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Burgtheater Wien Kostüm, Boulevard, Komödie

Stefan Bachmann belebt Botho Strauß subtil: "Trilogie des Wiedersehens" - ein Stück Kostümtheater. Und das ist nicht negativ zu verstehen. Im Gegenteil. Von Stephan Hilpold

10.03.2009 00:03
STEPHAN HILPOLD
Daniel Jesch (Answald) und Roland Koch (Franz) in Botho Strauss' "Trilogie des Wiedersehens" am Burgtheater in Wien. Foto: Reinhard Werner

Die Hauptrollen spielen an diesem Abend die zerfransten Jeans und die Polyesterhemden, die gerafften Lederkleider und die dunkelblauen Zweireiher. Und natürlich die Perücken und Extensions und Schnurrbärte, die sich die Schauspieler übergezogen und angeklebt haben. Der Regisseur Stefan Bachmann und seine Kostümbildnerin Annabelle Witt haben am Wiener Burgtheater ein Stück Kostümtheater inszeniert - und das ist durchaus nicht negativ zu verstehen. Im Gegenteil.

"Trilogie des Wiedersehens" heißt das Stück, und es stammt nicht aus bürgerlichen Vorzeiten sondern aus den späten siebziger Jahren. Schlaghosen also statt Reifröcken. Geschrieben hat es Botho Strauß, der Chronist der bundesrepublikanischen Mittelschicht, der Beobachter des Flüchtigen und der zwischenmenschlichen Kühle. Während andere die zerrütteten Zustände einfingen, indem sie die Dramenformen sprengten, hielt er am großen Gesellschafts- und Konversationsstück fest.

Ein Erotiker, der auf die bürgerlichen Ausdrucksformen setzt und dabei weiß, dass ihre Stunde schon lange geschlagen hat. Dieses Gefühl des Verlusts durchzieht auch die "Trilogie des Wiedersehens" - ein Stück, das bei seinem Erscheinen eine Zustandsbeschreibung der hohlen Kunstszene sein wollte, aber schon damals sehnsuchtsvoll nach rückwärts gerichtet war. Es wird durchzogen vom Ennui eines Tschechow und der palavernden Hohlheit eines Gorki. Nicht von ungefähr ist der Name des Dramas eine Anspielung auf Goethes "Trilogie der Leidenschaft".

Letzteres dürfte für Strauß' Personal, das er auf der Bühne eines "örtlichen Kunstvereins" aufmarschieren lässt, ein Fremdwort sein. Es ist der Tag vor der Vernissage und die Mitglieder des Kunstvereins treffen sich zu einer Vorbesichtigung der Ausstellung "Kapitalistischer Realismus". Bildbetrachtung as usual. Wichtiger als die ausgestellten Kunstwerke sind der Tratsch über verlassene Nachbarinnen oder erkrankte Millionärsgattinnen. Die Kunst ist nur Alibi für das gesellschaftliche Stelldichein.

Auf der Bühne des Burgtheaters ist konsequenterweise kein einziges Kunstwerk zu sehen. Dafür eine aseptische Ledercoach, die Bühnenbildner Hugo Gretler über das ganze Rund der Drehbühne gebaut hat. Während die Paare und Passanten von Raum zu Raum schlendern, dreht sie sich mit - und liefert doch keine neuen Eindrücke. Nicht die Kunstbeobachtung steht im Mittelpunkt, sondern die Kunstbeobachter: die Ruths und Marliese und Moritz' und Franz' und Answalds und Elfriedes und Lothars und wie die hohlen Seelen noch alle heißen. Sie alle hat Strauß mit der spöttischen Hingabe eines Großimpresarios zu papieren-poetischen Theaterfiguren geformt.

Regisseur Stefan Bachmann und die tollen Schauspieler des Burgtheaters haben sie jetzt wiedererweckt: Mit leisem Spott um die Mundwinkel haben sie eine Zeitreise zurück in die siebziger Jahre angetreten. Nicht um die Gesellschaftskritik von damals für heute aufzubereiten, sondern um lustvoll das Panorama einer Zeit zu zeichnen. Entstanden ist dabei eine subtile Boulevardkomödie. Botho Strauß, der konservative Kritiker der Gegenwart als Autor einer Theater-Soap. Ob das eher eine Bestätigung oder doch ein Affront ist, lassen wir dahingestellt.

Möglich wird dieses Theater-Kleinod durch Bachmanns Schauspieler: Dadurch, wie sie sich in ihre Kostüme hineinverwandeln und dabei selbst für regelmäßige Burgtheatergeher kaum erkennbar sind. Zum Beispiel Roland Koch, den man für seine Rolle des Schauspielers Franz sofort mit dem Preis des besten Nebendarstellers des Jahres auszeichnen müsste. Ein stocksteifer Herr Papa im Rolli und Doppelreiher samt Herrentäschchen, der sich innerlich viel jünger fühlt als sein Sohn Answald, den gerade seine frigide Freundin verlassen hat (Daniel Jesch). Er gibt dem Sohn Ratschläge, die wie Knüppel wirken, will ihn umarmen, aber kann es nicht.

Oder der komplexbeladene Verkaufsleiter Felix des Jörg Ratjen und seine flennende Freundin Ruth, die Malerin (Melanie Kretschmann). Ein Pärchen, das sich am liebsten die Augen auskratzen würde und erst zu sich kommt, wenn es die Hosen runterlässt und die weltverlorene Johanna (Katharina Lorenz) in ihren Pumps in seine Mitte nimmt. In solchen Szenen treffen sich Strauß, der Verbalerotiker, und Bachmann, der Oberflächen-Erotomane. Die Lounge-Musik wird hochgedreht, die Szenen werden wie im Film aneinander geschnitten.

Nur das Zentrum des Stücks, die krisengeschüttelte Susanne der Regina Fritsch gleitet Bachmann aus den Fingern. Sie ist die prima inter pares in der Meute der Kunstbeflissenen, verliebt in den gleichgültigen Herrn Direktor (Markus Hering), halb Beobachterin, halb Mitspielerin. Eine Art poetische Närrin, die dem Stück einen moralischen, einen gesellschaftskritischen Boden geben könnte. Doch das interessiert Bachmann weniger. Zu Anfang wirft Susanne mit Münzen auf das kleine Kläuschen. Geld - keine Frage - ist das Mittel, das diesen Kunstverein, der die bürgerliche Welt bedeutet, zusammenhält.

In den Siebzigern hat man darüber bei Vernissagen erregt diskutiert. Wir haben uns daran gewöhnt. Bachmanns Blick zurück auf die Zeit der pinken Jumpsuits und der großen KrankenkassenBrillen ist nostalgisch. Eine Welt ist verloren gegangen und mit ihr eine Art, Theater zu machen. Wie amüsant diese Erkenntnis sein kann, hat Bachmann mit seiner Rekonstruktionsarbeit gezeigt.

Burgtheater Wien: 13., 16., 23. April. www.burgtheater.at

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