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Stadtentwicklung Neuer Wohnraum soll entstehen

Martin Hunscher, neuer Leiter des Frankfurter Stadtplanungsamts, muss Raum für Zehntausende Neu-Frankfurter schaffen.

Der neue Amtsleiter, Nachfolger von Dieter von Lüpke, beim Interview in seinem Büro. Foto: Andreas Arnold

Herr Hunscher, Sie werden sich in den nächsten Jahren mit dem Wachstum der Stadt beschäftigen müssen und der daraus resultierenden Verdichtung. Was sagen Sie den Menschen, die vor Ort um ihr Grün kämpfen, für ihren Garten, gegen neue Wohnhäuser?
Ich weise auf die Notwendigkeit hin, dass die Stadt Frankfurt am Main wachsen muss. Und ich bin überzeugt davon, dass an dem Ort, der ein hervorragender Arbeitsort ist, auch gewohnt werden muss. Also in Frankfurt. Aber es ist keineswegs so, dass Stadtplaner zwanghaft alle Grünflächen bebauen möchten. Im Gegenteil: Wir wollen möglichst viel Grün erhalten. Gebaute Räume und Freiflächen sind keine Gegenspieler und sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie sind in der Großstadt als ein Gefüge zu verstehen, das jeweils ohne den anderen Partner nicht funktioniert.

Aber die Interessen prallen hart aufeinander: Bäume werden gefällt und Streuobstwiesen geopfert, damit Wohnungen gebaut werden können.
Als Einzelfall ist in der Vergangenheit möglicherweise auch eine Streuobstwiese – trotz besonderer naturräumlicher Bedeutung – bebaut worden, aber letztlich ist das jeweils ein planerischer Abwägungsprozess. Die Versorgung mit Wohnraum ist derzeit ein hohes Gut. Aber es geht nicht nur darum, möglichst viele Wohnungen zu bauen, sondern qualitätsvolles Wohnen zu ermöglichen.

Es gibt schon Beispiele dafür, dass Streuobstwiesen bebaut werden.
Es ist ein Abwägungsprozess. Die Versorgung mit Wohnraum ist ein hohes Gut. Aber es geht nicht einfach darum, viele Wohnungen zu bauen, sondern qualitätsvolles Wohnen zu ermöglichen.

Doch die Stadt hat sich ziemlich festgelegt, die Verdichtung marschiert: In Seckbach ist es ein grüner Innenbereich, der für neues Wohnen geopfert wird, in Sachsenhausen will die katholische Kirche einen wunderbaren Garten bebauen. Das macht uns ratlos. Denn die Interessen der Anwohner, ihre grüne Lunge zu erhalten, sind nachvollziehbar.
Die angesprochenen Projekte sind wie alle anderen auch planungsrechtlich zu prüfen, Hieraus ergibt sich im Zweifelsfall ein Genehmigungsanspruch. Aktuell müssen wir aber abwägen, ob wir viele kleine Verdichtungen im Bestand tolerieren oder aber einen großflächigen Eingriff in zusammenhängende Grünflächen präferieren wollen.

Und Sie sagen: Lieber viele kleine Flächen opfern?
Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, mehr Dichte zu wagen – oder, wie es die Hamburger Kollegen formulieren „Mehr Stadt in der Stadt“. Dadurch können wir zusammenhängende Freiräume schonen. Parallel müssen wir allerdings auch die Bebauung großer Flächen prüfen. Dazu wird die Arbeit an dem integrierten Stadtentwicklungskonzept für ganz Frankfurt weiterhelfen.

Muss man nicht die Menschen mehr mitnehmen, mehr Überzeugungsarbeit leisten? Müssen Sie nicht mehr vor Ort sein?
Das ist eine ganz wichtige Frage. Stadtplanung darf ihre Bürger nicht verlieren und darf sich nicht von der Gesellschaft entfernen. In den vergangenen Jahren hat das Stadtplanungsamt daher im Bereich der Bürgerbeteiligung neue Wege beschritten – und wir waren mehr denn je vor Ort. Diesen Weg des öffentlichen Diskurses müssen wir weiter ausbauen. Nacharbeiten müssen wir vielleicht bei den Informationswegen und den Informationsmedien.

Das heißt: im Internet?
Möglicherweise ja. Der Internet-Auftritt des Stadtplanungsamtes ist zwar als hervorragendes Auskunftssystem ausgezeichnet worden, aber er ist doch primär fachlich geprägt.

Muss er verständlicher werden?
So ist es. Mein Wunsch ist ein niedrigschwelliges Informationsangebot für alle an Stadtentwicklung interessierten Menschen zu entwickeln.

Überall dort, wo Bau- und Planungsvorhaben für Diskussionen sorgen, müsste das Amt präsent sein.
Das wäre, im positiven wie im negativen Sinne, fast flächendeckend in der Stadt erforderlich – und leider personell in keiner Weise darstellbar. Wir müssen uns auf die wesentlichen Projekte konzentrieren und die Menschen vor Ort frühzeitig abholen.

Es gibt einen konkreten Vorschlag des Oberbürgermeisters und der SPD für einen neuen Stadtteil zwischen Nieder-Eschbach und Nieder-Erlenbach. Den werden Sie aber nicht weiterverfolgen?
Dafür hat das Stadtplanungsamt derzeit keinen Auftrag. Der vorgeschlagene Standort ist für unser Haus dennoch nicht neu. Der Pfingstberg, so heißt er, wurde schon Anfang der 90er Jahre planerisch geprüft, dann aber aufgrund seiner strukturellen Schwächen zugunsten des neuen Stadtteils Riedberg zurückgestellt. Die Flächen, die wir derzeit im Wohnbauland-Entwicklungsplan mit Priorität bearbeiten und die als Reserve früherer Planungen noch zur Verfügung stehen, bieten Raum für 40.000 Wohnungen. Das mag für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre als Baulandreserve genügen. Dennoch werden wir Flächen wie den Pfingstberg im Rahmen der Erarbeitung unseres integrierten Stadtentwicklungskonzeptes prüfen müssen, um für die Zukunft gerüstet zu sein..

Auf der anderen Seite stehen unheimlich viele Wohnungen in Frankfurt leer, die gerade neu gebaut wurden. Etwa die Neubauten der Patrizia im Westend oder die Westend Suites an der Bockenheimer Landstraße. Zu teuer, sagte Ihr Vorgänger Dieter von Lüpke. An diesen Leerstand müsste man ran, bevor man einen neuen Stadtteil baut.
Das Phänomen, das Sie da beschreiben, ist kein flächendeckendes Problem. Es gibt bei Wohnungen in diesem Preissegment offenbar einen ähnlich langen Vermarktungsprozess wie bei Büroflächen in Premiumlagen. Meines Erachtens belasten Beispiele wie etwa das Bauvorhabender Patrizia andere Probleme: Es sind zu viele gleichartig gestaltete Wohnungen im teuren Premiumsegment geplant worden. Die Menschen aber, die derart viel in ihre Wohnung investieren möchten, suchen Individualität.

Das gilt doch auch für die Wohnhochhäuser, die in Frankfurt geplant sind. Die Wohnungen werden alle teuer angeboten und gleichen sich untereinander.
Nicht unbedingt. Die Wohnungen in den oberen Etagen sind selbstverständlich privilegiert und im oberen Preissegment angesiedelt. Aber wo liegt der Vorteil einer Wohnung in der sechsten Etage eines Hochhauses, in der Sie keine besondere Aussicht genießen, gegenüber einer üblichen Wohnbebauung? Dort würden Sie das Penthouse-Geschoss bewohnen.

Die Wohnungen in den neuen Hochhäusern sind Spekulationsobjekte. Da wird Geld angelegt. Es wird aber dort nicht unbedingt gewohnt.
Diese These ist mir neu und meines Erachtens nicht belegbar. Denn die neuen Wohnhochhäuser für Frankfurt sind doch derzeit erst im Bau oder in Vorbereitung.

Von den neuen Palazzi-Wohnungen auf dem Main Tor-Areal wurde ein großer Teil zur Geldanlage gekauft.
Das mag so sein. Und möglicherweise sind diese Wohnungen im Einzelfall auch tatsächlich Zweit-, Dritt- oder Vielfach-Wohnsitz. Aber die persönlichen Verhaltensweisen von Wohnungskäufern können Sie mit dem Planungsrecht nicht beeinflussen. Da müssten Sie zu ordnungspolitischen Maßnahmen greifen: Manche Kommunen erheben eine Zweitwohnungssteuer.

Der Luxus-Leerstand ist ein großes soziales Problem: Alle, die eine erschwingliche Wohnung suchen, fühlen sich provoziert.
Da bin ich bei Ihnen: Wohnungspolitisch sollte man gegen Leerstand jeglicher Art vorgehen. Da sind die Zweckentfremdungsverfolgung und damit der Landesgesetzgeber gefordert. Sollte es aber im Premiumsegment ein Überangebot geben, so wird der Markt das relativ schnell regulieren. Die Projektentwickler werden merken, dass sich dieses Segment nicht in großen Mengen verkaufen lässt und werden dieses nicht mehr offensiv entwickeln. Lassen Sie mich aber klarstellen, dass dieses Wohnungssegment nur einen Bruchteil aller neu gebauten Wohnungen darstellt. Überwiegend entstehen in Frankfurt ganz durchschnittliche Wohnungen.

Es entstehen überall Luxus-Inseln: Denken Sie an das Henninger-Hochhaus, den Tower 2 im Europaviertel, das Onyx-Hochhaus im Westend.
Das sind mitnichten Luxus-Inseln. Die angesprochenen Hochhäuser entstehen in ganz durchschnittlichen Quartieren mit jeweils unterschiedlichen Qualitäten, bilden aber jeweils das Spitzenprodukt im Wohnungsbau ab. Allerdings können wir derzeit noch gar nicht abschätzen, wie groß die Bereitschaft der Menschen ist, in einem modernen Hochhaus zu leben.

Die Stadt hat jetzt sieben neue Milieuschutzsatzungen angekündigt. Kann damit auch die laufende Entmietung gestoppt werden, etwa im Haus Rüsterstraße 15 im Westend? Da ist nur noch eine Mietpartei übrig.
Die Entwicklungen der Vergangenheit können neue Satzungen nicht mehr zurückholen, vor allem aber nicht die Aufstellungsbeschlüsse. In den sieben Gebieten müssen wir jetzt zunächst sozioökonomische Analysen anstellen, um möglicherweise schützenswerte Milieus identifizieren zu können.

Jede Satzung ist doch nur so stark wie der Wille sie anzuwenden. Im Westend gibt es eine Milieuschutzsatzung seit 1991, aber die hat nichts bewirkt.
Das ist eine kühne Behauptung. Letztlich bleibt die Frage, welche Aufwertungsvorhaben die Satzung präventiv verhindert hat. Dazu gibt es keine Untersuchungen. Der Erfolg einer solchen Satzung ist auch keine Frage des fachlichen oder gar politischen Willens. Sie ist im Rahmen der hoheitlichen Tätigkeit der Verwaltung anzuwenden. Die Satzung greift allerdings erst bei der Frage der Ausstattung der jeweiligen Wohnung, und zwar zu dem Zeitpunkt, zu dem bereits ein konkreter Bauantrag vorliegt. Das ist das Problem. Was Frankfurt benötigt, ist eine Landesverordnung, die die Aufteilung eines Mietshauses in Einzeleigentum, sprich in Eigentumswohnungen verhindert. Hier liegt das eigentliche Problem der Verdrängung angestammter Milieus.

Sind Sie da im Gespräch mit der Landesregierung?
Alle sind an der Landesregierung dran, der Oberbürgermeister, der Bürgermeister. Noch vor wenigen Jahren gab es das Instrument der Wohnraumzweckentfremdung, die die Wohnungsaufteilung unter Genehmigungsvorbehalt der Gemeinden gestellt hat. Das hat gut gegriffen. Leider hat sich das Land davon verabschiedet.

Seit einiger Zeit veranstaltet die Stadt Planungswerkstätten. Viele Menschen sind vom Ergebnis enttäuscht, Beispiel Kulturcampus in Bockenheim. Wie kann man verhindern, dass sich die Enttäuschung wiederholt?
Wir werden die Planungswerkstätten weiter veranstalten. Sie sind wichtig: Wir wollen die Menschen mitnehmen. Aber es ist unabdingbar, den parlamentarischen Bewegungsspielraum zu definieren. Die Ergebnisse in Bockenheim sind nicht enttäuschend. Es gab eine Konsensplanung, und die wird jetzt uneingeschränkt in Planungsrecht umgesetzt. Im nächsten Jahr gehen wir die Gestaltung des öffentlichen Raumes an, dann werden wir die Bürgerinnen und Bürger vor Ort – wie verabredet – wieder einbeziehen.

Man hat den Menschen nur verheimlicht, dass zum Bau der Kultureinrichtungen auf dem alten Campus das Geld fehlt.
Das ist zuvorderst kein stadtplanerisches Thema. Meines Erachtens fehlt dazu nicht das Geld, vielmehr sind die Prioritäten auf Landes- wie auf Kommunalebene derzeit anders ausgerichtet. Das belastet letztlich den planerischen Diskurs mit den Bürgerinnen und Bürgern. Allerdings ist es auch um die Kultureinrichtungen, die auf dem Campus ihre neue Heimat sahen, sehr still geworden. In den nächsten Jahren werden die Aktivitäten des Landes Hessen für den Bau der neuen Musikhochschule von besonderer Bedeutung für das neue Quartier sein. Erstaunlich ist, dass aufgrund der verlangsamten Verlagerung der Universität von Bockenheim auf den Campus Westend und auf den Riedberg möglicherweise neue Bürotürme, die auf dem geräumten AfE-Areal, die ersten Bauvorhaben auf dem früheren Universitätsareal sein könnten. Das wäre ein falsches Signal für die Bevölkerung vor Ort und für die Menschen, die sich in Planungswerkstätten für Wohnungsbau und für das Image des Projekts eingesetzt haben.

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