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Wohnen in Frankfurt "Jeder kann Wohnraum finden"

Frank Junker, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG Frankfurt Holding, spricht im FR-Interview über den sozialen Auftrag der ABG, kostspielige Neubauten und das Philosophicum, das wirtschaftlich sein muss.

Frank Junker (li.) und Oberbürgermeister Peter Feldmann vor dem Neubau am Kulturcampus Bockenheim. Foto: Peter Jülich

Herr Junker, wie würden Sie die Kernaufgabe der ABG beschreiben?

Die Kernaufgabe der ABG ist es, Wohnraum für alle Bevölkerungsschichten anzubieten. Vom Sozialhilfeempfänger bis zum Generaldirektor soll und kann jeder bei der ABG Wohnraum finden. Die ABG hat auch den Auftrag neuen Wohnraum zu schaffen. In unserem Neubauprogramm planen wir bis 2017/2018 gut 4000 Wohnungen. Wenn wir Wohnraum schaffen, dann immer in einer sozialverträglichen Mischung. Im Mittel sind 30 Prozent geförderter Wohnungsbau erforderlich. Und unsere 50 000 Bestandswohnungen werden maximal zur Mietspiegelhöhe vermietet.

Das heißt, die ABG hat auch explizit einen sozialen Auftrag?

Die ABG ist auf der einen Seite ein Wirtschaftsunternehmen, das heißt, wenn wir etwas machen, müssen wir damit Geld verdienen. Auf der anderen Seite hat die ABG aber auch einen sozialen Auftrag und dem kommt sie nach. Dazu gehört auch, dass wir der Stadt Belegungsrechte andienen für Wohnungen, die nicht der Sozialbindung unterliegen. Und wir bieten in fast allen unseren Quartieren Siedlungsservice für ältere Menschen an. Wir wollen, dass jemand, der eine Heimat hat in einem Quartier, dort bleiben kann, so lange es geht.

Auch die ABG erhöht aber anhand des umstrittenen Mietspiegels ihre Kaltmieten, sodass manche Menschen ihre Wohnungen nach vielen Jahren verlassen müssen...

Das sehe ich nicht so. Die Durchschnitts-Nettokaltmiete für eine ABG-Wohnung, die nicht der Sozialbindung unterliegt, liegt bei 7,67 Euro. Das ist ein sozialverträglicher Preis, finde ich. Mieterhöhungen tun jedem weh, keiner hat die gern, aber wenn wir 4000 Wohnungen bauen wollen, muss irgendwo das Geld herkommen und das geht eben nur dadurch, dass man die Mieten anpasst, allerdings moderat. Bei uns ist der Deckel die ortsübliche Vergleichsmiete und selbst die nehmen wir in vielen Fällen gar nicht in Anspruch, weil wir sagen, in großen Teilen der Innenstadt, in Sachsenhausen oder Bockenheim ist es nicht gerechtfertigt, die Lagezuschläge aus dem Mietspiegel voll auszuschöpfen.

Einige Frankfurter Quartiere sind von Gentrifizierung betroffen. Wie versuchen Sie der Entwicklung entgegenzuwirken, dass Menschen es sich nicht mehr leisten können, im Stadtkern oder überhaupt in der Stadt zu wohnen?

Wenn wir vieles machen, eines machen wir nicht: wir verkaufen keine Wohnungen aus dem Bestand. Damit sind wir gerade in Quartieren wie dem Gallus ein Garant dafür, dass es dort nicht zu Gentrifizierung kommt.

Hitzig debattiert wird aktuell die Zukunft des Philosophicums auf dem Kulturcampus. Wäre das Vorhaben der Projektgruppe Philosophicum nicht eher im Sinne Ihres Mottos „Wohnen für alle“ gewesen, als nun womöglich auf das Angebot des meistbietenden Investors zu setzen?

Es hat nichts mit der Attraktivität des Angebots zu tun, sondern damit, dass wir nicht unterhalb des Verkehrswerts Grundstücke verkaufen können. Wir haben immer gesagt, wir können niemanden und nichts subventionieren. Ich finde das Projekt fürs Philosophicum gut, das hat seinen Charme, aber es muss wirtschaftlich sein und da sind wir im Moment noch ein Stück auseinander.

Hätte man sich den langen Prozess der Bürgerbeteiligung dann nicht sparen können?

Nein, das sehe ich völlig anders. Wir haben von Anfang an gesagt und das ist auch von der Koalition so festgelegt: 15 Prozent der Flächen sollen für gemeinschaftliches oder genossenschaftliches Wohnen vorgesehen sein. Auf unsere Ausschreibung haben sich 21 Initiativen beworben, das wird demnächst ausgewertet und dann entscheidet ein Preisgericht darüber, wer berücksichtigt wird.

Sind Neubauten in der Art und Weise, wie die ABG sie plant – nach Passivhausstandard – vielleicht ein zu kostspieliges Modell um dem „Wohnen für alle“-Anspruch gerecht werden zu können?

Die Entscheidung, Passivhäuser zu bauen, ist und bleibt richtig. Wir alle müssen einen nachhaltigen Beitrag zum Klimaschutz leisten und die Nebenkosten in den Griff bekommen. Und das, was wir heute schon machen, schreibt die Europäische Union verbindlich ab 2020 ohnehin vor. Zudem bauen wir Passivhäuser in allen Lagen und Preisklassen, weil die Mehrkosten für ein Passivhaus derart gering sind, dass das kaum ins Gewicht fällt. Wenn wir Neubauten vermieten für 11,50 oder 12 Euro den Quadratmeter, dann reizen wir den Markt nicht aus. Aber drunter geht es leider nicht, weil Grund und Boden rar und teuer ist und Baukosten das ihre dazu beitragen.

Was sind denn die Alternativen zum raren Bauland in der Stadt, wie lässt sich aus Sicht der ABG das Wohnungsproblem in der Stadt nachhaltig lösen?

Es lässt sich nur dadurch lösen, dass mehr Wohnraum geschaffen wird. Da ist der Planungsdezernent ja schon unterwegs und weist eine Reihe von Neubaugebieten aus. Er wird dafür von dem ein oder anderen auch gescholten, aber das ist normal: jeder hätte gerne den freien Blick auf den Taunus oder den Main. Es geht aber nicht anders: Wir müssen abwägen, ob das Eigeninteresse des Einzelnen höherwertig ist als die Interessenslage, neuen Wohnraum zu schaffen. Und das, was an Wohnraum benötigt wird, wird man in Frankfurt so schnell nicht schaffen können. Deswegen sagen wir auch, Wohnen ist eine Aufgabe der Region, Wohnen macht nicht an der Stadtgrenze halt.

Es gibt in Ihren Augen also kein „Recht auf Stadt“, sondern höchstens ein Recht auf Region?

Ja, das würde ich so sehen. Die Berliner lachen doch über die geringen Entfernungen hier. Wenn Sie in Offenbach wohnen oder selbst in Friedberg, mit bestem ÖPNV-Anschluss, dann würde ich nicht sagen, dass man ein „Recht auf Stadt“ hat und das heißt nur Innenstadt, sondern das geht eben auch in anderen Lagen.

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