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Stadtentwicklung in Frankfurt „Wir brauchen eine Veränderungssperre“

Uli Baier, planungspolitischer Sprecher der Grünen im Römer, spricht im FR-Interview über die Zukunft des Frankfurter Zeitungsviertels. Er fordert eine Planungswerkstatt zu dem Thema.

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Noch verweist der Schriftzug auf die traditionsreiche Zeitung. Foto: Christoph Boeckheler

Herr Baier, Sie leben seit mehr als 40 Jahren im Gallus und haben die Entwicklung des Zeitungsviertels dort hautnah miterlebt. Welche Gefühle bewegen Sie, wenn nun dieses alte Zeitungsquartier, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden war, auseinanderfällt? 
Mit dem Zeitungsviertel sind für mich viele Erinnerungen der unterschiedlichsten Art verbunden. Zunächst einmal bin ich traurig. Die FAZ gehörte stets zu den Förderern, die das Gallus großzügig unterstützt haben. Die FAZ hat sich stets im Gewerbeverein Gallus engagiert und sich sehr für das Viertel interessiert. Zum zweiten sind da natürlich die Erinnerungen an die Studentenrevolte 1968 und die Auseinandersetzungen im Zeitungsviertel, als gegen die „Bild“-Zeitung demonstriert wurde. Und schließlich gab es den Kampf um die Wohnhäuser an der Günderrodestraße in den 80er Jahren, als die FAZ das Gelände dem Zeitungsviertel zuschlagen wollte. Das haben wir zum Glück verhindert. 

1968 hat die Societätsdruckerei im Gallus an der Frankenallee noch die „Bild“-Zeitung gedruckt, gegen die sich der Protest richtete wegen ihrer Hetze gegen Studenten. 
Damals gehörte ich zu den Demonstranten, ich war dabei. Wir haben mit Menschenketten den Eingang der Druckerei blockiert. Die Polizei ist mit Pferden in uns hineingeritten. 

Es gab große Druckerstreiks wie 1984 im Gallus, da hat der Verleger der „Frankfurter Neuen Presse“ versucht, Zeitungen mit dem   Hubschrauber vom blockierten Druckerei-Gelände ausfliegen zu lassen. 
Daran kann ich mich noch erinnern. Einer meiner Mitbewohner in der WG hat übrigens monatelang nachts für die FAZ europaweit die Zeitungen ausgefahren; um 23 Uhr hat er den Druck der Zeitungen abgewartet, und morgens um 8 Uhr kam er ganz erschöpft nach Hause.

Es gab eine Kneipe namens „Zeitungsente“, wo die Journalisten sich getroffen haben ...
... das ist vermutlich das heutige Bistro „Weinstein“ an der Frankenallee. Da kommen auch heute noch Journalisten hin. 

Dann kam der Kampf um die Günderrodestraße ...
... die FAZ wollte die Wohnhäuser dort dem Zeitungsgelände zuschlagen. Das waren sanierte, preiswerte Wohnhäuser, deswegen haben wir als Grüne diese Ende der 80er Jahre verteidigt. Und wir haben gegen die mächtige FAZ gewonnen, da bin ich heute noch stolz drauf. 

Wenn Sie heute sehen, dass dieses riesige Zeitungs-Grundstück der FAZ geräumt wird, was ist Ihr erster Gedanke? 
Mein erster Gedanke ist, dass der Planungsdezernent dringend eine Planungswerkstatt zu dem Thema einrichten sollte. Und zwar unmittelbar nach den Sommerferien. Ich kann mich auch nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass dieses riesige Gelände nur nach § 34 Baugesetzbuch bebaut wird, also nur nach dem Maßstab der umgebenden Bebauung. Für ein so großes Grundstück braucht es unbedingt einen Bebauungsplan. Die FAZ-Stiftung hat ja bereits einen Bieter-Wettbewerb begonnen. Da muss man verhindern, dass riesige Summen geboten werden und damit dann die Preise für Wohnungen auf dem Gelände durch die Decke schießen. Wir brauchen also eine Veränderungssperre für das Grundstück. Nur so können bezahlbare Wohnungen entstehen.

Das ist ja eine Top-Lage, zwischen Hauptbahnhof einerseits und Messe andererseits. 
Da können sich Top-Preise entwickeln. Deshalb sollte der Eigentümer das Grundstück nicht an den Meistbietenden vergeben, sondern an den Bieter mit dem besten Konzept. 

Sollten schwerpunktmäßig Wohnungen entstehen? 
Ich würde gerne noch eine Prüfung vornehmen lassen, ob nicht der Altbau der Societätsdruckerei an der Frankenallee doch Denkmalschutz verdient. Er steht ja heute nicht unter Schutz. Ich werde eine Prüfung für die nächste Sitzung des städtischen Denkmalbeirates anmelden. Ich würde mir für das Gelände insgesamt eine Mischung aus Wohnen und Gewerbe vorstellen. Diese Bebauung kann auch ruhig dicht werden. Ich halte an der Mainzer Landstraße zudem ein Fahrradparkhaus für sinnvoll. Der Fahrradverkehr nimmt immer mehr zu. Im Bereich der Mainzer Landstraße könnten Gewerbe und Künstler-Ateliers entstehen. Auch eine Fläche für eine Schule halte ich für nötig, weil es insgesamt einen großen Bedarf gibt. Die Wohnungen sollten zu mindestens 30 Prozent öffentlich gefördert sein. 

Derzeit herrscht im Gallus bei privaten Investoren ja schon eine Goldgräberstimmung, der Umbruch vom alten Industrieviertel zum modernen Dienstleistungsquartier lässt die Preise immer weiter steigen.
Ja, unverkennbar. Deshalb sollte die Stadt schnellstmöglich positiv wie negativ ihre Entwicklungsziele beschließen, nach einem Dialog mit der Bevölkerung in der Planungswerkstatt. Das wäre möglich noch vor Weihnachten, wenn der Planungsdezernent engagiert handelt. Es sollten die städtebaulichen Ziele für das alte Zeitungsquartier formuliert werden. Und dann sollte es einen Wettbewerb geben. Das neue Wohnviertel sollte auch eine ökologische Qualität besitzen. Das wäre ein gutes Erbe der Fazit-Stiftung nach ihren vielen Jahrzehnten hier im Gallus. 

 

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