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Egelsbach Hetze gegen lesbische Pfarrerin

Anne Daur-Lyrhammer wird im Internet beschimpft. Dass die Seelsorgerin eine bekennende Lesbe ist, löst heftige Diskussionen aus. Kirche und Bürger stehen hinter ihr. Von Stephen Wolf

18.12.2008 12:12
STEPHEN WOLF
Die Pfarrerin und ihre Frau
Pfarrerin Anne Daur-Lyrhammer (hier mit ihrem leiblichen Sohn) macht aus ihrem Privatleben kein Geheimnis. Sie lebt mit einer anderen Frau zusammen. Foto: ddp

Kurz nachdem Pfarrerin Anne Daur-Lyrhammer im September ihre Stelle in Egelsbach angetreten hatte, legten ihr Nachbarn Blumen vor die Haustür. Höflich und mit einer Spur Neugierde reagieren die Egelsbacher noch heute auf die 33 Jahre alte Theologin. Denn die neue Pfarrerin kam nicht allein. Sie brachte ihre Frau Kerstin und Sohn Samuel mit. Dass Anne Daur-Lyrhammer bekennende Lesbe ist, löst mittlerweile heftige Reaktionen aus. In redaktionellen Beiträgen und anonymen Diskussionsforen des Internets wird die Familie von vermeintlichen Christen beschimpft.

Bei kreuz.net, einer erzkatholischen Internetseite, schreibt beispielsweise der ungenannte Autor eines Artikels über die Pfarrerin: "Sie schloss mit Kerstin Lyrhammer im Jahr 2002 eine perverse sogenannte Lebenspartnerschaft." Die Gemeinde Egelsbach sei " moralisch offenbar völlig heruntergekommen". Keine Einzelmeinung. Zwar gibt es unter den beinahe 300 Einträgen der Leser auch Stimmen, die für Toleranz werben; Aber andere Beiträge offenbaren eine bedenkliche Haltung. So heißt es beispielsweise, "Homosodomisten" seien Schuld an der allgemeinen Gottlosigkeit, die Pfarrerin selbst wird als "Christusverräterin" verunglimpft. Anne Daur-Lyrhammer selbst sieht ihr Leben im Einklang mit den Werten des Christentums: "Gott hat uns so erschaffen, wie wir sind, Gott will, dass wir Gerechtigkeit leben." Doch das beurteilen die selbsternannten Moralwächter anders. So gab es auch massive Angriffe gegen die Familie auf der Internetseite der Egelsbacher Kirchengemeinde. Die hat deswegen ihr Online-Gästebuch geschlossen. "Es wurde als Forum für diskriminierende Beiträge missbraucht", heißt es dort. Der Kirchenvorstand stellt sich demonstrativ hinter die neue Pfarrerin und schreibt, er habe sich einstimmig für Anne Daur-Lyrhammer "als unsere Gemeindepfarrerin ausgesprochen".

Inszenierte Hasstiraden

Martin Diehl, ebenfalls Pfarrer der Gemeinde, geht davon aus, dass Hasstiraden von außen inszeniert werden. "Vorwiegend katholische Fundamentalisten nutzen die Stellung einer lesbischen Pfarrerin aus, um schlechte Stimmung zu schüren", sagt er. Doch das Weltbild der Evangelischen Kirche auch in Egelsbach sei aufgeklärt und tolerant. Als sich der Kirchenvorstand für Anne Daur-Lyrhammer entschied, sei auch ihre Lebenssituation bekannt gewesen: "Wir haben kein Problem damit", sagt Diehl.

Das gilt auch für die übergeordneten Instanzen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Die Pfarrerin hat die Stelle in Egelsbach von Gabriele Scherle, der Pröpstin für Rhein-Main, zugewiesen bekommen. Sie war der Meinung, eine lesbische Pfarrerin solle sich nicht in der anonymen Großstadt verstecken, sondern offen zu ihrem Leben stehen. Scherle wünscht sich, dass die junge Pfarrerin nicht aufgrund ihre Lebensweise, sondern nach ihrer Arbeit bewertet wird.

In Egelsbach gibt es wegen der ungewöhnlichen Pfarrersfamilie bisher keine Probleme. Die Arbeit mit den Menschen funktioniere gut, sagt Anne Daur-Lyrhammer: "Wenn ich als Pfarrerin bei einem Todesfall die Hinterbliebenen trösten kann, wenn ich ein Paar traue oder dabei helfen kann, Probleme zu lösen, dann ist mein Liebesleben wirklich nicht wichtig", glaubt die Pfarrerin. Sie fühlt sich mit Frau und Kind gut angenommen in der 10 000-Seelen-Gemeinde, versichert sie. Ihr sei bewusst, dass längst nicht alle Kirchengemeinden so offen sind, wie die in Egelsbach.Während des Theologiestudiums habe sie daher sicherheitshalber eine seelsorgerische Ausbildung absolviert. "Es war ja fraglich, ob ich als Lesbe überhaupt irgendwo als Pfarrerin arbeiten kann", sagt die Schwäbin. Sie hat unter anderem in Tübingen studiert.

In ihrer württembergischen Heimat hatten ihr Kirchenfunktionäre kaum Chancen auf eine Stelle als Pfarrerin eingeräumt. "Gute Noten und größte Zurückhaltung im Liebesleben - das waren die Bedingungen,", erinnert sie sich. Ein solches Leben, zwischen Selbstverleugnung und Heuchelei, habe sie sich nicht auferlegen wollen: "Ich finde es wichtig, eine offene Beziehung zu führen und sagen zu können, was ich für richtig oder falsch halte."

Nach den zum Teil hasserfüllten Äußerungen im Internet will die Kirchengemeinde ihr Gästebuch geschlossen halten. Vorerst. Man hoffe, dass die Aufregung mit der Zeit wieder nachlässt. "Ich hatte damit gerechnet, dass es Ärger geben wird", sagt Pfarrer Martin Diehl. Dennoch ist er überzeugt, dass die Menschen, die mit Anne Daur-Lyrhammer zu tun haben, erkennen, dass sie eine gute Pfarrerin ist: "Und das ist es, was zählt."

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