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Naxos-Gelände im Ostend Selbstverwaltung ist Pflicht

Im Neubau von "Fundament" auf dem Naxos-Gelände im Ostend siedeln jetzt Genossenschaften, drei sind schon eingezogen. Gegen die Interessen der Voreigentümer, an die Meistbietenden zu verkaufen, haben sie sich ihr Fabrikgelände erstritten.

So wohnen Genossen auf Naxos. Bei „Fundament“ (Mitte) sind schon Leute eingezogen. „Baumaßschneider“ und „Lila Luftschloss“ (r.) sind noch im Bau. Foto: christoph boeckheler*

Das also sind die Genossen. Peter, Regine, Birgit, Christoph, Claudia. Marlies ist bei der Ortsbesichtigung in den Tagen des Einzugs gerade arbeiten. Als Letzte wird noch Ingrid erwartet. Treppauf, treppab tigert Rainer durchs Haus und erscheint ganz oben, bei Birgit, in der Tür – nur so, nur mal zum Gucken.

Aktuell kommen im Neubau von „Fundament“ an der Wittelsbacherallee 13 Wohngenossen zusammen, in zwölf Wohnungen. Eine, gedacht für zwei Personen, ist noch frei. Wer sie nehmen will, muss als Einstandssumme pro Quadratmeter 600 Euro mitbringen. Bis auf ein Paar sind nur Singles eingezogen; „die Familien sind über die Jahre alle abgesprungen“. Denn Planungssicherheit konnte die Genossenschaft beim Warten auf das Naxos-Gelände am wenigsten bieten.

Peter Sauer aus dem Erdgeschoss ordnet die Genossen als „linksliberales Bürgertum“ ein. Die Leute, meist Stadteilbewohner aus Nordend, Bornheim oder Ostend, gehörten alle in ein Milieu. Auch „aus dem Umfeld LAG“ seien welche dabei, informiert der Genossen-Sprecher – vom einst in den Adlerwerken gegründeten Verein „Leben und Arbeiten in Gallus und Griesheim“.

Gegen die Interessen der Voreigentümer, an die Meistbietenden zu verkaufen, haben sie sich also woanders ihr Fabrikgelände erstritten. Wo an der Straße mal die Naxos-Verwaltungsgebäude standen, sollten ja „eigentlich Luxuswohnungen hin“.

Im 5. Stock hat Birgit Buchner ihre „erste Nacht bei Dreifachverglasung“ zur Wittelsbacherallee hinter sich. Am Morgen sitzt sie neben aufgestapelten Kartons auf ihrem kleinen Sofa und staunt durch die raumhohen, die ganze Breite des Zimmers einnehmenden Holzfenster den Himmel an. Buchner war im Ringen um das Grundstück für die Genossenschaft „Fundament“ eine Vorreiterin. Dann wurde sie zeitweise auch zur heftigen Zweiflerin.

Jetzt macht sie sich bewusst: „Die Qual der sieben Jahre liegt hinter uns.“ Die Zeit der Bewerbungen, der Verabredungen, der Sitzungen, der Planungen, der Abstimmungen, der Berechnungen, „alles vorbei“. Buchner lacht, immer noch ein bisschen ungläubig. Peter Sauer, der Genosse aus dem Erdgeschoss, lacht auch, und zwar aus vollem Herzen. Für ihn ist „das Erlebnis dieses gemeinschaftlichen Einzugs gigantisch“.

Zumal nicht nur die von „Fundament“ auf Naxos am Platz sind. Genau vis-à-vis sind die „Wohnbaugenossenschaft in Frankfurt“ und die Genossen von der „Schnellen Kelle“ in ihre Neubauten eingezogen. Alle in Sichtweite, „und alle sagen sich ,Hallo‘“, schwelgt Sauer im neuen Lebensgefühl – „das würde man doch in keiner anderen Wohnanlage erleben“. Ihn als Radfahrer erinnere es an das Erfolgserlebnis beim Erreichen des Berggipfels nach stundenlangem Hochstrampeln: „Man kommt oben an und heult vor Glück.“

Die allerersten Wochen, im November, waren ausgefüllt damit, den Wohnwert des Stein auf Stein gemauerten, energiesparenden Gebäudes abzuklopfen.

Nebenbei ließ sich das Zusammenleben austesten, mal in dieser Wohnung, mal in jener. Die einen richten sich eher kleinteilig ein und haben als Erstes den Orientteppichläufer ausgelegt. Die anderen wollen es offen, weitläufig und mit blankem Parkett.

Entscheidungen werden zusammen gefasst

Man muss sich vor allem einfühlen, wie es ist, wenn die oberste Instanz des Wohnens „die Gruppe“ ist. „Wir sehen uns Donnerstag“, verabschiedet sich Rainer oben aus Birgits kleinem Flur. „Ja“, antwortet Birgit nachdenklich, „Donnerstag ist ja Gruppe“. Alle zwei Wochen ist „Gruppe“, die turnusmäßige Bewohnersitzung. Zu der selbstverständlich verlangten „Bereitschaft, aufeinander zuzugehen“ gehört, was Peter Sauer „Spielregeln“ nennt. Wichtige Entscheidungen dürften nicht spontan gefasst werden. Nach „einer Trendabstimmung“ müssen das Ergebnis erst mal alle lesen.
Buchner überlegt, wie das im Haus bei Streit laufen könnte. Angenommen, eine(r) lässt den Müll vor der Tür stehen, oder, noch schlimmer, regelmäßig seine Schuhe. Gedanklich nimmt sich die frühere FR-Redakteurin schon jetzt vor, „dass ich niemanden runterbügle“. Als vorläufige Regel gelte, dass Konfliktfälle „in der Gruppe mindestens zweimal besprochen werden müssen“. Und wenn das nicht hilft, „geht’s zum Mediator“. Den, denkt Buchner die Geschichte zu Ende, „muss dann die Gruppe zahlen“.

Selbstverwaltung ist Pflicht. Sauer will von „Kümmerern“ reden; das klinge besser als „Hausmeister“. Es gibt zum Beispiel Zuständige für die Haustechnik, für den Dachgarten oder die Verwaltung des Gemeinschaftsraums im Erdgeschoss. Der Raum mit großer Terrasse zum Innenhof ist zum Kochen, Essen und Feiern, für kleine Veranstaltungen oder zum Übernachten eingerichtet.

„Fundament“ schickt auch einen Abgesandten in die Sitzungen des Ortsbeirats. Denn mit Unterschrift unter den Erbbaupachtvertrag mussten sich die Naxos-Genossenschaften „zu einer Stadtteil-Rendite“ verpflichten. Kümmerer Sauer fragt sich, „warum eigentlich“. Die Stadt sei ihnen bei der Investition in keiner Weise entgegengekommen.

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