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Analyse Mutmaßliche Vergiftung eines Kreml-Kritikers gibt Rätsel auf

Zuerst wirkten die Symptome noch lustig, dann entpuppten sie sich als ernsthafte Erkrankung: Der russische Pussy-Riot-Aktivist Piotr Wersilow wurde wahrscheinlich vergiftet. Angehörige vermuten einen Mordanschlag.

18.09.2018 16:50
Von Anja Sokolow und Charlene Rautenberg, dpa
Behandlung
Kai-Uwe Eckardt, Arzt (r), und Karl Max Einhäupl, Leiter der Charite, berichten während einer Pressekonferenz über die Behandlung von Piotr Wersilow an der Berliner Charite. Foto: Britta Pedersen

Ein russischer Polit-Aktivist und Kreml-Gegner wird vermutlich vergiftet. Auch seine Ex-Frau und die aktuelle Freundin sind Systemkritikerinnen. Der Fall des Moskauer Pussy-Riot-Mitglieds Piotr Wersilow enthält alle Zutaten für einen neuen Krimi aus Russland.

Gerade erst wurden die Männer identifiziert, die den russischen Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter in England mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftet haben sollen. Die Skripals kamen nur knapp mit dem Leben davon. Nun sorgt der Fall Wersilow für Aufsehen.

Die gute Nachricht: Wersilow ist zwar noch verwirrt, aber auf dem Weg der Besserung. „Wir sind zuversichtlich, dass eine Komplettheilung stattfinden wird“, sagte sein Arzt Kai-Uwe Eckardt vom Universitätsklinikum Charité am Dienstag in Berlin bei einer Pressekonferenz. Seit Sonntag wird der 30-Jährige dort behandelt, zuvor war er in einer Moskauer Klinik.

Für eine Vergiftung gebe es eine hohe Plausibilität, sagte der Charité-Vorstandsvorsitzende Karl Max Einhäupl. Anders sei die Entwicklung der Symptome innerhalb des kurzen Zeitraums nicht zu erklären. Während bei den Skripals das Gift identifiziert werden konnte, wird man bei Wersilow möglicherweise nie herausfinden, was ihm verabreicht wurde.

Laut Eckhardt gibt es lediglich Hinweise auf die Substanzklasse. Die Chancen, sechs Tage nach einer möglichen Vergiftung noch etwas nachzuweisen, seien nicht sehr hoch. Bei seiner Behandlung in Moskau hätten die Ärzte den Magen Wersilows geleert und eine Blutwäsche durchgeführt, da auch sie schon von einer Vergiftung ausgingen.

Das Gift habe für eine Störung des vegetativen Nervensystems gesorgt und bei Wersilow ein sogenanntes anticholinerges Syndrom ausgelöst. Das vegetative Nervensystem ist für die Steuerung lebenswichtiger Funktionen wie Herzschlag oder Atmung zuständig. Ist es gestört, können unter anderem Verwirrtheit, Schläfrigkeit, Fieber und auch weite Pupillen auftreten. All diese Symptome waren den Ärzten zufolge auch bei Wersilow zu beobachten.

Am vergangenen Dienstag habe sich sein Zustand plötzlich rapide verschlechtert, berichtete seine Freundin Veronika Nikulschina bei einer weiteren Pressekonferenz am Dienstag in Berlin: „Als er aufwachte, sagte er mir, dass er nicht deutlich sehen könne. Am Anfang fanden wir es noch lustig.“ Von Stunde zu Stunde sei es ihm aber schlechter gegangen: „Er verlor die Fähigkeit, deutlich zu sprechen, wirkte desorientiert und bekam Halluzinationen.“ Daher habe sie einen Arzt gerufen. Im Krankenhaus habe er weder sehen, sprechen noch sich bewegen können.

Die Symptome begannen, nachdem Wersilow in einem Moskauer Gericht gewesen war. Er wollte bei der Freilassung seiner Freundin dabei sein, die zuvor zwei Tage lang in Polizeigewahrsam war. Nikulschina ist ebenfalls Aktivistin der Gruppe Pussy Riot. Sie und Wersilow gehören zu den „Flitzern“, die beim Finalspiel der Fußball-WM Mitte Juli auf das Feld gerannt waren - um unter anderem gegen Polizeigewalt zu demonstrieren. Die „Flitzer“ wurden daraufhin zu wochenlangen Arreststrafen verurteilt.

Ihre Festnahme habe, glaubt Nikulschina, wieder mit der Flitzer-Aktion zu tun. Mit Pussy Riot ist mit spektakulären Aktionen gegen Justizwillkür und Korruption weltweit bekannt geworden. Zu den Aktivistinnen gehört auch Nadeschda Tolokonnikowa, mit der Wersilow eine Tochter hat und die ebenfalls nach Berlin gereist ist. Auch Wersilows Mutter Elena ist in der Hauptstadt. Tolokonnikowa bekräftigte, Wersilow sei mit Absicht vergiftet worden; sie sprach von einem „Versuch eines Mordanschlags oder einer Einschüchterung“.

Der Aktivist selbst weiß den Schilderungen zufolge gerade einmal, dass er in einem Krankenzimmer ist. Auf einfache Fragen könne er antworten, berichtete seine Mutter Elena Wersilowa, die ihren eigenen Worten zufolge „geschockt“ ist. Sie freue sich aber, dass es ihrem Sohn jeden Tag ein Stück besser gehe.

Wersilow hat auch die kanadische Staatsbürgerschaft. Dennoch wird er wohl nach der Genesung wieder nach Russland zurückkehren. „In dem Moment, in dem er ein Ticket bekommt, wird er es in Anspruch nehmen“, sagte Tolokonnikowa. Es sei „eine Frage der Ehre, in Russland zu bleiben“. Allerdings könne sich niemand, der sich gegen die politische Elite stelle, sicher fühlen.

Immer wieder sind in der Vergangenheit Kreml-Kritiker Opfer von Anschlägen geworden, unter ihnen auch Alexander Litwinenko, ein ehemaliger Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB. Er war im November 2006 in einem Londoner Hotel mit dem radioaktiven Stoff Polonium 210 vergiftet worden. Kurz bevor er im Krankenhaus starb, sagte Litwinenko, Kreml-Funktionäre und Russlands Präsident Wladimir Putin seien für seinen Tod verantwortlich.

Wersilows Mutter macht sich Sorgen um die Zukunft ihres Sohnes: „Es ist für ihn nicht möglich, damit aufzuhören“, sagte sie mit Blick auf seine Aktivitäten bei Pussy Riot. „Man kann ihn nicht aufhalten.“

(Von Anja Sokolow und Charlene Rautenberg, dpa)
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