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Zum Jubiläum Betont schlicht wieder aufgebaut

Vor 70 Jahren wurde die wieder aufgebaute Paulskirche eröffnet.

Paulskirche
Ein Problem ist die Statik des 70 Jahre alten Kuppelbaus. Foto: dpa

Die Sache war durchaus nicht unumstritten. 1945, nach dem Ende der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, lag Frankfurts Innenstadt in weiten Teilen in Trümmern. Etwa die Hälfte aller Wohnungen im Stadtgebiet war zerstört. Was sollte Vorrang haben beim Wiederaufbau? Darüber stritten die neugewählten Stadtverordneten nach der ersten freien Kommunalwahl am 26. Mai 1946. Für Oberbürgermeister Walter Kolb (SPD) gab es bei der Antwort kein Zögern: Er wollte die stark zerstörte Paulskirche wieder errichten lassen, als Ort der ersten Nationalversammlung 1848, als Symbol für die deutsche Demokratie. 

Doch nicht alle Stadtverordneten folgten ihm in dieser Argumentation. Die Vertreter der KPD, aber auch Teile der SPD hielten es für wichtiger, rasch Wohnungen für die Menschen zu schaffen. Kolb veröffentliche einen deutschlandweiten Aufruf nach Spenden für den Wiederaufbau der Paulskirche – nicht allein die Stadt Frankfurt sollte die finanzielle Last tragen. 

Der Wiederaufbau erfolgte betont schlicht

Tatsächlich trug dieser Appell Früchte. Aus dem gesamten Land, auch aus der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ), gingen Geld und Sachspenden ein – bis hin zu Nägeln. Der Wiederaufbau der Kirche erfolgte betont schlicht und nicht prunkvoll. Man wollte sich von der Zeit des Nationalsozialismus und des Kaiserreiches auch baulich abgrenzen. 

Kolb machte den ersten Spatenstich am 17. März 1947. Zwei Wochen zuvor hatte er, um die Kritiker zu besänftigen, mit großer Öffentlichkeit den Grundstein für neue Wohnhäuser gelegt. Das Ziel des Oberbürgermeisters, aber auch von Hunderten von Architekten, Ingenieuren, Arbeitern war: Rechtzeitig zur Jahrhundertfeier der ersten deutschen Nationalversammlung sollte die Paulskirche eingeweiht werden. 

Und tatsächlich: Es gelang. Nach nur vierzehn Monaten Bauzeit konnte die Kirche am 18. Mai 1948 der Öffentlichkeit übergeben werden. Der Wiederaufbau des Goethehauses, das zweite große Projekt in der Innenstadt, brauchte länger: Hier wurde der Grundstein am 5. Juli 1947 gelegt. Aber erst im Mai 1951 war die Rekonstruktion des Geburtshauses von Johann Wolfgang von Goethe abgeschlossen. 

Die Hoffnungen der Stadt Frankfurt, neue deutsche Hauptstadt zu werden, zerschlugen sich trotz der erneuerten Paulskirche am 3. November 1949. Genau 200 Abgeordnete des Bundestages votierten für Bonn, nur 176 für Frankfurt am Main. Die Paulskirche wurde Ort für wichtige, überregional bedeutende politische und kulturelle Festakte sowie Preisverleihungen. Der Kuppelbau bietet 1066 Sitzplätze. 

In den 70 Jahren seit der Wiedereröffnung der Paulskirche ist baulich nicht allzuviel geschehen. Dadurch entstand im Laufe der Zeit ein gehöriger Sanierungsstau. In den Jahren 1985 bis 1987 hatte der damalige CDU-geführte Magistrat eine behutsame Sanierung veranlasst. Die Kirche bekam unter anderem neue Fenster. 

Seitdem gab es nur noch kleinere Arbeiten mehr. So wurden etwa vor fünfzehn Jahren Räume im Kellergeschoss erneuert, in denen Frankfurter Künstler während des Weihnachtsmarktes ihre Werke zeigen. 

Heute sehen die Baufachleute ein wichtiges Ziel darin, die große Dachkuppel statisch zu verstärken. 

Wie bei anderen historischen Bauten Frankfurts entsprechen der Brandschutz und die Belüftung nicht mehr den geltenden Vorschriften. Längst stellt die Stadt bei jeder Veranstaltung eigene Brandwachen ab. Auch die Tontechnik muss nach Einschätzung der Experten dringend erneuert werden. Als Warnzeichen wurde es gewertet, als sich 1997 im hölzernen Glockenturm der Kirche eine Glocke löste und abstürzte. Es geschah während des Großen Stadtgeläuts am Pfingstsamstag. Die Verankerung der 1,8 Tonnen schweren Christusglocke brach. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich glücklicherweise keine Menschen im Gebäude auf. Die Glocke zerschellte auf dem Boden des Vorraumes.

Das städtische Hochbauamt will ein Gutachten vergeben, das die nötigen Sanierungsschritte für den Kirchenbau festlegt. Mit einer zweistelligen Millionensumme ist mit Sicherheit zu rechnen. Wann diese Arbeiten freilich angegangen werden können, ist völlig offen. Denn gegenwärtig stehen die politischen Vorzeichen im Römer wieder eindeutig auf Sparpolitik. Es ist nicht zu erwarten, dass die Römer-Koalition in dieser Situation zeitnah Geld für die Paulskirche mobilisieren wird.

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