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World Club Dome in Frankfurt 120.000 Partygäste beim World Club Dome

Beim World Club Dome in Frankfurt kommen die Freunde des Techno und des engen Körperkontakts voll auf ihre Kosten. Die Stimmung ist riesig.

Gute Stimmung beim World Club Dome in Frankfurt. Foto: Rolf Oeser

Es gibt ja Menschen, die behaupten, Techno sei in Frankfurt erfunden worden, von dort in alle Welt gegangen, aber nie mehr zurückgekehrt. Kann schon sein. Klar ist aber auch: Die mehr als 120 000 Partygäste, die am Wochenende zum World Club Dome nach Frankfurt gekommen sind, sind da vermutlich ganz anderer Auffassung.

Der Dome, den man auch gerne WCD abkürzen darf, ist laut dem Internetlexikon Wikipedia „ein Musikfestival im Bereich der elektronischen Tanzmusik“, das nun mittlerweile das vierte Mal vom Radiosender Big-City-Beats in Frankfurt veranstaltet wird. Es ist zweifelsfrei eine Erfolgsgeschichte: Zum ersten Dome im Juni 2013 kamen bereits stattliche 25 000 Besucher. Seitdem hat die elektronische Tanzveranstaltung sich enorm gemausert.

Auch räumlich. So wurde bereits am Freitagabend am Flughafen die „Dorian Gray 2.0 Party“ gefeiert, DJ Robin Schulz legte zudem in einer waschechten fliegenden Boeing 747 auf. Um an Bord zu kommen, hatten sich etwa die Hörer eines lokalen Radiosenders so entwürdigenden Prozeduren wie Glatzeschneiden oder Wadentätowieren unterziehen müssen. Da könnte man sagen: Es sind Musikrichtungen bereits aus geringeren Anlässen für künstlerisch tot erklärt worden. Man sollte das vielleicht nicht so dogmatisch sehen. Aber man kann es ja doof finden.

Doof, sagte der Volksmund einst, bleibe doof, da hülfen auch keine Pillen. Aber da hatte der Volksmund auch noch nicht geahnt, was es dereinst mal für Pillen geben wird. Und jetzt die gute Nachricht: Der in den 90ern immer wieder zu hörende Elternbeschwichtigungsversuch, nicht alle Besucher eines Rave stünden bis zur Halskrause unter dem Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen, ist wohl mittlerweile nicht mehr zwangsläufig eine faustdicke Lüge. Zumindest an diesem Wochenende machen die meisten Gäste einen leidlich zurechnungsfähigen Eindruck.

Die Stimmung ist trotzdem riesig. Bereits am Freitag hatte der durch unzählige Werbespots einem auch nicht klubaffinen Publikum bekannte David Guetta die Massen begeistert, am Samstagabend ist es bei Steve Aoki nicht anders. Beide treten im Stadion selbst auf, wo die Freunde engen Körperkontakts auf ihre Kosten kommen.

Durch die Sperrung eines großen Teils der Tribüne herrscht in den geöffneten Bereichen eine ebenso erwünschte wie qualvolle Enge. Vor dem Eingang in den Innenraum stehen lange Schlangen, auf Rot geschaltete Ampeln und Hinweistafeln, dass das „Infield“ derzeit wegen Überfüllung geschlossen sei. Glatt gelogen, könnte man meinen, wenn man von oben auf das Infield guckt und noch etliche freie Stellen entdeckt. Aber Unmut kommt keiner auf, denn wie im Zen-Buddhismus ist auch hier der Weg das Ziel. Denn ob man nun in der Schlange oder im Infield steht: Der Nächste ist einem in beiden Fällen so nahe wie man selbst, die Stimmung gleichermaßen uffgedozzt und Humba-Humba-Humba-Hyper-Hyper macht’s hüben wie drüben. Wer nicht reinkommt, verpasst auf jeden Fall eine spektakuläre Video- und Lichtshow sowie die immer wiederkehrende Bitte des jeweils ansässigen DJs ans Publikum, ihm doch bitte die Hände zu zeigen.

Das kann man aber auch einfacher haben. Vor dem Stadion etwa steht eine etwas kleinere, aber ebenso laute Bühne, die rein ästhetisch aus Versatzstücken der vergangenen Dippemess zusammengebastelt scheint. Aber hier gibt’s Pyrotechnik satt und vor der Bühne auch noch ausreichend Platz, um nach Herzenslaune herumzuhüpfen. Hin und wieder landet auf der Nebenwiese ein Helikopter, um einen der knapp 200 dort auflegenden DJs und -Janes auszuspeien. Woher die Superstars so dringlich eingeflogen werden, bleibt unklar, aber es vermittelt den Zuschauen das Gefühl, einer ebenso wichtigen wie gnadenlos zeitgetakteten Veranstaltung beizuwohnen: gerade eben noch auf der Schaumparty in Idar-Oberstein und jetzt hier bei uns auf der Showbühne! Der Hubschrauber macht’s möglich.

Zielgruppengerechte Sprache

Auch die Domebeschicker befleißigen sich einer zielgruppengerechten Sprache. Der Food-Truck des „Burgermeisters“ etwa hat zur Feier des Wochenendes den „Club Dome Käse“ und „den Chilligen mit Käse“ ins Programm geholt. Nebenan verkaufen die Jungs und Mädels von „Affenfrittengeil“ Kartoffelstäbchen, ihr Credo: „Frittieren geht über Studieren!“ Ein Großteil des Publikums macht den Eindruck, als müsse man ihm so was nicht zweimal sagen.

Den „Chilligen“ mit Käse genießt man übrigens am besten im angrenzenden Stadionbad, das sich an diesem Wochenende als „Pool-Area“ anbietet. Die Musik ist hier etwas unaufdringlicher, die Stimmung chilliger, vor der Bühne haben alle ausreichend Luft zum Herumwackeln, und zumindest das Spaßbecken ist so dermaßen leer, wie man es an einem heißen Samstagnachmittag seit Jahren nicht mehr erlebt hat. Unweit der Bühne sitzt ein junger Mann gedankenverloren im Gras. Er trägt ein T-Shirt mit dem Konterfei des jungen Mick Jagger und der Aufschrift „It’s only Rock’n’Roll“. Vielleicht hat er ja recht.

Draußen vor der Tür zeigt es sich am Abend dann doch noch, dass manches doch noch so ist wie in der guten alten Zeit. Ein Amerikaner legt sich in einem ebenso grund- wie beispiellosen Anfall von Selbstüberschätzung mit fünf Security-Männern an, die sämtlich den Eindruck vermitteln, als hingen sie in ihrer Freizeit als Prospects beim transsinistrischen Charter der Nachtwölfe ab. Doch selbst die fünf starken Männer haben ihre Mühe, den wie entfesselt Kämpfenden niederzuringen und mit Kabelbindern zu bändigen. Das beweist: Offenbar gibt es gewisse Pillen nach wie vor, aber nach wie vor helfen sie nicht gegen Doofheit.

Aber trotz alledem: „Menschen aus über 50 Ländern kommen zusammen. Diese Veranstaltung ist eine Ehre für die Stadt“ (Wirtschaftsdezernent Markus Frank, CDU). Das dürfte zwar auf so ziemlich jede Großveranstaltung in Frankfurt zutreffen. Aber wir haben Techno schließlich erfunden und sollten ihn uns auch nicht einfach so von den Berlinern und Berlinerartigen klauen lassen. Und auch wer mit Namen wie Armin van Buuren, Dada Life, Dimitri Vegas & Like Mike, Don Diablo, The Disco Boys oder Sidney Spaeth wenig anfangen kann, dem sei der nächste Dome dennoch anempfohlen: Freier wird’s im Spaßbecken des Stadionbades nicht mehr.

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