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Yoko Ono Schirn Keine Frau für den Kunstmarkt

Die Konzept- und Performance-Künstlerin Yoko Ono ist Gast und Gegenstand einer Retrospektive in der Frankfurter Kunsthalle Schirn. Es geht dort um weit mehr als ihre Beziehung zu John Lennon.

Yoko Ono heute .... Foto: dpa

Die Kisten sind schon da. Türmen, stapeln sich in den grau und weiß gestalteten Räumen. Handwerker allenthalben, Leitern blockieren den Weg. Eine eigentümliche Spannung ist zu spüren: Die letzten Tage, bevor sich die Türen zu einer wichtigen Schau öffnen. Ingrid Pfeiffer kennt diese Atmosphäre zur Genüge: Seit 2001 gestaltet die 46-Jährige zentrale Ausstellungen in der Kunsthalle Schirn. Zwei Jahre hat die Kuratorin ihren jüngsten Coup vorbereitet: Die erste umfassende Retrospektive von Yoko Ono, der großen Performance- und Konzept-Künstlerin, in Deutschland.

Yoko Ono? Moment mal. Der Name setzt vor dem inneren Auge sofort ganze Assoziationsketten frei – gerade bei vielen Männern. Ist das nicht die Frau, die für das Ende der größten Band der Welt – genau: der Beatles – verantwortlich war? Die durch ihre Beziehung zu John Lennon ausgangs der 60er Jahre zur globalen Medienfigur wurde? Die Kuratorin kann über solche, typisch männliche Vorurteile gar nicht lachen. „Die Kunstszene interessiert das überhaupt nicht“, faucht sie. „Wir sind die Schirn“, fügt Pfeiffer hinzu, „hier geht es ganz allein um die Künstlerin Yoko Ono.“ Alles andere sei „Gala-Niveau“ – das ist der größte Ausdruck der Verachtung, über den die Kunsthistorikerin verfügt.

Seit Jahren ist es ein wichtiges Element von Pfeiffers Arbeit, gerade Künstlerinnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das war zum Beispiel in der Ausstellung „Impressionistinnen“ im Jahre 2008 so, als die Kuratorin französische Malerinnen präsentierte, die lange im Schatten ihrer männlichen Zeitgenossen gestanden hatten.

An die 200 Werke trägt die OnoRetrospektive „Half-A-Wind Show“ zusammen aus einer künstlerischen Karriere, die im Jahre 1955 ihren Anfang nahm und bis heute andauert. Am 18. Februar feiert die japanisch-amerikanische Künstlerin ihren 80. Geburtstag, vier Tage zuvor ist sie in der Schirn bei der Eröffnung der Jubiläumsausstellung der Stargast.

1964 lässt sie sich die Kleidung vom schneiden

Die Magie ihres Namens ist ungebrochen: Schon jetzt liegen unzählige Anmeldungen von Medienvertretern aus aller Welt vor. Pfeiffer erzählt mit Leidenschaft von der Frau, „die uns dazu aufruft, das Kunstwerk zu vervollständigen“. Eine ihrer berühmten Installationen, die in Frankfurt zu sehen sein werden, heißt „Half-a-Room“: Auf einem jetzt noch leeren Podium stehen dann unvollständige Einrichtungsgegenstände: ein halber Stuhl, ein halber Tisch, ein halbes Regal – „wir sehnen uns nach Vollständigkeit“.

Bei ihrer berühmten Performance „Cut Piece“ hat sie sich 1964 die Kleidung vom Leib schneiden lassen. Für Pfeiffer noch heute ein Sinnbild für Gewalt und ihre Folgen – „das meint nicht alleine Gewalt gegen Frauen, das könnte auch für Männer gelten“. Ono findet einfache Bilder. Auf einem Regal in der Schirn werden kleine Flaschen stehen, mit Wasser gefüllt, auf Etiketten die Namen berühmter Persönlichkeiten. „We are all water, in different containers“, sagt die Künstlerin dazu: „Wir sind alle Wasser, nur in unterschiedlichen Behältnissen.“ Oder das „white chess set“, bei dem alle Schachfiguren weiß sind und mit dem Ono Konfrontation ad absurdum führt.

Ist sie eine politische Künstlerin? „Auf ihre Weise ja“, antwortet Pfeiffer. Vor allem aber stelle Ono „eine Gegenreaktion“ dar zum heutigen Kunstmarkt. „Der ist immer großformatiger, immer dominanter, immer geldorientierter.“

Die Künstlerin spielt auf dem Kunstmarkt dagegen keine Rolle, erzielt bei Auktionen keine Höchstpreise. „Diese Kunst kann man ganz schlecht handeln“, sagt Pfeiffer lächelnd. Zum Beispiel die Performance „Sky Piece to Jesus“, die Ono in Frankfurt in der Rotunde der Schirn zeigen wird. Musiker der Jungen Deutschen Philharmonie werden nach und nach mit Mullbinden so umwickelt, dass ihre Musik buchstäblich erstickt.

Für die Kuratorin stellt die Jubilarin ein Idealbild dar. „Ich mag keine Künstler, die ungebrochen ihre eigene Großartigkeit feiern“, sagt sie. Ono demonstriere dagegen „Kunst, die auf Ideen beruht“.

Ein berührendes Video nach dem Tod Lennons

Immer wieder hat sie Autorität unterlaufen und vorgeführt. Schon 1971 galt eine ihrer Aktionen dem weltberühmten Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Ono drehte einen Film, in dem Passanten auf der Straße gefragt wurden, ob sie schon ihre große Einzelausstellung im MoMA gesehen hätten. Immer wieder antworteten die Menschen: Nein, aber sie hätten es noch vor. Natürlich gab es die Ausstellung überhaupt nicht. Das MoMA pflegte damals Frauen, vor allem aber Konzeptkünstlerinnen, weitgehend zu ignorieren.

Und was ist nun mit John Lennon? Ein eigener Raum in der Schirn wird Onos wichtigste filmische Arbeiten zeigen. Ein sehr berührendes Video ist auch dabei. Kurz nach der Ermordung Lennons sitzt Ono auf einer Bank im Central Park und wiederholt die Worte: „You are walking on thin ice – you have to pay the price“ („Du läufst auf dünnem Eis – du bezahlst dafür den Preis.“)

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