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"Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen" Neue Formen der Nachbarschaft gesucht

Birgit Kasper vom Netzwerk gemeinschaftliches Wohnen spricht über Qualität beim Bauen und über den Markt in Frankfurt.

Birgit Kasper hält Qualität für wichtiger als eine kurzfristige Rendite. Foto: privat

Frau Kasper, sieben Jahre hat es gedauert, ehe die sechs Wohngenossenschaften auf dem Naxos-Gelände ihre Häuser hatten und tatsächlich einziehen konnten. So eine Durststrecke übersteht man nur schwer.
Aber es lohnt die Mühe, auch bevor es so weit ist. Allein schon die Erfahrung der Zusammenarbeit, dann der Prozess des gemeinsamen Bauens, sozusagen in Handarbeit, nicht in Massenproduktion. Da entsteht Qualität. Dass so wenige Gruppen den Fuß in die Tür bekamen, liegt daran, dass es für Wohngenossenschaften in Frankfurt in der Vergangenheit nur wenige Nischen gab.

Den sechs Wohngruppen, die für den sogenannten Kulturcampus Bockenheim ausgesucht wurden, steht eine genauso lange Durststrecke bevor. Obwohl man ihnen die Tür aufgemacht hat.
In Bockenheim sollte es anders laufen, da gibt es den eindeutigen Beschluss, dass 15 Prozent der Flächen an gemeinschaftliche Wohnprojekte gehen sollen. Dass es sich so hinzieht, liegt wohl daran, dass sich der Abzug der Universität verzögert. Auch die ABG Holding, der ja die Grundstücke gehören, übermittelt, sie wisse nicht, wie es weitergeht.

Wie sollen die sechs Gruppen das durchhalten? Können Sie vom Netzwerk gemeinschaftliches Wohnen Hilfen geben?
Wir treffen uns regelmäßig und tauschen uns aus. Aber wir wissen eben nicht, wann die ABG welche Parzelle anbietet und zu welchem Preis. Die Gruppen warten und warten und am Ende kann es sein, dass ihr Geld gar nicht reicht. Wenn die ABG zum Beispiel noch die Erschließungskosten an die Gruppen durchreicht und dann Preise aufgerufen werden, die für künftige Bewohner mehr als zwölf Euro Miete pro Quadratmeter bedeuten.

Wie lässt sich so ein Verfahren besser steuern?
Ein Gewinn ist der geplante, mit sieben Millionen Euro ausgestattete Liegenschaftsfonds. Mit dem Geld soll die KEG Entwicklungsgesellschaft brachliegende Grundstücke vorrangig für gemeinschaftliches Wohnen kaufen und bereitstellen. Wir befürworten, die Entwicklung solcher Flächen nach dem sogenannten Konzeptverfahren zu steuern. Etwa nach dem Beispiel von Tübingen. Da werden Parzellen nicht an Bauherren mit dem höchsten Angebot verkauft, sondern zum Verkehrswert an die Bewerber mit den besten Ideen. Und die werden zuvor in einem Ideenwettbewerb ermittelt. Es ist letztlich die wirtschaftlichere Art der Stadtentwicklung. Weil Maßstab die langfristige Qualität ist und nicht die kurzfristige Rendite, werden auch die Preise nicht hochgetrieben. Und das zahlt sich für eine Stadt aus.

Hier in Frankfurt auf dem Campus Bockenheim läuft es anders?
Zu befürchten ist die konventionelle Art der Entwicklung. Offen ist auch, wie die hohen Grundstückspreise zustande kommen, weil die Erhebung der Bodenrichtwerte durch den Gutachterausschuss intransparent ist. Immerhin war das Bewerbungsverfahren für Bockenheim fairer als das für die Naxos-Grundstücke. Dass am Rand des Naxosareals überhaupt 30 Prozent der Fläche für gemeinschaftliches Wohnen reserviert wurden, musste erst durchgesetzt werden. Dann mussten die Bewerber sogar eigene Architektenentwürfe vorlegen – ohne zu wissen, ob sie überhaupt zum Zuge kommen.

Warum macht man es solchen Gruppen so schwer? Die Stadt könnte ja froh sein, weil die sich gegenseitig beistehen und öffentliche Aufgaben übernehmen.
Es ist noch ungewohnt. Aber langsam tut sich was. In Städten, wo die vergangenen Jahrzehnte mehr Wert auf Innovation gelegt wurde, gibt es bereits viel mehr gute Ansätze. Hier in Frankfurt konnte der Wohnungsmarkt stets meistbietend verkaufen oder vermieten. Da musste man sich auf Sonderwünsche oder Mitsprache künftiger Nutzer nicht einlassen, das bedeutete nur Mehrkosten. Dabei bin ich überzeugt: Wenn wir beim Bauen nicht eine neue Lebensqualität entwickeln, steuern wir auf ein Riesenproblem zu. Die Städte sind zum Beispiel auf zunehmende Altersarmut nicht vorbereitet. Wir müssen Formen für neue Nachbarschaften finden, in denen Leute bewusst miteinander leben und sich unterstützen können.

Interview: Claudia Michels

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