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Zeidler-Handwerk Ein Baum für die Bienen

Der Natur zuliebe: Frankfurt lässt das jahrhundertealte Zeidler-Handwerk aufleben. Im Botanischen Garten schaffen die sogenannten Bienenbotschafter eine geräumige Wohnung für die Insekten.

Als druff: Manuel Schüle arbeitet im Botanischen Garten an einer sogenannten Klotzbeute für die Bienen. Foto: christoph boeckheler*

Biene müsste man sein. Überall arbeitet die Natur gerade emsig an herzlichen bunten Einladungen für die Bestäuberin, und auch die Frankfurter lassen sich nicht lumpen. Stadtimkerei ist in – aber was jetzt im Botanischen Garten entsteht, das setzt dem Ganzen vorläufig die Krone auf.
Beziehungsweise: die Baumkrone. Oder noch beziehungsweiser: die Messeturmspitze. Ihr ist das Dach nachempfunden, das Antonio Gurliaccio und Cher Haurova in 52 Arbeitsstunden aus Lärchenschindeln und Kupfer gebaut haben. Sie nennen sich Bienenbotschafter, und am heutigen Samstag werden sie das herrliche Dach auf eine gekappte Rotbuche im Botanischen Garten setzen. Knapp darunter, in fünf Metern Höhe, hauen sie eine geräumige Wohnung in den Stamm. Am Sonntag wird sie bezugsfertig sein, liebe Bienen. Ohne Maklerprovision!

„Wir schaffen betreute Nistplätze für die Honigbiene“, sagt Bienenbotschafter Moses Martin Mrohs, während seine Kollegen Gurliaccio und Manuel Schüle eine sogenannte Klotzbeute präparieren: ein Stück Baumstamm, etwa einen Meter hoch, innen hohl. Vor die große Öffnung montieren sie Grünzeug, damit der Specht nicht reinkommt. „Der mag nämlich Honig“, sagt Gurliaccio. „Und die Frankfurter Bären auch“, witzelt Mrohs. Nur ein schmaler Einlass für die Bienen bleibt offen. Da kommt auch kein Babybär durch.

Die drei von der Baumstelle stammen ursprünglich aus Italien, der Schweiz und Polen, passen also glänzend nach Frankfurt mit ihrem internationalen Bienen-Bauprojekt, und was sie da machen, ist ein sogenannter Zeidlerbaum. Die Zeidlerei war einst weit verbreitet, um Bienen in Bäumen anzusiedeln und ihren Honig zu ernten, doch mit dem Siegeszug des Zuckers als Süßungsmittel geriet sie ins Abseits. In Russland und Ostpolen überlebte das Handwerk. Nun bringen die Bienenbotschafter es wieder zu uns, denn hier fehlen Hohlbäume für Bienen.

Die Idee entstand 2015 beim Frankfurter Bienenfestival. Da führten die Männer ihr Holzkönnen vor, und die begeisterte Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) fragte spontan bei Manfred Wessel an, dem Leiter des Botanischen Gartens, ob ein Zeidlerbaum installiert werden könnte. Resultat: Ja. Allerdings nicht in einem gesunden Baum, auch wenn Schüle sagt: „Das wurde früher immer in lebende Bäume gehauen.“ Wessel: „Fragt sich, wie lang die Bäume das überlebt haben.“

Die Rotbuche, die nun präpariert wird, ist längst abgestorben. Für weitere Zeidler-Projekte in Frankfurt sieht der Gartenleiter gute Chancen – in Klotzbeuten, die an Bäume montiert werden. Dazu laufen Gespräche mit Umwelt- und Grünflächenamt.

Was sagen die Bienen dazu? Freuen sich. „Sie legen zwei Honigreservoirs im Zeidlerbaum an“, sagt Mrohs: „Eins oben, für sich, eins unten, für uns.“ Wie – für uns? „Für die Menschen. Sie sagen: Das könnt ihr wegnehmen.“ Im Ernst? „Im Ernst.“ Viel ist es nicht, maximal vier bis acht Kilo im Jahr, sagt Antonio Gurliaccio. Aber um die Honigernte geht es den Bienenbotschaftern auch überhaupt nicht. Sie sind mit einem derart ansteckenden Elan bei der Arbeit, dass man sofort mitmachen möchte, auch wenn es ein wenig brutal aussieht, wie sie dem Baum zusetzen. „Die Bienen sollen die Chance haben, sich selbst zu entwickeln“, sagen sie, „mit wesensgemäßer Haltung.“ Dazu gehört es, regelmäßig sauber zu machen und Bio-Zucker als Nahrung zu bringen: 20 Kilo im Jahr. Dafür gibt es ja Honig zurück – eine Hand wäscht das andere Sammelbein.

Und alle haben was davon. „In einer Landschaft, in der sich die Biene wohlfühlt, fühlt sich auch der Mensch wohl“, sagt Mrohs. Ohne Bestäuber keine Früchte. Je natürlicher, desto besser, sagen die Bienenbotschafter: „Zurück zu den Wurzeln, auf in die Zukunft!“

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