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Neuer Stadtteil „Das Kirchturmdenken muss endlich aufhören“

Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) will das Neubaugebiet zu einem Modellprojekt machen und fordert eine Internationale Bauausstellung.

Rosemarie Heilig | B90/Die Grünen | Frankfurt | 22.08.2017
Umweltdezernentin Rosemarie Heilig. Foto: peter-juelich.com (peter-juelich.com)

Gegen den Stadtteil, den Frankfurt im Norden plant, regt sich Widerstand. Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) erklärt, welche Anforderungen diese große Siedlung in ihren Augen erfüllen muss.

Frau Heilig, was war Ihr erster Gedanke, als Sie erfuhren, dass Frankfurt einen neuen Stadtteil im Norden beidseits der vielbefahrenen Autobahn A5 entwickeln möchte?
Dieser Stadtteil kann eine große Chance sein. Frankfurt wächst wie alle Städte in der Rhein-Main-Region. In den Grenzen von Frankfurt den Bedarf an Wohnraum zu decken, würde bedeuten, viel Grün und Freifläche zu verlieren. Ich bin überzeugt, dass wir das Wohnungsproblem nur gemeinsam mit der Region lösen können. Es wäre gut gewesen, wenn man zunächst mit der Region gesprochen hätte.

Genau diese Kritik hat jetzt die OB-Kandidatin der CDU, Bernadette Weyland, geäußert.
Wir bräuchten eine gemeinsame Initiative für eine Internationale Bauausstellung. Sie soll exemplarisch die Frage beantworten, wie wir das Wachstum der Städte in den Zeiten des Klimawandels bewältigen. Das ist die Herausforderung unserer Generation. Wir müssen endlich aufhören, nur von Frankfurt zu sprechen. Irgendwann wird es eine große Stadt geben, die heißt: Frankfurt-Rhein-Main. Davon bin ich fest überzeugt. Die Kommunen sollten eine regionale Regierung bilden, in der jede eine Stimme hat. Das Vorbild dafür ist zum Beispiel der Großraum Paris.

Sollte es auch ein regionales Parlament geben?
Ja, wir brauchen ein regionales Parlament. Das Kirchturmdenken der einzelnen Bürgermeister in der Region muss endlich aufhören.

Aber die Politiker in Steinbach und Oberursel sagen: den neuen Stadtteil bitte nicht mit uns.
Das ist genau das Kirchturmdenken, das ich kritisiere. Wir müssen gemeinsam darüber reden, wo wir Wohnen wollen und wo Gewerbe. Und wir brauchen auch eine Festlegung darauf, welche Flächen in der Region nicht bebaut werden dürfen. Deshalb brauchen wir die Internationale Bauausstellung. Wir müssen unsere Region enkelfähig machen.

Eine Internationale Bauausstellung kann es nur geben, wenn das Land sich beteiligt.
Ja. Das Land muss sich beteiligen. Wir müssen auch den Vogelsberg oder den Odenwald in solche Überlegungen einbeziehen, die ja Bewohnerinnen und Bewohner verlieren.

Was sagen denn die Grünen in der hessischen Landesregierung, wenn Sie ihnen eine Bauausstellung vorschlagen?
Ich bin sicher, dass sich die Grünen von der Idee einer regionalen IBA, die die ökologischen Fragen ins Zentrum stellt, gerne überzeugen lassen. Bauausstellungen hat es in Deutschland ja schon mehrere gegeben, etwa im Ruhrgebiet – nur können wir an die Konzeptionen der 80er und 90er Jahre heute nicht nahtlos anknüpfen ...

... eine IBA gab es sogar schon in den 50ern in Berlin. Die damals entstandenen vorbildhaften Hochhäuser stehen heute noch.
Der neue Frankfurter Stadtteil könnte exemplarisch zeigen, wie enkelfähige Stadtentwicklung aussehen kann.

Auf den ersten Blick ist das ja nicht einfach. Der neue Stadtteil im Norden wird durchschnitten von einer achtspurigen, vielbefahrenen Autobahn, die A5. Wie kann diese Trennwirkung überwunden werden?
Da muss man von anderen Städten lernen, etwa von Hamburg. Die Autos müssen, wo es möglich ist, unter die Erde gebracht werden, wo nicht, kann man mit Landschaftsbrücken Trennendes verbinden. Beides kostet, und dann kommt schnell die Frage: Wer soll das bezahlen? Da kann ich nur sagen: Für die Entwicklung des Rhein-Main-Flughafens wurden große Industriebetriebe wie Ticona verlegt. Da spielte Geld keine Rolle. Wir müssen mutig nachdenken über die Stadt der Zukunft. Die Herausforderung ist, den neuen Stadtteil massiv zu durchgrünen.

Nordend und Sachsenhausen haben ja zum Teil noch grüne Vorgärten, andere sind zubetoniert worden ...
... obwohl das nicht erlaubt ist. Wir haben eine Vorgartensatzung, die wird aber nicht eingehalten. Dafür müssen wir die Möglichkeiten der Bauaufsicht stärken. Es geht aber nicht nur um Grün. Ich wünsche mir, dass wir einen autofreien Stadtteil entwickeln, nur für Fußgänger und Radfahrer.

Die Überlegung ist ja, die U-Bahn-Linie U6 in den neuen Stadtteil hinein zu verlängern und einen Haltepunkt der S-Bahn bei der Regionaltangente West zu schaffen.
Wir haben jeden Tag 400 000 Pendler nach Frankfurt. Die Belastung durch die Autos ist riesengroß. Wir dürfen keine autogerechten Städte mehr bauen, wir dürfen keine Rücksicht mehr nehmen auf die Belange des Autos. Ich wünsche mir auch grüne Marktplätze mit belebten Erdgeschossen, mit Restaurants und Cafés. Es geht auch um eine älter werdende Gesellschaft und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben auch im Alter.

Als Sie Anfang der 90er Jahre als Politikerin in den Umweltausschuss im Römer gingen, war gerade ein Consilium Stadtraum Main gebildet worden. Da berieten Planer und Architekten beim Wohnungsbau am Main, bei der Belebung der Ufer. Sollte es für den geplanten neuen Stadtteil ein solches Consilium mit internationalem Sachverstand geben?
Aber natürlich. Das würde ja bei einer Internationalen Bauausstellung auch geschehen. Es könnte eine Aufbruchstimmung für die gesamte Region entstehen.

Tatsächlich will das Land aber die Landwirtschaft im Frankfurter Norden schützen, deren Flächen für den neuen Stadtteil gebraucht werden.
Wir sind immer noch zu kleinteilig unterwegs.

Wichtig wird sein, die Menschen vor Ort zu gewinnen. Woher kommen die Ängste und Bedenken, die es dort gibt?
Veränderungen lösen bei den Menschen immer Ängste aus. Das haben wir beim Stadtteil Riedberg erlebt. Viele sagen, es solle alles so bleiben, wie es ist. Man muss sich mit den Menschen intensiv auseinandersetzen.

Wollen Sie selbst sich auch vor Ort der Diskussion stellen?
Ja, natürlich. Und der beste Rahmen für eine streitbare und offene Debatte wäre eine IBA. Eine IBA nicht nur von und für Experten, sondern eine IBA für alle!

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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