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Sprengung Abschied vom AfE-Turm

Am 2. Februar wird das Uni-Gebäude an der Robert-Mayer-Straße gesprengt. Wir machen einen letzten Rundgang durch den entkernten AfE-Turm, erklären, wie die Sprengung abläuft, und zeigen, von wo aus die Frankfurter zuschauen können.

Am 2. Februar fällt der AfE-Turm - wenn alles klappt. Foto: Christoph Boeckheler

„,BRD, Bullenstaat, wir haben dich zum Kotzen satt“

(Spruch im Treppenhaus des AfE-Turms)

Das ist definitiv kein Ort für Menschen mit Höhenangst. Es weht ein eisiger Wind im 38. Stock des AfE-Turms. Genauer gesagt: Es weht ein eisiger Wind über die graue Betonfläche, die vom 38. Stock noch übrig geblieben ist. Fenster und Türen gibt es nicht mehr; wo einst die Seminarräume waren, lässt sich nur noch erahnen. Ein Geländer ist der einzige Schutz, um nicht 116 Meter in die Tiefe zu stürzen. Ein Ort zum Wohlfühlen war dieser Uni-Turm an der Robert-Mayer-Straße nie. Aber jetzt ist er ein fürchterlicher Ort. Eine Ruine, die am 2. Februar gesprengt wird.

Die Bauarbeiter im 38. Stock haben definitiv keine Höhenangst. Die meisten scheinen sich sogar über den Arbeitsplatz mit dem genialen Ausblick zu freuen. Ihr Job allerdings ist schmutzig. Sie müssen die Dachverkleidung zerkleinern. Kollegen, die noch eine Etage höher arbeiten, werfen ihnen die Teile zu. Die Stücke bestehen im wesentlichen aus Teer. Man darf sie nicht einfach mit dem Rest des Turms in die Luft sprengen. Das wäre eine große Umweltsauerei. „Wir werden den Stoff fachgerecht entsorgen“, sagt Jörg Voelkel. Er ist Bauleiter bei der Firma AWR, die sich auf Abbruch-Aufträge spezialisiert hat. Mit seinem Team muss er die Sprengung vorbereiten.

„Freiheit für Sonja Suder, Freiheit für alle politischen Gefangenen“

Keine zwei Wochen mehr, dann wird es den AfE-Turm nicht mehr geben. Um 10 Uhr wird ein erster Knall Bockenheim aus der Sonntagsruhe reißen. Das ist die Kollapssprengung. Sie wird dazu führen, dass die Außenfassade des grauen Riesen einstürzt. Etwa zwei Sekunden später wird es eine zweite Explosion geben. Die Faltungssprengung. Sie bringt das innere Gerüst des Turms zum Einsturz. Es wird zu Boden gehen wie ein Kartenhaus. Zurückbleiben wird Schutt in einer Höhe von zwölf bis 15 Metern. So zumindest ist es geplant. Und wer Bauleiter Voelkel zuhört, hat wenig Zweifel, dass es ganz genau so kommen wird. Die Sprengung des Uni-Turms ist ein generalstabsmäßig geplantes Unterfangen.

Interaktiv: Die Sprengung des AfE-Turms

Wie viele Studenten hier wohl Seminare besucht haben, seit der Turm 1972 fertiggestellt wurde? Die Zahl lässt sich nur erahnen. In den Räumen fanden rund 2500 Menschen Platz. Man könnte sich die Mühe machen, die Zahl der Politik-, Soziologie-, Pädagogik- und Psychologie-Studenten in den vergangenen 42 Jahren zu ermitteln. Man käme auf etwa 50 000. Doch in Wahrheit machten viel mehr Leute mit dem Stahlbetongebäude im Brutalismus-Baustil Bekanntschaft. Immer wieder lagerten andere Fachbereiche Lehrveranstaltungen in den Turm aus. Sogar die Juristen und Wirtschaftswissenschaften. Die Studenten dieser Fakultäten, von denen viele gerne Barbour-Jacken und manche auch Anzüge tragen, fanden es in dem Haus immer ganz fürchterlich.

„Uni-Präsident Müller-Esterl, du hast mein Studium zerstört“

Denn der Turm war dreckig. Der Putz bröckelte von den Wänden. Es gab kaum einen Quadratzentimeter Wand mehr, der nicht beschmiert war. Im Turm-Café im Erdgeschoss standen Möbel, die vom Sperrmüll stammten. Die Aufzüge waren ständig kaputt. Und im Jahr 2000 wurden die Stockwerke 11 bis 38 kurzerhand von der Feuerwehr für Lehrveranstaltungen gesperrt. Der Brandschutz war nicht mehr gewährleistet. Erst nach einer größeren Modernisierung für rund eine Million D-Mark konnte in den oberen Etagen wieder studiert werden.

Karte: So nah kommt man dem AfE-Turm


Doch konservative Studenten störten sich nicht nur an dem ganzen Siff. Vor allem war ihnen die politische Gesinnung der Kernnutzer aus den gesellschaftswissenschaftlichen Fachbereichen fremd. Die Sprüche an den Wänden drückten aus, was die meisten Studenten dachten. Sie waren links. Bisweilen linksradikal. Wollten die Verhältnisse ändern. Das galt von den siebziger Jahren bis heute. So ziemlich jeder Uni-Streik nahm im Turm seinen Anfang. Und während in anderen Fachbereichen schon darüber diskutiert wurde, wie man das Studium verkürzen und an die Anforderungen von Bachelor und Master anpassen kann, wurde im Turm vor allem über Hegel und Adorno diskutiert. Manche behaupten, dieses Haus sei das letzte Überbleibsel der Kritischen Theorie gewesen, die letzte Bastion gegen die moderne Hochschule, deren neues Gelände im Westend zu Recht als schönster Campus des Kontinents gilt.

Das mit der letzten Bastion ist sicherlich übertrieben. Aber Tatsache ist, dass die meisten Turm-Studenten Uni anders definieren als eben besagte Juristen und Wirtschaftswissenschaften. Nach dem Umzug der Gesellschaftswissenschaften auf den Campus Westend hatte die Hochschulleitung ständig mit Vandalismus zu kämpfen. Offenbar meinten manche Studenten, sie müssten ihr neues Revier markieren.

„Staat. Nation. Kapital. Scheiße“

Ob Bauleiter Voelkel weiß, was für ein Gebäude er da zur Sprengung vorbereitet? „Wir bekamen eine Einführung in die Geschichte des Hauses“, sagt der 44-Jährige. In erster Linie seien die Abbrucharbeiten aber ein Auftrag. Kein gewöhnlicher Auftrag, sondern eine „besondere Herausforderung“. Ein derart hohes Hochhaus wurde in ganz Europa noch nie gesprengt. Das Gebiet rund um den Turm ist dicht besiedelt, Fehler könnten zu einer Katastrophe führen. Doch Voelkel und seine Leute lassen keinen Zweifel daran, dass sie wissen, was sie tun.

Eine Säge kreischt im 17. Stock. Bauarbeiter sind dabei, einen Betonblock auszuschneiden. Hier entsteht ein Sprengloch. Am 2. Februar wird dort explosives Material gelagert. Sprengmeister Eduard Reisch, der den Einsatz leiten wird, hat genau ausgerechnet, wo es Detonationen geben muss, damit der Turm fällt wie geplant. Wichtig ist, dass jetzt in die Stützen des Gebäudes viele kleine Löcher gebohrt werden, in die kleinere Sprengladungen gesteckt werden. So ist sichergestellt, dass tatsächlich alle Etagen einstürzen.

„Sprengt den Turm“

Ursprünglich hatten die Experten der Firma AWR einen anderen Auftrag. Sie sollten den Turm klassisch abbrechen. Stockwerk für Stockwerk. Riesige Bagger und Kräne sollten zum Einsatz kommen. Doch die Anwohner hatten schon nach wenigen Wochen, in denen das Gebäude entkernt wurde, die Nase voll von Baulärm und Dreck. Bei der ABG Frankfurt Holding, die den Turm 2011 kaufte und das frei werdende Gelände als Teil des neuen Kulturcampus vermarkten will, gingen täglich Beschwerden ein. Ende vergangenen Jahres besprach sich Geschäftsführer Frank Junker mit Experten und entschied: Der Turm wird gesprengt. Anfang voriger Woche gab die Bauaufsicht grünes Licht.

Jörg Voelkel beendet den Rundgang durch das Gebäude. Wieder im Erdgeschoss, wo sich früher das Foyer befand, fällt der Blick auf Erdberge. Sie sollen das Feld begrenzen, auf das die Trümmer stürzen. Etwa drei Monate wird es dann noch dauern, bis der Schutt pulverisiert und abtransportiert ist. Dann wird nichts mehr übrig sein. Der AfE-Turm wird Geschichte sein.

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