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Wohnen in Frankfurt „Wer Urbanität will, akzeptiert Lärm“

Der Frankfurter Humangeograph Sebastian Schipper lobt den Versuch, lebendigere Quartiere zu schaffen und sieht Lärm nicht als großes Problem. Wichtig sei es aber, dass nicht nur Wohlhabende in neuen Viertel Wohnungen finden.

Humangeograph Sebastian Schipper. Foto: christoph boeckheler*

Sebastian Schipper (34) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Humangeographie der Frankfurter Goethe- Universität. Nach seiner Promotion zum Thema „Genealogie und Gegenwart der ‚unternehmerischen Stadt‘. Neoliberales Regieren in Frankfurt am Main, 1960-2010“ war er zunächst am Institut für Europäische Urbanistik der Bauhaus-Universität Weimar tätig.

Herr Schipper, geht es nach der Bundesregierung, können Kommunen künftig urbane Gebiete ausweisen, in denen es ein Miteinander von Wohnen und Arbeiten geben soll. Ist das ein Schritt zu einer lebendigeren Stadt?
Das sicherlich. Die neue Kategorie ermöglicht oder erleichtert den Bau von Wohnungen im verdichteten Kerngebiet der Stadt sowie in Gewerbegebieten und führt so auch zu mehr Nutzungsmischung.

In der Bürostadt Niederrad werden bald auch Tausende Menschen wohnen. Auch in anderen früher ausschließlich gewerblich genutzten Arealen in Frankfurt könnten künftig leichter Wohnungen entstehen.
Das hilft, dem Wohnungsmangel zu begegnen. Wenn so etwa Brachen in Gewerbegebieten bebaut werden, müssen zudem weniger Flächen zum Beispiel im Außenbereich der Stadt versiegelt werden.

Lässt sich denn aber auch Urbanität schaffen per Baunutzungsverordnung?
Das ist schwierig. Wenn man Urbanität mit Adorno versteht als die Möglichkeit, ohne Angst verschieden sein zu können, ist das etwas, was man sicherlich nicht einfach baulich herstellen kann. Urbanität lässt sich nicht verordnen. Aber es ist möglich, etwa durch eine stärkere Mischung und eine höhere Flexibilität zum Beispiel beim Lärmschutz Bedingungen dafür zu schaffen, dass Gebiete entstehen, die eher eine urbane Qualität haben als andere Areale.

Ist es möglich, auch in Neubaugebieten auf innerstädtischen Brachen oder gar auf dem Acker Urbanität herzustellen? Etwa im sogenannten Innovationsquartier in Frankfurt?
Dort würde die Ausweisung als urbanes Gebiet womöglich dazu führen, dass der Anteil an Wohnungen sinkt, weil mehr Gewerbe entstehen könnte. Wenn das Ziel in erster Linie ist, mehr Wohnraum zu schaffen, wäre das also kontraproduktiv. Das Hauptproblem, das Urbanität verhindert, ist letztlich auch meist weniger städtebaurechtlicher Art, sondern eines der Preisstruktur.

Wieso?
Wenn man die Flächen in einem Neubaugebiet zum Höchstgebot an Investoren verkauft, entstehen dort in der Regel sehr homogene, sich an Wohlhabende richtende Viertel. So etwas wie Urbanität lässt sich eher fördern, wenn man etwa über städtebauliche Verträge höhere Quoten für sozialen Wohnungsbau festschreibt und einen Teil der Flächen nach dem besten Konzept zu einem Festpreis an gemeinschaftliche und genossenschaftliche Wohnprojekte vergibt. Man sollte vermeiden, dass wieder Viertel wie der Riedberg oder das Europaviertel entstehen. Denn sie werden von vielen als nicht urban – weil sozial sehr homogen – wahrgenommen.

In urbanen Gebieten soll es möglich sein, Grundstücke deutlich dichter und höher als in Mischgebieten oder Wohngebieten zu bebauen. Es soll lauter sein dürfen. Das dürfte auf Widerstand treffen.
Wenn man in einem reinen Wohngebiet mehr Lärmbelastung zulässt, ist das problematisch. Wenn aber in Gewerbegebieten oder Kerngebieten der Innenstädte nun neue Wohnungen entstehen und sich Haushalte überlegen können, ob sie da einziehen, finde ich das unproblematisch. Denn wer Urbanität will, das Lebendige, ist eher bereit, auch Lärm zu akzeptieren. Es gibt allerdings das etwas paradoxe Phänomen, dass Haushalte der gehobenen Mittelschicht auf der Suche nach Urbanität bewusst in bestimmte vermeintlich hippe Viertel ziehen, sich dann aber daran stören, dass die Kneipe im Erdgeschoss zu viel Lärm macht.

Oft heißt es, ein Viertel brauche eine gewisse Dichte, damit dort Läden, Kneipen und Cafés, also Angebote für die Menschen entstehen.
Das ist sicherlich richtig.

Gleichzeitig stößt die Nachverdichtung von Siedlungen häufig auf Protest.
Ein Grund ist, dass viele Leute zu Recht davon ausgehen, dass in ihren Gebieten durch die Nachverdichtung fast ausschließlich gehobener Wohnraum entsteht und dann die Mieten weiter steigen. Viele würden eine Einschränkung ihrer Lebensqualität durch Baulärm und schrumpfende Freiflächen akzeptieren, wenn dort wenigstens bezahlbarer Wohnraum gebaut würde.

Interview: Christoph Manus

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