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Ginnheim Die Siedlung und das Getto-Image

Drogen, Randale, Razzien. Die Frankfurter Platensiedlung sorgt für Schlagzeilen. Ein echter sozialer Brennpunkt ist sie dennoch nicht.

Platensiedlung in Frankfurt
Ästhetisch nicht jedermanns Geschmack - aber weit entfernt von einem Getto: die Platensiedlung in Ginnheim. Foto: Michael Schick

An einem Gespräch ist der junge Mann eigentlich nicht interessiert. „Nein. Sie brauchen gar nicht fragen. Ich verkaufe keine Drogen, kein gar nichts!“ Der 23-Jährige lehnt an der Rückwand eines viergeschossigen Wohnblocks in der Franz-Werfel-Straße in Ginnheim. Eine lange schwarze Daunenjacke schützt ihn vor der herbstlichen Witterung. In der linken Hand qualmt ein fast ausgerauchter Joint. Es ist 11 Uhr vormittags. „Ich bin Kiffer. Und?“, sagt er, bevor er das Tütchen zu Boden fallen lässt.

In einiger Entfernung sitzen drei junge Männer auf einer Bank. In ihrem Rücken ein Drahtzaun, der die Grünfläche am südlichen Rand vom benachbarten Sportplatz abgrenzt. Dahinter der graue Koloss der Bundesbank. Er solle doch nicht mit der Presse reden, rufen sie ihrem Freund an der Hauswand zu. Das Wort „Lügenpresse“ fällt mehrfach. Man ist dieser Tage misstrauisch in der Platensiedlung. 

Die ehemalige Housing-Area des US-Militärs ist in den letzten Monaten in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt: Offener Drogenhandel auf der Straße, Krawalle an Halloween, Hausdurchsuchungen und fristlose Kündigungen durch die ABG. Die Frankfurter Zeitungen waren vor Ort, das Hessenfernsehen. So viel Aufmerksamkeit behagt nicht jedem. „Reporter?“, will ein stämmiger Mann, im blauen Trainingsanzug wissen. „Dann scher Dich zum Teufel!“.

Mitte September hatte die Polizei zugeschlagen. Mit Durchsuchungsbefehlen für sieben Wohnungen war sie angerückt. Zuvor hatten Zivilbeamte des zuständigen zwölften Polizeireviers monatelang das Treiben rund um die Franz-Werfel-Straße beobachtet, festgestellt, wer wo dealt und aus welcher Wohnung kommt. Seit Mai ist dort die sogenannte AG „Siedlung“ angesiedelt. Sechs Beamte, die sich ausschließlich mit der Platensiedlung befassen.

Waffen, Kokain, Bargeld 

Das Ergebnis der Durchsuchungen konnte sich sehen lassen: Fünf Kilo Haschisch und Marihuana, rund 100 Gramm Kokain, Schusswaffen, Munition und 33 000 Euro Bargeld. Kurz darauf kündigte die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG - die in der Platensiedlung 680 Wohnungen verwaltet - sieben Mietverträge fristlos. Eine Abschreckungsmaßnahme, die ABG-Chef Frank Junker bereits im April in Aussicht gestellt hatte. „Die Platensiedlung ist kein sozialer Brennpunkt und darf es auch nicht werden“, erklärte er.

In den Augen der Medien scheint die ehemalige Housing-Area genau das zu sein. Bereits in den frühen 2000er-Jahren schreiben die Frankfurter Zeitungen vom „sozialem Brennpunkt“, in dem die Stimmung aufgrund des verstärkten Zuzugs „sozialschwacher Familien“ kippe. 2018 befinden sich rund 60 Prozent der Wohneinheiten noch in sozialer Bindung. Das Urteil der Medien ist nicht milder geworden. „Manche sprechen sogar von einem Getto“, heißt es in einem Zeitungsbericht von Ende September.

Tatsächlich ist die Architektur der 1995 von der US-Armee geräumten Siedlung mehr von pragmatischen als ästhetischen Erwägungen geprägt. Die viergeschossigen Wohnblocks unterscheiden sich hauptsächlich in der Farbgestaltung - wobei in der Mitte der Siedlung eine Grenze zu verlaufen scheint. Im Nordteil sind Balkone, Türen und Fenster meist neueren Datums. Im Südteil entspricht der Baubestand noch größtenteils dem, was die ABG vor 23 Jahren übernommen hat. Hier, rund um die Franz-Werfel Straße, ballen sich nach Aussage von Politik und Polizei die Probleme. 

Schlafstadt unweit des Stadtzentrums

Ein Getto ist die Siedlung aber auch hier nicht. Keine Müllberge, wie in einigen Berichten zu lesen war. Stattdessen bedeckt ein Teppich aus dichtem Herbstlaub die kaum befahrenen Straßen. Eine Schlafstadt unweit des Stadtzentrums, die vor allem eines ausstrahlt: Langeweile. „Man muss es nicht übertreiben“, sagt eine Bewohnerin. Klar machen die Jugendlichen Probleme. „Aber seit zwei Monaten ist es hier ruhig“, sagt sie. „Fast familienfreundlich“, fügt sie grinsend hinzu.

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