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Frankfurt Das Elendsquartier als Plan B

1. UpdateDer inzwischen geräumte Slum auf dem Ferro-Gelände war für Eigentümer und Stadt ein Problem - für seine Bewohner war er eine Zuflucht. Eine Begegnung mit einem der Betroffenen.

Slum Gutleutstraße
Leben in Frankfurt sieht manchmal so aus: Die Verschläge auf der Rampe links an der Gutleutstraße sind „Ein-Zimmer-Wohnungen“. Foto: Rolf Oeser

Man sollte immer eine Idee haben, wie es weitergeht, sagt Sammy (Name geändert), während er sich in die halb zerschlissene Lehne eines Bürosessels sinken lässt. „Ich versuche, mein Leben irgendwie weiterzumachen.“ Seine müden Augen blicken auf das Gleis, das knapp anderthalb Meter unterhalb der Rampe verläuft, die seit einigen Wochen wenn nicht sein Zuhause, dann doch so etwas wie eine Heimstätte ist. „Du brauchst einen Plan A, Plan B, Plan C“, sagt er und zieht an seiner Zigarette.

Welchen dieser Pläne Sammy gerade zu verfolgen glaubt, ist angesichts der Lage, in der er sich befindet, nicht ganz klar. Seit einigen Wochen – wie lange genau, verrät er nicht – zählt er zu den Bewohnern des sogenannten Hüttendorfes auf dem ungenutzten Gelände der Chemiefirma Ferro im Frankfurter Gutleut. ( Update: Die Räumung des Lagers hat bereits begonnen - lesen Sie hier die aktuelle Entwicklung ). 

Auf einer stillgelegten Laderampe für Güterzüge haben sich in den letzten Monaten geschätzt 30 Menschen in selbstgezimmerten Verschlägen eingerichtet. Ein gutes Dutzend dieser Behausungen ist in den letzten Monaten entstanden. Sie wirken stabil, auch wenn sie aus so ziemlich allem zusammengebastelt wurden, was die Bewohner auftun konnten. Brettern, Metallstangen, Teppichen. Sie Hütten zu nennen, wäre dennoch eine Übertreibung.

„Was willst du machen?“, fragt Sammy. „Wenn du in der Scheiße steckst, ist es besser, du hast einen Platz wie hier. Anders schaffst du es nicht.“ Sammy ist ein Gestrandeter. Probleme mit der Frau, mehr verrät er nicht. Die Laderampe, unterhalb derer sich Sperrmüll und sonstige Abfälle türmen, für ihn ist sie eine Art Rettungsinsel. Hofft er zumindest. Als er hier aufschlug, hatte er nur einen Schlafsack, wollte direkt auf dem nackten Betonboden schlafen. „Doch dann kamen die Leute zu mir und haben gesagt: Schlaf doch hier. Das ist okay.“ Sammy deutet auf einen der etwa zwei Meter hohen Verschläge.

Die Leute, von denen er redet, sind an diesem Freitagvormittag größtenteils schon unterwegs. Es handelt sich überwiegend um obdachlose Wanderarbeiter, vor allem aus Rumänien. Viele von ihnen, berichtet Sammy, seien schon um 4 Uhr morgens aufgestanden. Pfandflaschen und Altmetall sammeln, einige suchten nach weggeworfenen Schuhen, die sie am Wochenende auf Flohmärkten anbieten.

Sammy ist keiner von ihnen. Er spricht Deutsch, doch seine dunkle Hautfarbe und die englischen Ausdrücke, die er immer wieder beiläufig verwendet, verraten, dass er ursprünglich woanders herkommt. Doch darüber redet Sammy nicht. Er redet lieber über die Leute, die ihm geholfen haben. „Ganz ehrlich, die arbeiten hart. Ich habe Respekt vor ihnen.“

Während Sammy von Respekt redet, ist man abseits des Ferro-Geländes vor allem mit der Frage beschäftigt, wie man den kleinen Slum nah am Frankfurter Stadtzentrum beseitigen kann. Die Firma Ferro hält bereits seit Ende April eine Verfügung des Frankfurter Landgerichts in Händen, die eine Räumung des Geländes jederzeit erlauben würde. Doch das Unternehmen zeigt bislang Langmut. Man wolle die Menschen nicht einfach auf die Straße setzen, erklärte Ferro-Standortleiter Stefan Pfeiffer Anfang Mai der FR. Ob sich an dieser Einstellung inzwischen etwas geändert hat, ist unklar; Pfeiffer war bis Redaktionschluss nicht zu erreichen.

Anspruch oder Abfahrt

Sammy hat von der Räumungsabsicht noch nichts mitgekriegt. Wohin er im Fall der Fälle soll, weiß er nicht. Er war schon mal obdachlos. Damals kam er in der Notunterkunft im Ostpark unter. Doch da würden zu viele Leute Drogen nehmen, berichtet er. „Wenn die dann ihren Film fahren, war es das mit Schlafen. Und die Leute hier arbeiten.“ Die Rampe ist Sammys Plan B. An Plan C arbeitet er noch.

Die Stadt begleitet die Räumung mit Dolmetschern und Mitarbeitern. „Dann läuft das übliche Verfahren“, erklärt Manuel Skotnik, Sprecherin des Sozialdezernats. Das bedeutet, dass die städtischen Ämter prüfen, ob die Bewohner eventuell Ansprüche auf Unterstützung haben. Wenn nicht, bleibt als letztes Angebot die Finanzierung der Rückfahrt. Anspruch oder Abfahrt – das werden die Alternativen sein.

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