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Wohnen in Frankfurt Leben am Gefahrenherd

Die Stadt und die Unternehmen in den Industrieparks haben sich auf eine Abstandszone von 500 Metern rund um die drei Areale verständigt. Damit entfällt eine Hürde für neuen Wohnungsbau.

Parkstadt Unterliederbach
Die Parkstadt Unterliederbach in der Nähe des Industrieparks Höchst soll nun noch kräftig wachsen können. Foto: Rolf Oeser

Nach mehr als vier Jahre dauernden Verhandlungen haben die Stadt Frankfurt und die Betreiber und Nutzer der Industrieparks Höchst, Griesheim und Fechenheim eine Lösung gefunden, die der Industrie Entwicklungsmöglichkeiten lässt, zugleich aber den Bau neuer Wohnungen im Umfeld der Chemiefabriken erlauben soll. Nun können, wie Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) am Montag herausstellte, Planungen für Wohngebiete mit zusammen gut 3000 Wohnungen im Frankfurter Westen fortgesetzt werden. Derzeit liegen diese wegen der nicht geklärten Frage der „Achtungsabstände“ zu Produktionsstätten gefährlicher Stoffe, also der sogenannten Seveso-III-Problematik, auf Eis. Feldmann bezeichnete die Vereinbarung zugleich als ein Bekenntnis der Stadt zur Industrie, die nun Planungssicherheit habe. Regierungspräsidium und Land begrüßten die Regelung, hieß es.

Nach den am Montag unterschriebenen Verträgen für die drei Industrieparks gilt vom jeweiligen Zaun gerechnet künftig jeweils eine Abstandszone von 500 Metern. Die Stadt verzichtet darauf, das Areal innerhalb dieser Zone zu beplanen. Sie wird auch keine Gebäude für größere Gruppen von Menschen in diesem Gebiet mehr genehmigen, also etwa Wohnkomplexe, Schulen oder auch Altersheime.

Im Gegenzug gehen die Unternehmen nicht länger grundsätzlich dagegen vor, wenn die Stadt zum Beispiel ein neues Wohngebiet in dem Bereich entwickeln will, der außerhalb des 500-Meter-Radius, aber innerhalb des sogenannten Achtungsabstands um die Fabriken herum liegt. Dieser beträgt etwa für den Industriepark Höchst bis zu 1000 Meter – von dortigen gefährlichen Produktionsstätten aus gerechnet. Innerhalb der so definierten Zonen sollen besondere Schutzauflagen gelten, Alarmierungs- und Evakuierungssysteme eingerichtet werden. Die Unternehmen in den Industrieparks verpflichten sich überdies, neue Störfallbetriebe, also Unternehmensteile, die mit gefährlichen Stoffen arbeiten, möglichst eher im Zentrum des Geländes zu platzieren.

Der Vorschlag, einen Radius von 500 Metern zu ziehen, war von der Industrie gekommen. Schon diesen Abstand halten die Vetragspartner für groß genug, dass es nicht zu schädlichen Umwelteinwirkungen kommt und schwere Unfälle mit lebensbedrohlichen Folgen ausgeschlossen werden können.

Die nun getroffene Vereinbarung biete eine gute Grundlage, um Entwicklungsmöglichkeiten für die Standorte und die dort tätigen Unternehmen zu erhalten, aber gleichzeitig eine vertretbare städtebauliche Entwicklung im Umfeld der Chemiestandorte zu ermöglichen, sagte Jürgen Vormann, Vorsitzender der Geschäftsführung des Industrieparkbetreibers Infraserv Höchst. Ziel sei es gewesen, eine rechtssichere Lösung zu finden, die den Unternehmen wie der Stadt mehr Planungssicherheit bringt. Die erzielte Einigung werde eine Signalwirkung auf andere Industrieparks in Deutschland haben, sagte der Vorsitzende des Industrieausschusses der Frankfurter Industrie- und Handelskammer.

Planungsdezernent Mike Josef (SPD) sprach von einer Entscheidung mit großer Tragweite und einer Win-win-Situation. Endlich gebe es Planungssicherheit. Nun könne die Arbeit an Bebauungsplänen für Frankfurts Westen, die wegen der ungeklärten Abstandsfrage zurückgestellt wurden, wieder aufgenommen werden.

Als Beispiel nannte er die Pläne für die Parkstadt Unterliederbach und das frühere VGF-Areal zwischen Palleskestraße und Gleisen in Höchst. Auf Fragen hin erwähnte Josef auch die möglichen Wohnbaugebiete, die in Sindlingen entstehen könnten. Nach dem Wohnbauland-Entwicklungsprogramm der Stadt gibt es allein westlich und südlich der dortigen Ferdinand-Hofmann-Siedlung ein Potenzial für 2000 Wohnungen.

Mit den Einschränkungen für die Stadt innerhalb der 500-Meter-Zone könne er gut leben, macht Josef klar. Denn dort hätte es nach seiner Darstellung ohnehin keine größeren Entwicklungsmöglichkeiten mehr für Wohnungsbau gegeben.

Auch Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) äußerte sich am Montag hochzufrieden. Noch vor wenigen Jahren sei die Frage diskutiert worden, ob Industrie überhaupt noch zu einer Stadt wie Frankfurt passe. Von der nun getroffenen Entscheidung gehe das Signal aus: „Frankfurt am Main ist eine Stadt der Industrie.“ Diese habe hier eine große Zukunft. Die Stadt verzichte mit der Einigung auf viel Platz, halte dafür aber die Balance zwischen den Interessen des Wohnungsbaus und der Wirtschaft. So weh es tue, auf Wohnungen oder Kitas zu verzichten, so wichtig sei es zugleich, dass die Unternehmen nun die Sicherheit haben, am Standort investieren zu können.

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