Lade Inhalte...

Behinderte in Frankfurt „Die Stadt müsste mit der ABG mal Klartext reden“

Die Frankfurter Behindertenbeauftragte Friederike Schlegel spricht im FR-Interview über den Mangel an barrierefreien Wohnungen, Schlupflöcher für Bauherren und ihren Ärger, zu oft den Schwarzen Peter zu haben.

Rollstuhlfahrer
Sehr wenige Wohnungen in Frankfurt sind barrierefrei. Als Rollstuhlfahrer kommt man oft nicht mal in den Hausflur. Foto: imago stock&people

Friederike Schlegel  ist seit 1999 Beauftragte für Belange von Menschen mit Behinderungen bei der Stadt Frankfurt.  Die 64-Jährige ist Sachverständige für barrierefreies Bauen.

Frau Schlegel, wie schwierig ist es für Menschen mit Behinderung, in Frankfurt eine Wohnung zu finden?
Ziemlich schwierig. Sehr viele Leute suchen eine barrierefreie Wohnung. Aber nur etwa 2,5 Prozent des Frankfurter Wohnungsbestands sind nach Zahlen des Wohnungsamtes barrierefrei, behindertenfreundlich oder seniorengerecht. Wenige davon sind rollstuhlgerecht. Sehr viele Wohnungen sind in Häusern ohne Aufzüge. Und oft sind nicht mal die Erdgeschosswohnungen erreichbar, weil fünf, sechs Stufen auf ein Hochparterre führen.

Hat sich das Problem durch den gestiegenen Druck auf den Wohnungsmarkt noch verschärft?
Ja, schon weil die Preise und Mieten weiter angestiegen sind. Eine Folge ist, dass Menschen mit Mobilitätseinschränkungen teilweise in einer Wohnung bleiben, aus der sie fast nicht mehr alleine herauskommen, weil sie sich eine kleinere, aber barrierefreie nicht leisten können.

Nach der Hessischen Bauordnung (HBO) müssen die Wohnungen in mindestens einem Stockwerk eines neuen Gebäudes barrierefrei zugänglich sein. Reicht das?
Nein, ich denke, das reicht nicht aus. Fast immer werden die barrierefreien Wohnungen zudem im Erdgeschoss geschaffen. Aber will man, nur weil man im Rollstuhl sitzt, zwangsverpflichtet werden, im Erdgeschoss zu wohnen? Es wäre viel praktischer, aber auch technisch sinnvoll, wenn man die barrierefreien Wohnungen übereinander bauen, also auf alle Geschosse verteilen würde.

Haben Sie denn den Eindruck, dass die Bauherrn wenigstens den geforderten Anteil an barrierefreien Wohnungen schaffen?
Das ist schwer zu sagen. Ich bin nicht bei der Bauaufsicht tätig. Aber auch diese prüft meines Wissens allerhöchstens stichprobenhaft, ob die geforderte Barrierefreiheit auch entstanden ist. Es kommt zudem häufig vor, dass die Bauaufsicht Bauherren Abweichungen in Aussicht stellt, unter der Prämisse, dass ich als Behindertenbeauftragte zustimme. Damit wird mir der Schwarze Peter zugeschoben.

Nach dem Entwurf für eine Novellierung der Bauordnung sollen künftig mindestens 20 Prozent der Wohnungen, aber höchstens 20 Wohnungen in einem Wohngebäude barrierefrei zugänglich sein. Ist das eine Verbesserung?
Nein, das ist im Zweifel eine Verschlechterung. Die Begrenzung auf höchstens 20 Wohnungen ist nicht sinnvoll.

Auch barrierefrei zugängliche Wohnungen sind oft zum Beispiel für Rollstuhlfahrer nicht komplett nutzbar. Nach der neuen HBO sollen auch Balkons schwellenlos erreichbar sein. Ist das denn ein Fortschritt?
Auf jeden Fall. Die Energierichtlinien, die für den Neubau gelten, dürfen nicht dazu führen, dass ein Rollstuhlfahrer oder jemand, der auf einen Rollator angewiesen ist, ohne fremde Hilfe nicht auf seinen Balkon oder seine Terrasse gelangen kann.

Die Investoren halten schwellenlose Balkons für technisch nicht so einfach zu realisieren.
Das ist zwar teurer, aber technisch sehr einfach möglich. Wenn sich Leute nicht allein in ihrer Wohnung bewegen können, eine Assistenz brauchen, kostet das aber noch mehr Geld.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum