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Kulturcampus Bockenheim Bürger-Ideen liegen auf Eis

Initiativen fordern in einem offenen Brief, einen Planungswettbewerb für die Flächen des Kulturcampus durchzuführen, auf denen Wohnen infrage kommt.

Auf dem früheren AfE-Gelände haben die Arbeiten für einen Wohnturm begonnen. Bis die Musikhochschule auf den Kulturcampus zieht, wird es dagegen noch Jahre dauern. Foto: christoph boeckheler 0049.1702932067 mail@boeckheler.com

Mehr als fünf Jahre ist es mittlerweile her: Hunderte Menschen diskutierten Anfang 2012 in mehreren Planungswerkstätten über die Zukunft des Kulturcampus, der ein Modellquartier werden sollte. Die Stadt schien die Sache mit der Bürgerbeteiligung ernstzunehmen: Politiker, Vertreter von Kulturinstitutionen und Bürgerinitiativen stellten sich den zum Teil heftigen Debatten. Alles wurde gewissenhaft dokumentiert und am Schluss stand ein Konsensplan, an dem sich die Stadt fortan orientieren wollte. Hat es etwas gebracht? Wie passen Anspruch und Wirklichkeit fünf Jahre später zusammen?

Zwei Kernforderungen kristallisierten sich bei den Planungswerkstätten heraus. Erstens: Günstiger Wohnraum. Die Teilnehmer sind sich weitgehend einig, dass sie kein zweites Europaviertel wollen, sondern ein Quartier in dem auch Menschen mit geringem Einkommen, Studenten, Auszubildende und Rentner wohnen können. Das soll nicht nur durch geförderten Wohnraum erreicht werden. Auch auf gemeinschaftliche Wohnprojekte legen viele Bürger großen Wert. Besonders eine Initiative tut sich hervor: Die „Philosophicum-Gruppe“ will den klotzigen Ex-Unibau vor dem geplanten Abriss schützen, und dort als Wohngenossenschaft mit 100 Menschen einziehen.

Momentan herrscht beim Thema Wohnen allerdings eher Ernüchterung. Zum Einen geht ABG-Chef Frank Junker mittlerweile davon aus, dass weniger Wohnungen entstehen werden als geplant. Zum anderen werden wichtige Flächen für den Wohnungsbau an der Gräfstraße erst Jahre später frei als erwartet, weil der endgültige Uni-Umzug ins Westend sich verzögert.

Von den geplanten 1200 Wohnungen, hat die ABG bislang nur knapp 200 gebaut, im Norden des Areals. Dazu kommen 300 Luxuswohnungen auf dem Areal des alten AfE-Turms und rund 230 Mikroapartments im Philosophicum. Das ist letztendlich zwar tatsächlich erhalten worden. Den Zuschlag bekam allerdings nicht die Genossenschaft, sondern ein Investor, der eher teuer für Studenten und Pendler baute. Bislang sind nur 38 geförderte Mittelstands-Wohnungen entstanden.

Zukunft völlig offen

Und obwohl bereits sechs gemeinschaftliche Wohnprojekte ausgewählt wurden, die zukünftig auf dem Campus Platz finden sollen, ist auch deren Zukunft völlig offen. Anette Mönich, die Teil einer dieser Gruppen ist, kritisiert: „Bisher entsteht fast nur teurer Wohnraum und wir fragen uns: Wo sollen die vielen fehlenden Wohnungen für Geringverdiener und gemeinschaftliche Projekte entstehen? Bisher gibt es dafür keine realistische Perspektive.“ In einem offenen Brief forderten mehrere Initiativen jetzt, trotz der Verzögerungen des Uni-Umzugs einen Planungswettbewerb für die Flächen durchzuführen, auf denen Wohnen infrage kommt. Man brauche endlich Klarheit darüber, ob die Versprechen tatsächlich umgesetzt werden könnten.

Planungsdezernent Mike Josef (SPD) sieht einen solchen Wettbewerb aktuell nicht als sinnvoll an, spricht sich aber dafür aus, die Zusagen an die Wohngruppen zu „fixieren“. Außerdem verhandle er mit dem Land Hessen darüber, ob einzelne Uni-Institute schon früher auf Ausweichflächen umziehen könnten. So sollen an der Gräfstraße zumindest Teilareale freiwerden, die gemeinsam mit den Wohngruppen beplant werden könnten.

Neben dem Wohnen wurde vor allem ein Thema bei den Planungswerkstätten bis ins Kleinste debattiert: Die Kultur. Einigkeit bestand in einem Punkt: Ohne die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) wird es auch keinen Kulturcampus geben. Andere Institutionen wie das Ensemble Moderne wollten sich im Umfeld der Hochschule ansiedeln, zusammen ein „Kulturzentrum mit internationaler Ausstrahlung“ bilden. Doch nicht nur Hochkultur sollte Raum bekommen, sondern auch die freie Kunstszene. Hier setzten viele auf eine Zukunft des Studierendenhauses als „Offenes Haus der Kulturen“.

Heute ist die Rolle der Kultur auf dem Campus unsicherer denn je – abgesehen von der Erweiterung des Senckenbergmuseums. Nach langem Hin und Her scheint immerhin die Ansiedlung der HfMDK gesetzt zu sein. Sie soll jetzt statt neben das Bockenheimer Depot ins Zentrum des Campus ziehen. Das bedeutet aber auch, dass dort kein Platz für Ensemble Moderne und Co bleiben wird. Aktuell werde ermittelt, welchen Raumbedarf die Institutionen haben und wo sie stattdessen Platz finden könnten, sagt Dezernent Josef. Die Realisierung des Offenen Hauses der Kulturen ist mittlerweile im Koalitionsvertrag festgehalten, steht aber wegen eines Konflikts um die Finanzierung noch auf wackeligen Füßen. Der Architekt DW Dreysse, einer der ersten Fürsprecher des Kulturcampus, ist sauer: „Keiner setzt sich richtig für die Kulturinstitutionen ein. Die Stadt lässt hier eine wunderbare Möglichkeit liegen.“ Der Verein Offenes Haus der Kulturen etwa habe sich zu einem ersten „Kulturnukleus“ entwickelt, werde aber nicht richtig ernstgenommen. „Stadt und ABG sollten sie viel mehr unterstützen.“

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