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Briefermittlung in Marburg Detektive von der Post

Bei der Briefermittlung in Marburg landen sogar Zahnprothesen. Von Gesa Coordes

Schlüssel gehören zum Versand in einen stabilen Briefumschlag. Sonst geht oft die Suche los. Foto: Wegst/FR

In den Skiurlaub können die Marburger Postdetektive nicht fahren. Denn im zentralen Briefermittlungs-Center der Post herrschte gerade zwischen den Jahren Hochbetrieb. Bis Mitte Januar müssen die 120 Mitarbeiter jeden Abend und samstags Sonderschichten einlegen, um fehlerhafte Weihnachtspost und Geschenke aus ganz Deutschland an die richtige Adresse zu bringen. In der einstigen Hauptpost an der Marburger Stadtautobahn landen zu dieser Zeit jeden Tag etwa 30 000 Briefe und Postkarten. Normalerweise sind es nur halb so viele. Sie sind, wie es in schönstem Behördendeutsch heißt, "unanbringlich", können auf den ersten Blick also weder Absender noch Empfänger zugestellt werden.

Da schreibt ein Junge an seine "lieben Eltern und meinen Bruder mit den fettigen Haaren". Und so lautet nicht etwa die Anrede im Brief sondern die Adresse auf dem Umschlag. Namen, Orte oder Absender - das alles findet sich dort nicht. Nur die Briefmarke klebte der Junge noch auf. Ein klarer Fall für die Briefermittler aus Marburg. Freilich sind die meisten Fälle nicht ganz so kurios wie der Brief des Jungen mit dem ungeliebten Bruder. Häufiger sind Zahlendreher bei der Postleitzahl, veraltete Adressen - und es gibt auch Menschen, die immer noch mit vierstelligen Postleitzahlen hantieren. Manche verschicken versehentlich auch gänzlich unbeschriftete Umschläge.

Man sollte sich allerdings nicht vorstellen, dass die Fahnder spannende Privatpost durchstöbern, sagt der Abteilungsleiter Briefermittlung, Gerhard Schwarzer: "Die Kollegen haben gar keine Zeit, die Briefe zu lesen." Knapp eine Minute wird pro Brief veranschlagt. Und ausplaudern dürfen sie ohnehin nichts.

Aus dem Brief von Opa und Oma an die Enkelin Julia flattern nicht nur mit Engeln verzierte Karten sondern auch noch 50 Euro. Das passiert in der Weihnachtszeit besonders häufig, obwohl eigentlich gar kein Geld per Post verschickt werden soll, sagt Schwarzer. Aus seiner langen Erfahrung weiß der Briefermittler: "Es gibt nichts, was nicht verschickt wird. Ob Zahnprothese oder gebrauchte Socken, wir wundern uns über nichts mehr." In Marburg landen nämlich nicht nur die "unanbringlichen Briefe". In der Behörde stapeln sich auch jene Dinge, die aus Briefen herausfallen. Jeden Tag 1800 Gegenstände. Das reicht von wertvollem alten Schmuck über Brillen, Schlüssel und Süßigkeiten bis zu Videos und Bücher. Die Mitarbeiter tüten Teddybären, Taschenrechner, Reizwäsche, Schnupftabak, Hausschuhe oder Hemden sorgfältig ein und registrieren die Fundsachen, um sie ihrem Besitzer wieder zusenden zu können. Ihre Stichworte reichen von A wie Aal bis Z wie Zylinderschloss.

Vor Mitarbeiterin Sabine Buckert liegen Schlüssel, Geldbörsen, USB-Sticks und Fußballbildchen. Die meisten Gegenstände sind schlicht falsch verpackt worden, weiß die junge Frau. In den automatisierten Briefverteilungsmaschinen werden normale Couverts schnell beschädigt - Schlüssel, Bankkarten und CDs fallen dann heraus. Sie rät deshalb dringend zu wattierten Umschlägen. Das nützt aber nur fast immer. So verlor eine alte Dame ihren Ehering im Postkasten, als sie ihre Briefe einwarf. Sie trug sowohl ihren als auch den locker sitzenden Ring ihres verstorbenen Mannes am Finger.

Wenn sich die Besitzer auch nach einem Jahr noch nicht melden, kommen die Fundsachen unter den Hammer. Die Einnahmen aus der Versteigerung decken die Ausgaben für die 120 Ermittler und die zahlreichen kostenlos nachgesandten Artikel allerdings nicht annähernd, sagt Postsprecher Kutsch. "Dabei kostet der Brief ursprünglich nur 55 Cent."

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