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Zuwanderung Die zwei Alter des geflüchteten Ali Jan

Der Vormund und das Frankfurter Jugend- und Sozialamt sind uneins über die Minderjährigkeit eines jungen Afghanen.

Ali Jan aus Afghanistan
Foto: Michael Schick

Diesen Freitag könnte Ali Jan Geburtstag feiern. Doch der Afghane, dessen Nachname der FR bekannt ist, wird es nicht tun, er will es gar nicht. Denn dass er am 30. Juni volljährig wird, ist nicht seine Überzeugung, sondern die des Frankfurter Jugend- und Sozialamtes. Ali Jan selbst sagt, er sei erst 16, sein genaues Geburtsdatum kenne er nicht. „Meine Mutter weiß nicht, an welchem Tag ich genau geboren bin. Aber sie weiß, dass es vor 16 Jahren war.“ 2014 ließ sie sich vom zuständigen Personenstandsamt in Afghanistan eine „Tazkira“ für ihren Sohn aushändigen. Das Personalausweis und Geburtsurkunde ersetzende Papier bezeichnet Ali Jan als zum damaligen Zeitpunkt 13-jährig. Das Jugendamt erkennt derartige Dokumente nicht an.

Auf der Bestallungsurkunde des Familiengerichts, die den Unternehmensberater Peter Bühl im Januar zum ehrenamtlichen Einzelvormund Ali Jans ernannte, wird dieser nicht mit dem Geburtsdatum 30. Juni 1999 geführt, sondern mit dem 1. Januar 2001. Je nachdem, von welcher Stelle im Jugendamt Bühl Post bekommt, steht mal das eine, mal das andere Datum im Betreff – gegenüber der FR sagt die Behörde, sie führe Ali Jan nach einem Beschluss des Familiengerichts unter dem 1999er-Datum.

„Eigentlich ist das alles kindisch“, findet Bühl. „Aber es ist zu Ali Jans Nachteil.“ Denn mit der vermeintlichen oder tatsächlichen Volljährigkeit entfiele auch die Schulpflicht. Die für das neue Schuljahr bereits vorliegende Zusage für eine Regelbeschulung des Geflüchteten, der in seiner Heimat nur sechs Jahre lang zur Schule gehen konnte und seit Kurzem übergangsweise die Intea-Klasse einer Berufsschule besucht, stünde auf der Kippe.

Die Uneinigkeit über sein Alter, so erzählen es Bühl und Ali Jan, habe dem jungen Afghanen ohnehin schon viel Ungemach bereitet. Und ihn zu einem Präzedenzfall für das Jugend- und Sozialamt werden lassen: er ist der erste und bislang einzige junge Asylsuchende in Frankfurt, bei dem nach behördlicher Inaugenscheinnahme auf seinen eigenen Wunsch auch ein rechtsmedizinisches Altersgutachten eingeholt wurde.

Altersschätzung anhand der Zähne und Knochen

Aussagekraft und ethische Bewertung medizinischer Alterseinschätzungen sind hochumstritten. Unklare Altersangaben an sich aber sind nicht selten. Alleine 2016 führten Angestellte des Jugend- und Sozialamtes Erstgespräche mit 1839 jungen Geflüchteten – mit dem Ergebnis von „493 Einschätzungen von Volljährigkeit“, die dazu führten, dass die Betroffenen nicht in Obhut genommen, sondern an die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen weitergeleitet wurden.

Auch Ali Jan hat ab Ende Mai 2016 zwei Wochen in Gießen verbracht, ehe er in die damalige Erstaufnahme-Außenstelle auf dem Frankfurter Neckermann-Areal geschickt wurde. Dass er dort alleine und, wie er sagt, aufgrund traumatischer Vorerfahrungen verängstigt, unter Erwachsenen lebte, bis Ende August eine aufmerksame Mitarbeiterin des Unterkunftbetreibers ihn ansprach, die ihn für offensichtlich minderjährig hielt, ist auch auf einen folgenschweren Fehler Ali Jans zurückzuführen.

Der Afghane war ursprünglich auf dem Weg nach Skandinavien, wo viele Angehörige der in Afghanistan diskriminierten Minderheit der Hazara leben, der er angehört. Im bayrischen Rosenheim habe er auf den Rat eines Mitreisenden angegeben, volljährig zu sein, sagt Ali Jan – in der Annahme, dann nach Schweden weiterreisen zu dürfen. Schweden aber hatte inzwischen die Grenzen geschlossen. Ali Jan folgte deshalb anderen Jugendlichen in die Schweiz, wo alle ihr wahres Alter offenbarten.

Da der Jugendliche seine Tazkira nicht dabei hatte, behandelten die Schweizer ihn als Erwachsenen – und schoben ihn entsprechend der asylrechtlichen Dublin-Regelung nach Deutschland ab. In Gießen wurde seine Angabe, tatsächlich erst 15 zu sein, zwar handschriftlich vermerkt – erst die Sozialbetreuerin bei Neckermann aber schaltete drei Monate später das Jugendamt ein, das Ali Jan wiederum erst in Obhut nahm und vorübergehend unterbrachte, nachdem Peter Bühl das Verwaltungsgericht eingeschaltet hatte.

Im Herbst folgte die rechtsmedizinische Altersschätzung. Nach diversen Einzeluntersuchungen, etwa der Zähne, der Handknochen und des allgemeinen Entwicklungszustandes, vermutet das Gutachten ein früheres Geburtsdatum als den 1. Januar 2001, schließt aber mit der Aussage, „ein Alter unter 18 Jahren“ könne „nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden“.

Peter Bühl hat Ali Jan übrigens bereits im November bei sich aufgenommen und versorgt ihn auf eigene Kosten. Woran es liegt, dass Ali Jan nicht mehr in einer Jugendhilfeeinrichtung lebt und der Vormund für seine Aufwendungen nicht entschädigt wird, auch darüber sind Ali Jan, Peter Bühl und das Jugend- und Sozialamt unterschiedlicher Ansicht.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zuwanderung Rhein-Main

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