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Heiner Geißler "Ich gebe mir selbst Halt"

Aber ganz ohne Vorbilder kommt auch Heiner Geißler nicht aus. Heute wird der Grandseigneur der CDU und einstige Jesuitenschüler 80 Jahre alt. Ein FR-Gespräch über Jesus, Sex und Lügen in der Politik.

03.03.2010 00:03
Heiner Geißler feiert seinen 80. Geburtstag. Foto: dpa

Herr Geißler, wie geht es Ihnen?

Es geht mir gut - aber ich bin ein wenig traurig.

Warum denn?

Ich bin Jesuitenschüler, und ich habe immer noch großen Respekt vor meinen ehemaligen Lehrern. Und jetzt wird der ganze Orden an den Pranger gestellt, weil drei bis vier Priester in den 80er Jahren Kinder missbraucht haben. Dadurch wird die sehr gute Bildungs- und Erziehungsarbeit der Jesuiten diskreditiert. Das stimmt mich traurig.

Sie selbst haben auf Ihrer Schule St. Blasien nie etwas von sexuellen Übergriffen mitbekommen?

Nie, niemals, auch nicht indirekt. Ich war insgesamt sieben Jahre bei den Jesuiten, erst als Schüler und dann als Novize.

Sie haben Ihr Noviziat 1953 abgebrochen. Warum?

Ordenspriester legen freiwillig drei Gelübde ab. Sie müssen arm, gehorsam und keusch leben. Mit 23 Jahren habe ich gemerkt, ich kann zwei - also mindestens eins - dieser Gelübde nicht halten. Die Armut war es nicht

War es der Gehorsam?

Der auch ein wenig (lacht). Im Ernst: Ich habe vor allem festgestellt, ich kann ohne eine Frau nicht leben. Da habe ich die Konsequenzen gezogen. Das fiel mir nicht leicht.

Hielten Sie es für ein Versagen, sich einzugestehen, ohne Frau, also ohne Sex, nicht leben zu können?

Nein. Aber ich habe festgestellt, dass ich das Ideal, das ich damals hatte, nicht erreichen konnte. Das ist für einen jungen Menschen ein schwerer Schlag.

Haben Sie Ihre drei Söhne auch auf eine Ordensschule gegeben?

Nein.

Warum nicht?

Wir wollten unsere Kinder nicht weggeben. Sie sind auf das bischöfliche Gymnasium gegangen.

Wir hören inzwischen täglich von neuen Missbrauchsfällen nicht nur in Orden, sondern in der gesamten katholischen Kirche. Die Bischofskonferenz hat jetzt einen Beauftragten eingesetzt und sich bei den Opfern entschuldigt. Das reicht vielen Kritikern noch nicht. Ist die Kirche dabei, ihre Autorität zu verspielen?

Das ist die Gefahr. Die katholische Kirche nimmt in Sexualfragen für sich eine sehr hohe Moral in Anspruch. Das Sexualleben steht bei ihr unter dem Verdacht, etwas potenziell Schlechtes zu sein. Die Missbrauchsfälle stehen in einem eklatanten Widerspruch zu diesem Anspruch. Die Kirche verliert ihre Glaubwürdigkeit.

Was kann die Kirche tun?

Sie muss von ihrem hohen Ross herunter. Die verlogene Sexualmoral, die Körperfeindlichkeit der katholischen Kirche - das sind Irrlehren.

Herr Geißler, zur Kirche gehen Sie inzwischen auf Distanz. Was gibt Ihnen heute persönlich Halt im Leben?

Ich gebe mir selbst Halt.

Sie brauchen die Kirche also gar nicht?

Mir gibt das Evangelium Halt. Jesus ist mein einziges Vorbild. Er war ein junger athletischer Mann, ein Wanderprediger, der das ganze Jahr bei Wind und Wetter durch Galiläa und Judäa marschiert ist. Er muss ein sehr attraktiver Mann gewesen sein, sonst wären die Leute ja nicht in Scharen hinter ihm hergelaufen. Er hat die gewaltigste Lehre verkündet, die es je auf der Erde gegeben hat. Das Entscheidende jedoch ist: Er wurde wegen seiner Ideale gefoltert und umgebracht. Er war die personifizierte Glaubwürdigkeit. Denken, Reden und Handeln stimmten bei ihm überein. Er war ein mutiger Mann. Er war bereit zu kämpfen, er hat sich nicht versteckt. Er hat sich mit den Mächtigen zugunsten der Schwachen angelegt. Das ist etwas, was man auch von Geistlichen erwarten kann - und von Politikern. Zumindest sollten sie es versuchen.

Ist es Ihnen in Ihrem politischen Leben gelungen?

Ja, solange diese Glaubwürdigkeit von mir allein abhängig war. Ich habe in der Politik nie gelogen, immer gesagt, was ich gedacht habe und entsprechend gehandelt. Das ist mir nicht immer zu hundert Prozent gelungen, weil beim Handeln sich auch Widerstände einstellten, die von außen kamen. In einer Demokratie kann man nicht par ordre du mufti entscheiden. Das ist gut so, denn niemand ist im Besitz der absoluten Wahrheit. Ich bin für die Dinge, die ich richtig fand, immer eingetreten - und nicht erst, seit ich kein Amt mehr habe.

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass die Armen dieselbe Menschenwürde besitzen wie alle anderen auch. Der Staat muss ihnen ein menschenwürdiges Existenzminimum garantieren. Hat die CDU diesen Grundsatz stets befolgt?

Ob die CDU verbal diesem Anspruch immer genügt hat, kann man bezweifeln. Es gab in meiner Partei Einzelstimmen, die gesagt haben, die Armen ruhen sich in der sozialen Hängematte aus. Das war jedoch nie die Politik der CDU. Das Bundessozialhilfegesetz ist 1961 verabschiedet worden, da hatte die CDU/CSU die absolute Mehrheit. Dieses Gesetz hat die alten Fürsorgegrundsätze abgelöst. Im Paragraf 1 stand, dass jeder Mensch den Anspruch auf ein menschenwürdiges Leben hat - ob er arbeitet oder nicht. Eine moderne Zivilisation darf diesen Anspruch nie aufgeben. Wir können niemanden zwingen, zu arbeiten. Es gibt Menschen, die wollen in der Armut frei sein. Eine moderne zivilisierte Gesellschaft muss sie tolerieren und dafür sorgen, dass sie nicht in der Gosse verenden. Dafür hat die CDU stets gesorgt und deswegen ist sie von sozial engagierte Menschen gewählt worden.

Heute nicht mehr.

In den 90er Jahren hat sich die CDU zu sehr von neoliberalen Ideen anstecken lassen. Sie hat beispielsweise den Vorrang der frei-gemeinnützigen Sozialeinrichtungen zugunsten der privaten abgeschafft. Auf Druck der FDP ist fast die ganze Sozialarbeit privatisiert worden.

Während Ihre Partei sich aus der Mitte wegbewegt und dem Neoliberalismus zugewandt hat, sind Sie, Heiner Geißler, von der Mitte nach links gegangen.

Nein, ich bin nach wie vor in der Mitte. Andere haben das christliche Menschenbild nur noch verbal vor sich hergetragen und ihren Standpunkt verändert. Der Höhepunkt dieses Irrweges war 2003 der Leipziger Parteitag, dort wurde dem Neoliberalismus gehuldigt. 2005 hat das deutsche Volk die CDU dafür abgestraft.

Haben Sie 2003 überlegt, Ihre Partei zu verlassen?

Nein, ich habe niemals daran gedacht. Ich bin als Student in die CDU eingetreten, weil ich ihre politischen Ziele und Grundsätze für richtig hielt. Wenn in der Partei etwas schief läuft, muss ich drin bleiben, damit ich korrigierend eingreifen kann. Ich bin zwar seit 2002 nicht mehr im Bundestag, aber über meine Bücher oder über die Medien habe ich einiges dazu beigetragen, dass sich die CDU dem Konzept einer internationalen sozialen Markwirtschaft zugewandt hat. Nur wenn die CDU auf diesem Weg weitergeht, kann sie wieder eine Volkspartei werden. Mit 35 Prozent der Wählerstimmen verliert sie ihren Anspruch, eine Volkspartei zu sein.

Und jetzt hat sie sich in einer Koalition an die FDP gebunden - verspielt die CDU damit ihre Glaubwürdigkeit?

Das glaube ich nicht. Bislang hat sie sich noch nicht verbiegen lassen.

Sie hat der von der FDP geforderten Steuersenkung zugestimmt

Das war ein Fehler. Da hat sich die CDU aus Gründen der Koalitionsraison breit schlagen lassen, denn auch die CSU wollte die Steuersenkung. Aber es steht alles unter Finanzierungsvorbehalt.

Was stört Sie an der aktuellen Sozialstaatsdebatte?

Das soziale Klima in Deutschland hat sich durch die Agitation des FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle und Teilen der Springerpresse verschlechtert. Wir in der CDU haben schon immer beispielsweise gestritten über die Höhe des Lohnabstands zwischen denjenigen, die einen Job haben, und denjenigen, die von Sozialhilfe leben. Aber wir sind nie auf den Leuten, die keine Arbeit haben, herumgetrampelt. Westerwelle erweckt den Eindruck, dass die Arbeitslosen Schmarotzer sind. Aber sie sind nicht arbeitslos, weil sie arbeitslos sein wollen, sondern weil es keine Jobs für sie gibt. Das sind doch alles bittere Schicksale für die einstigen Arbeiter und Angestellten von Karstadt, Continental, AEG Nürnberg, Opel Bochum, Nokia. Sie alle haben einen Beruf gelernt und plötzlich braucht sie angeblich niemand mehr. Vom Vizekanzler müssen sie sich auch noch anhören, sie seien an allem selbst schuld. Er sagt, er sei für die Unterstützung der Bedürftigen, aber nicht der Findigen.

Es ist nicht leicht, Herrn Westerwelle in seinen Argumentationen zu folgen...

Er bastelt sich eine Wirklichkeit zusammen, die es gar nicht gibt. Es ist verantwortungslos, wie er über die Leute daherredet. Das sind doch reale Menschen. Die deutschen Sanktionsmöglichkeiten gegenüber arbeitsunwilligen Hartz-IV-Empfängern sind die strengsten in Europa. Sie sind strenger als im Strafrecht. Es ist sowieso ein verfassungsrechtliches Problem, wenn den Leuten der Regelsatz gekürzt wird, weil sie irgendwelche Anträge nicht rechtzeitig und ordentlich ausfüllen oder statt fünf Bewerbungen pro Woche nur drei abschicken.

Reden wir noch ein wenig über Dinge, die einem Halt geben. Die Kirche und die Politik sind es nicht unbedingt. Was gibt Ihnen Halt?

Mir hat beispielsweise das Bergsteigen Halt gegeben. Es hat mich seelisch unabhängig gemacht. Finanziell war ich immer unabhängig, ich musste nie von der Politik leben. Ich bin Volljurist, ich war Richter, ich war Rechtsanwalt - das hätte ich jederzeit wieder machen können. Das Bergsteigen hat mir innere Sicherheit gegeben. Wenn Sie auf einen Berg steigen und dann auf dem Gipfel stehen, sind Bonn oder Berlin ganz weit weg.

Sie sind beim Bergsteigen aber auch in gefährliche Situationen geraten

Das stimmt. In solchen Momenten bin ich umgekehrt.

In der Nordwand des Grand Casse war es nicht so leicht umzukehren. Sie waren mit einem Ihrer drei Söhne unterwegs und der hatte in der Eiswand ein Steigeisen verloren

Ich habe mit dem Pickel Stufen geschlagen, weil auch die Eisschrauben keinen Halt fanden. Wir sind nur mit Mühe und Not wieder runter gekommen.

Hatten Sie Angst?

Nein, Angst ist ein ganz schlechter Ratgeber. Wer Angst hat, kann nicht mehr richtig entscheiden und macht Fehler. Und wer Fehler macht,gerät in Panik und kommt um. Es sei denn, er hat ausgemachtes Glück. Ich bin nie an meine körperlichen und mentalen Grenze gegangen, ich habe immer darauf geachtet, dass es Reserven gibt.

Sie werden heute 80 Jahre alt. Gehen Sie immer noch auf Berge?

Ja, warum denn nicht?

Das Alter spielt keine Rolle?

Ich bin etwas langsamer geworden. Das ist im Gebirge ein leichtes Handicap. Meine Trainingsstrecke beim Joggen in Gleisweiler hat einen Höhenunterschied von 300 Metern. Früher habe ich die Strecke in 20 bis 25 Minuten überwunden, heute brauche ich 40 Minuten.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Ich denke oft darüber nach. Aber Angst? Nein, Angst habe ich nicht. Ich finde es sehr spannend.

Wieso spannend?

Weil ich nicht weiß, was passiert. Aber wenn ich ehrlich bin, ich möchte noch nicht sterben. Sollte ich krank und gebrechlich werden, kommt vielleicht mal ein Punkt, wo ich sage: ich mag nicht mehr.

An dem Punkt sind Sie noch nicht?

Sie sagen es.

(Interview: Katharina Sperber)

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