschehen, damit sich etwas ändert?

Mit Sicherheit ist das Outreach-Programm in Frankfurt für viele osteuropäische Athleten toll. Ansonsten kann man einfach nur versuchen, mit leisen Tönen voranzugehen und zu zeigen: Man kann mich ansehen, ich bin ein durchaus intelligenter Mensch, ich bin ausgesprochen sozial, sehr nett. Und ich bin homosexuell, aber es ist nicht meine hervorstechendste Eigenschaft.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist beim Thema Homophobie inzwischen aktiv. Glauben Sie, dass vom Fußball eine Signalwirkung für andere Sportarten ausgehen könnte?

Mit Sicherheit. Der DFB macht da sehr viel. Aber es gibt noch viele weitere Optionen für den DFB und andere Organisationen. Die Frage ist: Inwieweit kann man die Leute mitnehmen? Nur, weil Sie einen guten Werbespot gesehen haben, gehen Sie auch nicht in den nächsten Laden und kaufen den Schokoriegel, der angepriesen wurde.

Welche Vorschläge würden Sie dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) machen?

Ich würde als erstes vorschlagen, dass viele der Herren, die dort sitzen, nach Hause gehen und über den Umgang mit Homosexuellen nachdenken. Manchmal heißt es: "Ach, Sie sind lesbisch? Darf ich Sie mal anfassen?" Wir müssen von diesem Zoo- und Eventcharakter wegkommen. Der DOSB sollte lockerer mit dem Thema umgehen, schließlich hat er auch in den eigenen Reihen schwarze Schafe.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass im Fußball viele Lesben spielen, die im privaten Umfeld recht offen damit umgehen, während Homosexualität bei den Männern ein Tabuthema ist. Gibt es einen Unterschied zwischen schwulen und lesbischen Sportlern?

Bei den männlichen Fußballern gibt es auch viele, die ihre sexuelle Orientierung in ihrem privaten Umfeld ausleben, aber öffentlich nicht zeigen. Als heterosexueller Mann fühlen Sie sich von einem schwulen Mann bedroht. Weil in den Machtpositionen viele Männer sitzen, haben es Männer im Leistungssport schwerer. Schwule Kollegen erzählen mir, ihnen werde unterstellt, Funktionäre angegraben zu haben. Solange das Thema in dieser Ecke steht, werden viele einen Teufel tun und sich dazu bekennen.

(Interview: Christian Deker)

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