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Missbrauchsfall von Staufen Die Mutter bleibt ein Rätsel

Der Fall erschüttert bis ins Mark. Eine Mutter vergewaltigt ihr Kind mit ihrem Partner, beteiligt sich jahrelang an schlimmstem Missbrauch. Das Paar verkauft den Jungen an andere. Mit dem Urteil gegen die beiden endet ein Prozess um ein ungeheuerliches Verbrechen.

07.08.2018 15:53
Von Anika von Greve-Dierfeld und Jürgen Ruf, dpa
Nach dem Urteil
Die wegen Kindesmissbrauchs verurteilte Mutter wird nach der Urteilsverkündung aus dem Gerichtssaal gebracht. Foto: Patrick Seeger

Man hatte wochenlang in ihr Gesicht geschaut, auf eine Regung gewartet, eine Gefühlsäußerung, irgendetwas. Aber da war nichts. Die Mutter schwieg. Ihr Gesicht blieb meist leer, die Augen ausdruckslos.

Sie saß an den elf Verhandlungstagen im Prozess um den Missbrauch ihres Kindes auf der Anklagebank des Freiburger Landgerichts, unbeteiligt und verwahrlost wirkend, der Körper in sich zusammengesackt, die spärlichen Haare zurückgebunden.

Zwei Plätze weiter, der Gegensatz könnte krasser kaum sein, ihr Lebensgefährte, der zeitweise fast im Plauderton und mit Feuereifer zu erklären versuchte, was nicht zu erklären ist: Der kleine Sohn der 48-Jährigen Frau wird von beiden vergewaltigt, missbraucht und auf unvorstellbare Weise erniedrigt. Er wird im Darknet - einem anonymen Teil des Internets - angeboten und gegen Geld anderen Männern zum Sex überlassen. Die Missbrauchstaten werden gefilmt und verbreitet.

Am Dienstag wurde das Paar zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Mutter muss zwölfeinhalb Jahre in Haft - wegen Vergewaltigung, sexuellen Missbrauchs sowie Zwangsprostitution ihres Sohnes. Gegen den Lebensgefährten der Frau, einen einschlägig vorbestraften 39-Jährigen, verhängten die Richter eine Strafe von zwölf Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Damit bekam die Frau, wie vom Vorsitzenden Richter Stefan Bürgelin gleich mehrfach betont, die höchste im Zusammenhang mit dem Fall verhängte Freiheitsstrafe für diese schwer zu ertragenden Verbrechen. Mehr als ihr ja schon vorbestrafter Partner und mehr auch als die anderen Freier des Jungen, die zuvor zu Haftstrafen von bis zu zehn Jahren verurteilt worden waren.

Die 48-Jährige hatte - über ihr Geständnis hinaus - wenig getan, um ihre Strafe abzumildern. Sie habe zudem die schlimmste auf den Videos dokumentierte Tat begangen, eine äußerst brutale Vergewaltigung: „Das Kind schrie vor Schmerzen, es war die heftigste Tat“, sagte Bürgelin. „Leider haben Sie dazu nichts gesagt“, betonte er mit Blick auf die Frau, die ihr Urteil ohne äußerliche Regung annahm und akzeptierte. Ihr Partner hingegen habe umfangreich ausgesagt und damit auch andere Beteiligte ins Gefängnis gebracht.

Die Fragen rund um den Fall sind quälend. Wie konnte der Missbrauch trotz Hinweisen so lange unentdeckt bleiben? Warum versagten Behörden? Warum wurde das Kind, das das Jugendamt kurzfristig sogar in Obhut genommen hatte, von zwei Familiengerichten zurück zu Mutter und deren Partner geschickt, geradewegs zurück in die Hölle? Warum wurde das Kontaktverbot des 39-Jährigen zu Kindern und Jugendlichen nicht überwacht? Wie konnte es passieren, dass der Mann unbehelligt unter einem Dach mit einem Kind lebte, auf das er so unbegrenzten Zugriff hatte?

Und die quälendste aller Fragen: Was trieb die Mutter dazu, ihr Kind, dass sie hätte beschützen müssen, selbst zu missbrauchen und grausamen Demütigungen auszusetzen? Den Jungen „gefügig“ zu machen? „Ruhigzustellen“ und „vorzubereiten“? „Herzurichten“ für die Vergewaltigungen, die nicht selten nach extra erdachtem Drehbuch verliefen und von mal zu mal an Heftigkeit und Sadismus zunahmen, wie Bürgelin ausführte?

Das Gericht war sich letztlich sicher: Der Frau fehlten schlicht Empathie, Werte, ein irgendwie geartetes Gewissen und die Fähigkeit, wahrzunehmen, was andere fühlen. So einfach also. Und so schwer nachvollziehbar. Katja Ravat, die das Kind vor Gericht als Nebenklägerin vertrat, konnte keine Reue bei der Frau erkennen.

Die Juristin sprach zudem von einer hohen Dunkelziffer bei Missbrauchstäterinnen. Der Freiburger Kripo-Chef Peter Egetemaier sagte: „Dass auch Frauen Kinder missbrauchen, wissen wir nicht erst seit gestern.“ Aber dieser Fall habe die Vorstellungskraft der Ermittler gesprengt. Und er habe einmal mehr den Blick der Polizei geweitet, für das, wozu auch Frauen bei diesen Delikten imstande seien. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) spricht für das vergangene Jahr von gut vier Prozent weiblicher Tatverdächtiger bei sexuellem Missbrauch von Kindern.

Die Richter wie auch Opferanwältin Ravat hatten im Verlauf des Verfahrens ihr Möglichstes getan, um die Motive der Mutter zu ergründen. Den Richtern ging es um das richtige Strafmaß. Ravat um eine Erklärung, die dem Jungen später vielleicht irgendwelche Haltegriffe bieten könnte, seine Erfahrungen zu verarbeiten. Vergeblich.

Wie es für den Jungen weitergeht, ist offen. Er versuche, in einem neuen Leben ohne Gewalt und sexuelle Übergriffe Tritt zu fassen, sagte Bürgelin. Die Videos jedoch, auf denen die grausamen Taten umfangreich dokumentiert sind, kursieren weiter in den einschlägigen Kinderporno-Netzwerken. „Ihre Verbreitung ist längst jeglicher Kontrolle entzogen.“

(Von Anika von Greve-Dierfeld und Jürgen Ruf, dpa)
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