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Wohnprojekte in Frankfurt Gemeinsam solidarisch leben

Die beiden Gruppen „Niddastern“ und „NiKa“ wollen in der Niddastraße/Karlstraße gemeinsam wohnen und leben. Was das für sie bedeutet, lesen Sie hier.

Die Häuser in der Niddastraße 57 und 59. Foto: christoph boeckheler

Noch liegt ein gewaltiger Weg vor ihnen. Das ist den beiden Gruppen, die sich „Nidda-stern“ und „NiKa“, was für Niddastraße/Karlstraße steht, nennen, sehr bewusst. Doch sie haben eine Chance, um die sie viele, die auch davon träumen, anders zu wohnen und gemeinschaftlich, ja vielleicht auch solidarisch zu leben, beneiden dürften. Die Stadt Frankfurt gibt ihnen die Möglichkeit, zwei aneinander angrenzende 50er-Jahre-Häuser im Bahnhofsviertel zu erwerben, sie für ihre Zwecke herzurichten und dauerhaft zu nutzen. Um das gemeinschaftliche Wohnen in der Stadt zu fördern, hat sie die früher gewerblich genutzten Gebäude an der Niddastraße bewusst nicht nach Höchstpreis, sondern dem besten Konzept vergeben. Und das hatten unter sechs eingereichten Vorschlägen nach Ansicht des Beirat des städtischen Liegenschaftsfonds „NiKa“ und „Niddastern“ zu bieten.

Die beiden Gruppen sind so unterschiedlich wie die Häuser, die sie bewohnen werden. Das mit einer Grundfläche von 2200 Quadratmetern sehr große Eckgebäude Niddastraße 57 ist dem Hausprojekt „NiKa“, der deutlich politischeren der beiden Initiativen, versprochen. Für viele aus dieser Gruppe ist es schon der dritte Anlauf, um sich ihren Wunsch, selbstverwaltet und solidarisch zusammenzuleben, erfüllen zu können. Als Teil der Projektgruppe Philosophicum versuchten sie, das Gebäude auf dem Bockenheimer Campus der Frankfurter Goethe-Universität zu erwerben. Die Wohnungsgesellschaft ABG aber veräußerte es stattdessen an einen Investor, der dort teure Apartments für Studierende schuf. Und auch der Kauf des früheren Offenbacher IHK-Gebäudes glückte nicht.

Nun sieht es doch noch nach einem Erfolg für die etwa 30-köpfige Gruppe im Alter von 0 bis 50 aus, die sich zum Ziel gesetzt hat, dauerhaft bezahlbaren und solidarischen Wohnraum zu schaffen. Klappt alles wie geplant, könnten etwas mehr als 40 Menschen im Frühjahr 2019 in das Eckhaus ziehen. Leben wollen sie in Großhaushalten, mehrere Bereiche gemeinschaftlich nutzen, etwa das Staffelgeschoss und die Dachterrasse. Das Erdgeschoss soll öffentlich zugänglich sein, könnte zum Beispiel ein soziales Projekt beherbergen. Die Mieten sollen so günstig wie möglich sein – und das auch dauerhaft bleiben.

Gemeinsame Werkstatt

Die Erleichterung, dass sie ihre Vorstellungen nun realisieren können, ist den Aktivisten deutlich anzumerken. Schon sehr lange treffen sie sich regelmäßig in Plenen, AGs, haben Projekte und Workshops organisiert. „Bisher war alles: Was wäre wenn? Nun können wir endlich ganz konkret planen“, sagt Jessica Sehrt, die sich auch als Künstlerin mit dem Thema Wohnen und Arbeiten auseinandersetzt.

Auch die zweite, bisher nur vierköpfige Gruppe, will mehrere Flächen im ihnen versprochenen, sehr viel kleineren Haus, Niddastraße 59, gemeinsam nutzen. Im Erdgeschoss werden die Bewohner, die bisher alle um die 40 Jahre alt sind, zusammen kochen; eine Gemeinschaftswerkstatt könnte eingerichtet werden, das Haus auch für Veranstaltungen dienen.

Wie wollen wir wohnen, wie leben, wenn wir älter sind? Über solche Fragen haben auch die Mitglieder von „Niddastern“ oft gesprochen. Den Ausschlag, sich zu bewerben, gab aber das angebotene Gebäude. Das einst von einem Pelzhändler genutzte schmale Haus mit den großen Fensterflächen hatte es Melanie Bareuther und Tanja Nopens, zwei Architektinnen, schon länger angetan. Die Fassade sei sehr speziell, sagt Nopens – industriell, aber zugleich filigran und elegant. Umso wichtiger ist es ihnen, das Haus in seiner Identität und Optik zu erhalten, auch um zu zeigen, dass man solch ein 50er-Jahre-Bürogebäude nicht abreißen muss, sondern als Wohnraum nutzen kann.

Lage sekundär

Die Umgebung, die Nähe zu Rotlicht und Fixerstuben schreckt sie nicht. Beide haben schon Projekte im Bahnhofsviertel realisiert. Es sei immer noch der vielfältigste aller Frankfurter Stadtteile, sagt Nopens. Die Lage sei sekundär gewesen, sagt Sehrt von der Gruppe NiKa. Ideal sei das Objekt, weil es so groß sei, genug Platz für die Gruppe biete.

Viel Arbeit liegt für beide Initiativen noch vor dem Einzug, größere Hürden sind zu nehmen. Bareuther spricht von einem „Dschungel“, der vor ihnen liege. Das eine ist die planerische Seite. Noch dieses Jahr will Architekt Hendrik Schoop den Bauantrag einreichen, Mitte kommenden Jahres könnten die Arbeiten dann beginnen.

Das andere ist die Finanzierung: Die Stadt will ihnen die Immobilien per Erbpacht zur Verfügung stellen. Für das kleinere Grundstück, auf dem Haus 59 steht, werden jährlich knapp 6300 Euro Pachtzins zu berappen sein, für das Gebäude selbst hat die kommunale Wertermittlung einen Übernahmebetrag von 393 000 Euro angesetzt. Für Niddastraße 57 haben die unabhängigen Gutachter einen Erbauzins von gut 13 000 Euro und einen Übernahmebetrag von 926 000 Euro vorgeschlagen. Dazu kommen beträchtliche Umbaukosten. Architekt Schoop nennt das Eckhaus einen „Rohbau mit Ärger“. Alles müsse zunächst entkernt werden; die Arbeiten könnten sehr teuer werden, sagt er.

Zumindest die „NiKa“-Gruppe hat sich längst eingehend mit der Finanzierung ihres Traums befasst. Sie will das Gebäude mit dem Mietshäusersyndikat, einem selbstorganisierten Zusammenschluss von Hausprojekten, erwerben. Das Eigenkapital wollen sie über Kleinkredite bei Privatleuten einsammeln, und sich den Rest bei der Genossenschaftsbank GLS leihen. Einige Zusagen für Kleinkredite haben sie bereits.

Mehr zur Projektgruppe „NiKa“ und der Möglichkeit, ihr Direktkredite zu gewähren unter www.nika.haus.

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