Lade Inhalte...

Hillsborough Der Tag, an dem auch die Wahrheit starb

Die Katastrophe auf den Stehplätzen vor 20 Jahren, bei der 96 Fans des FC Liverpool den Tod fanden, ist ein furchtbares Beispiel für Versagen einer überforderten Polizei-Einsatzleitung. Von Wolfgang Hettfleisch

14.04.2009 00:04
WOLFGANG HETTFLEISCH
Todeskampf im Fußballstadion: Erinnerung an 96 Liverpool-Fans, die in einem der hoffnungslos überfüllten Blocks von Hillsborough starben. Foto: getty

Fußballfans sind grausam. Selten wird das deutlicher als bei Spielen zwischen den Erzrivalen Manchester United und FC Liverpool. Manche Liverpool-Fans hielten es früher für witzig, bei Spielen gegen den großen Rivalen im englischen Nordwesten mit ausgebreiteten Armen ein Flugzeug nachzuahmen - ihre Art, an das schreckliche Unglück zu erinnern, bei dem im Februar 1958 in München-Riem acht United-Spieler ihr Leben verloren hatten.

Umgekehrt ist es nicht besser: "Wenn die Scousers nicht wären, könnten wir steh'n." Noch vor wenigen Jahren grölten Anhänger von ManU den schrecklichen Satz. Gemeint ist das als perfider Hinweis darauf, dass die Katastrophe von Hillsborough, bei der heute vor 20 Jahren, am 15. April 1989, 96 zumeist junge Fans des FC Liverpool starben, den Wandel englischer Fußballstadien hin zu reinen Sitzplatzarenen einleitete.

Als Wendepunkt für den englischen Fußball und Beginn der Erfolgsstory der Premier League hat Sepp Blatter die furchtbaren Ereignisse mal bezeichnet, die jenen strahlend schönen Frühlingstag in Sheffield in den finstersten Tag der englischen Fußballgeschichte verwandelten. In den Ohren der Menschen, deren Kinder und Geschwister damals der Todesfalle in den völlig überfüllten Blöcken drei und vier der Leppings-Lane-Tribüne nicht entrinnen konnten, klingen Äußerungen wie die des Fifa-Präsidenten, so richtig sie sachlich sein mögen, wie Hohn. Es sind Menschen, "deren Liebsten doch nur ein Fußballspiel sehen wollten, um dann nie mehr nach Hause zu kommen", wie es Kevin Robinson ausdrückt.

Er spricht für die Hillsborough Justice Campaign (HJC). Die Gruppe von Angehörigen der Opfer und Überlebenden der Katastrophe kämpft seit 1998 für etwas, wovon bei der Aufarbeitung der verhängnisvollen Geschehnisse beim FA-Cup-Halbfinale 1989 zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest bis heute nicht die Rede sein kann: Gerechtigkeit. "Diese Leute", sagt Robinson mit Blick auf Hinterbliebene und Traumatisierte, "haben ein Recht darauf, zu erfahren, was an diesem Tag wirklich geschah."

Die Wahrheit war das 97. Opfer von Hillsborough. Sie starb in den protokollierten Aussagen der zuständigen Polizeibeamten, die jede Verantwortung abstritten. Sie wurde schamlos geschändet, als der damalige Chefredakteur der Sun, Kelvin MacKenzie, unter dem Titel "Die Wahrheit" verbreiten ließ, Liverpool-Fans hätten auf Tote und Sterbende uriniert, deren Brieftaschen gestohlen und Polizisten angegriffen, die Erste Hilfe geleistet hätten.

MacKenzies "Wahrheit" war eine einzige Lüge. Bis heute hat sich die Auflage des Boulevardblatts an der Merseyside nicht vom nachfolgenden Boykottaufruf erholt: "Don't buy the Sun!" MacKenzies Karriere nahm keinen nachhaltigen Schaden. "Heute reist er durchs Land, hält Bankettreden und verdient einen Haufen Geld", sagt Kevin Robinson. Es klingt bitter, und das soll es auch.

Angehörige und Überlebende haben in den vergangenen 20 Jahren die Erfahrung gemacht, dass Justiz und wechselnde Regierungen in England vor allem ein Interesse bis heute eint: Die Wahrheit von Hillsborough zu verschleiern.

Die Katastrophe war die Folge eines schier unglaublichen Versagens der Sicherheitskräfte. Vor Spielbeginn wälzte sich ein dichter Strom von Liverpool-Fans auf die veralteten Drehkreuze zu, die zu den verschiedenen Bereichen der West- und Nordtribüne führten. Das Gedränge nahm beängstigende Ausmaße an und der Einsatzleiter der Polizei, Chief Superintendent David Duckenfield, befahl, ein großes Auslasstor zu öffnen, um die Fans dort hereinzulassen und den Druck auf die Drehkreuze zu lindern. Die Anweisung, die Duckenfield unmittelbar danach leugnete, indem er behauptete, "Reds"-Fans hätten sich gewaltsam Zugang verschafft, erwies sich als fatal - auch deshalb, weil der Weg über die Drehkreuze ebenfalls offen blieb.

Vor dem oder im Tunnel, der zu den Todesblöcken drei und vier führte, gab es weder Polizeibeamte noch Ordner, so dass niemand den weiteren Zustrom in die bereits berstend vollen Tribünenabschnitte unterband. Duckenfield und Kollegen hatten aus ihrer Kontrollkabine beste Sicht auf den kritischen Bereich - und Überwachungskameras, mit denen sich jedes Detail dort einfangen ließ. Dennoch wurden Menschen, die verzweifelt versuchten, dem Erstickungstod zu entkommen, von Polizisten daran gehindert, über die Zäune zu klettern - auf Anweisung der Vorgesetzten.

Duckenfield fürchtete noch einen Sturm gefährlicher Fans aufs Spielfeld, als es in den hoffnungslos überfüllten Blöcken längst um Leben und Tod ging. Das Spiel wurde nach sechs Minuten abgebrochen. Als nah postierte Beamte schließlich den tödlichen Ernst der Lage in beiden Blöcken erkannten und die Tore in Richtung Spielfeld geöffnet wurden, waren viele Menschen bereits zu Tode gequetscht worden. Offizielle Todesursache: Ersticken.

"Am nächsten Tag war Premierministerin Thatcher da, der Innenminister, die ganzen hohen Tiere der Polizei. Und sie kannten nur ein Thema: Wie spielen wir das bloß runter", sagt Kevin Robinson. Seine Verbitterung hat viel mit Erfahrungen in den Folgejahren zu tun. Duckenfield wurde zwar wegen Totschlags angeklagt, aber ein Urteil wurde nie gesprochen. Eine Neuaufnahme des 2001 beendeten Verfahrens wird dem vorzeitig pensionierten Beamten nicht zugemutet werden. Er leidet seinen Anwälten zufolge am posttraumatischen Stress-Syndrom.

"Der Kampf ist nicht vorbei", sagt Robinson. "Und solange es keine Gerechtigkeit gibt, solange niemand die Verantwortung übernimmt, wird er auch nicht vorbei sein. Auch nicht in weiteren 20 Jahren. Niemals." Er ist nicht der Einzige, der das so sieht. Anne Williams, deren Sohn Kevin in Hillsborough starb, strebt seit 20 Jahren ein Gerichtsverfahren an, um zu beweisen, dass Kevin nach dem für alle unmittelbaren Opfer erklärten spätesten Todeszeitpunkt 15.15 Uhr noch lebte. Sie hat Zeugen dafür. Erst vor wenigen Wochen wies der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ihren Fall ab. Er sei verjährt.

Anne Williams hat bereits erklärt, sie werde weitermachen, vor einem englischen Gerichtshof. Leid und Trauer verjähren nicht. "Der Schmerz lässt nicht nach, er wird sogar schlimmer, solange diesen Menschen nicht Gerechtigkeit widerfährt", sagt Kevin Robinson. Er denkt nicht nur an die Hinterbliebenen, sondern auch an jene, die Zeugen des Grauens wurden, das sie seitdem an keinem Tag verlassen hat. "Ich allein weiß von sechs Leuten, die sich das Leben genommen haben, weil sie einfach nicht mehr damit fertig wurden", berichtet Robinson.

Es klingt, als seien das für ihn sechs weitere gute Gründe, den Kampf fortzusetzen, der auch, so sagt der Mann aus dem Liverpooler Vorort Kirkby, "ein Kampf gegen das Establishment ist". Die Hillsborough Justice Campaign hat sich im Verlauf der Jahre Feinde gemacht. Mächtige Feinde. "Wir haben über die Jahre gelernt, dass du nicht nett sein darfst, wenn du etwas erreichen willst", sagt Kevin Robinson. Man kann das als Seitenhieb auf die Hillsborough Families Support Group (HFSG) verstehen, eine weitere Organisation von Angehörigen der Opfer. Für den Klub, den FC Liverpool, ist sie der Ansprechpartner. Robinson und seine Mitstreiter gelten als unbequem.

Von den Einnahmen der CD "Fields of Anfield Road", die jüngst in Erinnerung an Hillsborough von einigen Merseyside-Musiker- und -fußballergrößen eingespielt wurde und sogleich in den Charts landete, wird die HJC keinen Penny sehen. Der Reinerlös aus dem Verkauf der neuen Version eines Liverpooler Tribünenklassikers fließt an die HFSG. "Wir haben so viel dafür getan, die Erinnerung an die wahren Ereignisse von damals frisch zu halten, dass einige Leute sehr unglücklich damit sind", glaubt Robinson.

Auch ihn beschlichen gelegentlich Zweifel, ob dieser Kampf noch sinnvoll, ob er überhaupt zu gewinnen ist. Aber bislang hat er sie noch stets überwunden. "Ich habe schon oft gesagt: ,Lasst uns einpacken und heimgehen.' Aber natürlich tun wir das nicht." Sie werden nicht aufhören zu fragen, wohin die Videobänder aus den Überwachungskameras im Stadion verschwanden, die am Tag nach der Katastrophe unauffindbar waren. Welchen Anteil am Horror der englische Fußballverband FA hatte, der, so glaubt Robinson, mehr Menschen ins Stadion habe bekommen wollen, um mehr Geld zu verdienen. "Wie hoch", fragt er, "war damals der Preis für ein Menschenleben?" Und was sei "diese so genannte Demokratie wert, wenn man sein Vertrauen in eine Rechtsprechung setzt, in deren Spiel erst die Torpfosten verschoben werden, bevor man, weil's trotzdem eng wird, einfach den Ball mit nach Hause nimmt".

Diese Vergangenheit will und wird so bald nicht vergehen. Nicht für die Familien, deren Kinder an jenem Frühlingstag in Sheffield einen schrecklichen und sinnlosen Tod starben. Nicht für den Klub FC Liverpool, vor dessen Stadion am Mahnmal für die 96 Toten noch immer täglich Blumen niedergelegt werden und dessen Teamkapitän Steven Gerrard in Hillsborough seinen Cousin Jon-Paul Gilhooley verlor. Heute Nachmittag werden die Angehörigen der 96 im Stadion an der Anfield Road auf der legendären Tribüne The Kop der Menschen gedenken, die vor 20 Jahren jäh aus ihrer Mitte gerissen wurden. Jon-Paul Gilhooley, das jüngste der Opfer, war gerade mal zehn Jahre alt.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum